Eigentlich war der Film nicht nur längst abgedreht, sondern auch schon fix und fertig nachbearbeitet. Der Termin für die Premiere im vergangenen November stand kurz bevor, und auch der Starttermin keine sechs Wochen später war bereits festgelegt. Doch dann kam der Weinstein-Skandal – und alles wurde anders für Ridley Scotts auf einem wahren Fall basierenden Entführungs-Drama „Alles Geld der Welt“.

Der Vorfall um Darsteller Kevin Spacey

Als in dem andauerndem Nachbeben auch massive Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe gegen Scotts Darsteller Kevin Spacey bekannt wurden, fackelte der Regisseur nicht lange: Er wollte den „House Of Cards“-Star nicht mehr in seinem Film haben und ließ ihn kurzerhand aus dem fertigen Film entfernen, ohne jedoch den Starttermin zu verschieben. Christopher Plummer sprang als Öl-Milliardär und Kunstsammler Jean Paul Getty ein, der sich in den 1970er-Jahren weigerte, für seinen entführten Enkel das Lösegeld zu zahlen.

In einem Vorhaben, das rein logistisch äußerst ambitioniert und allein schon deshalb wahnwitzig war, mussten 22 Szenen der aufwändigen Produktion innerhalb von nur neun Tagen nachgedreht werden: mit vielen Dialogen, an unterschiedlichen Drehorten von der Wüste bis hin zu eine Anwesen in Italien und mit vielbeschäftigten Co-Stars wie Mark Wahlberg und Michelle Williams, die sich dafür freischaufeln mussten.

Dass im Nachhinein bekannt wurde, dass Williams – obwohl sie von derselben Agentur vertreten wird – für den Nachdreh nur knapp 1000 US-Dollar bekam und Wahlberg weit über eine Million, brachte den Film ein weiteres Mal in die Diskussion um Ungerechtigkeiten, die Benachteiligung von Frauen und die #MeToo-Debatte über sexuelle Übergriffe im Filmgeschäft. Genauso wahnwitzig wie Scotts Vorhaben ist beim fertigen Film nun aber auch die Tatsache, dass ihm nichts von diesen überstürzten Entscheidungen anzumerken ist. Ja, im Kino sieht man einfach ein aufwändig inszeniertes, hochkarätig besetztes Drama mit einem makellos eingebauten Plummer.

Obwohl das Entfernen Spaceys dabei auch jede Menge moralischer Fragen aufwirft, ging es Scott wohl in erster Linie um das kommerzielle Interesse. Es galt zu verhindern, dass „Alles Geld der Welt“ durch den gebrandmarkten Oscar-Preisträger zum Kassengift wird. Außerdem wollte Scott um jeden Preis am Starttermin Ende vergangenen Jahres festhalten, um seinen Film noch als Kandidaten ins diesjährige Oscar- und Golden-Globe-Rennen zu schicken. Trotz dieser pragmatischen Motivation ist das beispiellose Vorgehen eine schwierige Angelegenheit, weil es auch den Eindruck einer moralischen Bevormundung des Publikums erweckt. Darf man nicht mehr selbst entscheiden, ob man jemanden wie Spacey auf der Leinwand sehen will? Ist es nicht möglich zu trennen zwischen der Person und den Kunstfiguren, die er verkörpert?

Und der Film selbst? Der reflektiert ganz eigene Fragen rund ums Geld. Was ist der Wert von Kunst? Hat ein Menschenleben einen Preis? Kann man auf alles ein Preisschild kleben? Immer wieder reflektiert der Film solche Fragen. Der krankhaft von seinem Reichtum getriebene Getty umgibt sich mit teuren Gegenständen und zahllosen Kunstwerken einer außergewöhnlichen Sammlung, die seit seinem Tod zum Teil im Getty Museum in Los Angeles gezeigt wird. Die Gegenstände bleiben, wie sie sind, sie bewahren sich laut Getty ihre Unschuld und enttäuschen nicht – im Gegensatz zu den Menschen, mit denen er sich umgibt. Genau das macht den alten Mann erwartungsgemäß zur einsamen, tragischen Gestalt, die sich mit den Unmengen an Geld nicht retten und in der Kunst letztlich keinen endgültigen Trost finden kann.

Auch „Alles Geld der Welt“ legt sehr viel Wert auf Dinge und Äußerlichkeiten: auf die Einrichtungen der 70er-Jahre, auf die Mode, die Autos, die Frisuren, die Musik. Scott ist akribisch und mit großem Ausstattungs-Aufwand damit beschäftigt, das Jahrzehnt nachzubauen. Der detaillierten Nacherzählung des Entführungsfalls hilft das kaum weiter. Sie ist doch arg in die Länge gezogen und plätschert über deutlich mehr als zwei Stunden dahin – sieht man von ein paar starken Szenen ab, vor allem denen mit Plummer. Scott sagte nach der Umbesetzung, dass der Kanadier ohnehin sein Wunschkandidat gewesen sei und dass er sich aus bestimmten Gründen dann doch zunächst gegen ihn entschieden hätte. Absurderweise ist genau der Auftritt des 88-Jährigen ein großer Gewinn für den Film, ja im Grunde das Beste, was er zu bieten hat.

 

Land: USA 2017

Regie: Ridley Scott

Darsteller: Michelle Williams, Mark Wahlberg, Christopher Plummer

Länge: 132 Minuten

FSK: freigegeben ab 12 Jahren

Verleih: Tobis Film

Fazit: Das aufwändig ausgestattete Drama von Regisseur Ridley Scott – nach einem wahren Fall aus den 1970er-Jahren – ist zäh und recht oberflächlich, mit Christopher Plummer als Milliardär Jena Paul Getty jedoch stark besetzt.

 

Darum ließ Ridley Scott Kevin Spaceys Szenen neu drehen

Um seinen Film „Alles Geld der Welt“ zu retten, ließ der britische Regisseur Ridley Scott (80) alle Szenen von Kevin Spacey noch einmal neu drehen – mit Christopher Plummer. Im Interview mit SÜDKURIER-Mitarbeiter Patrick Heidmann erklärt er die Entscheidung.

Mr. Scott, „Alles Geld der Welt“ war längst abgedreht, als der Skandal um Ihren Darsteller Kevin Spacey losbrach. Wie war damals Ihre erste Reaktion?

Zunächst ging es ja los mit Harvey Weinstein. Da staunte ich erst einmal, denn ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass Harvey nochmal eingeholt wird von seinem Verhalten. Aber als es kurz darauf um Kevin ging, war mein erster Gedanke: Ach du Scheiße! Mir war klar, dass es da nicht um eine mal kurz aufflackernde Aufregung geht. Dass diese Enthüllungen der Anfang einer großen Veränderung sind und all der Mist, der von vielen in dieser Branche über viele Jahre als normales Verhalten etabliert wurde, endlich aufhört.

Berechtigterweise?

Sicher gab es im Fall von Kevin auch einige Vorwürfe, die harmloser waren als andere, denn wenn ein junger Mann Mitte 20 angebaggert wird, dann wird der sich schon zu helfen wissen. Aber Teenager? Das ist vollkommen inakzeptabel. Genau wie so vieles bei Weinstein. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, aber man kann doch als Produzent Schauspielerinnen nicht in Bars oder Hotelzimmer zum Gespräch bitten. Das darf nicht Normalität sein.

Welche Konsequenzen befürchteten Sie?

Ich hatte keinen Zweifel daran, dass wir in diesem Strudel der Ereignisse untergehen würden. Dass niemand mehr Lust haben würde, Werbung für diesen Film zu machen. Wir waren erledigt. Doch ich war ziemlich schnell überzeugt davon, dass ich Kevin würde ersetzen können. Ich besprach mich mit dem Investor und berichtete von meinem Plan. Er wollte nur wissen, ob ich mir sicher sei, dass ich das in der knappen Zeit hinbekomme – und fragte, wie viel Geld ich brauche. Alle Beteiligten waren bereit, noch einmal anzutreten, um unsere Arbeit zu retten. Am Ende schafften wir es in neun Drehtagen.

Haben Sie nur Spaceys Szenen nachgedreht oder auch komplett Neues?

Das war nicht nötig, der Film war perfekt, wenn ich das mal so selbstbewusst sagen darf. Wir haben nur das Nötigste gedreht, mit den gleichen Kulissen und dem gleichen Skript. Wobei Plummers Präsenz den Film selbstverständlich auf interessante Weise veränderte.