Das bis dahin letzte Mal, dass der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an eine Persönlichkeit aus dem Südwesten der Republik ging, sollte in die Geschichte eingehen. Martin Walser, in Überlingen wohnhafter Autor und streitbarer Geist, hatte 1998 in seiner Dankesrede eine Instrumentalisierung des Holocausts beklagt: Das Auschwitz-Gedenken drohe zur „Moralkeule“ und „Pflichtübung“ zu verkommen. Die Aufregung ist groß gewesen. Walser habe indirekt gefordert, einen Schlussstrich unter unsere Gedenkkultur zu ziehen, hieß es. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignaz Bubis, sprach gar von „geistiger Brandstiftung“.

20 Jahre später standen wieder bedeutende Intellektuelle aus unserer Region am Rednerpult. Aleida und Jan Assmann – sie Kulturwissenschaftlerin, er Ägyptologe – kommen aus Konstanz. Geehrt werden sie für eine Arbeit, die immer wieder darauf hinweise, „dass ein offener und ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit grundlegende Bedingung für ein friedliches Miteinander ist“, so die Jury-Begründung.

Differenzierte Auseinandersetzung

Es war also vorgezeichnet, dass auch dieses Mal wieder die Erinnerung an deutsche Geschichte und insbesondere an deren dunkle Seiten Gegenstand der traditionellen Zeremonie in der Paulskirche sein würden. Doch anders als vor 20 Jahren sprach vieles dafür, dass diese Auseinandersetzung differenzierter, vielschichtiger ausfallen würde.

Dabei hatte Aleida Assmann bereits im Vorfeld der Verleihung Martin Walser in Schutz genommen. Persönlichkeiten wie er hätten für das kulturelle Gedächtnis Enormes geleistet, weil sie nach einer frühen Prägung im Dritten Reich später eine „innere Wende“ vollziehen mussten, fort von einem Kulturbegriff, der auf Stolz und Ehre ausgerichtet war. Die Rede von 1998 sei ein „letztes Aufbäumen“ gewesen und die anschließende Debatte eine wichtige Grundlage, um heute mit Phänomenen wie Rechtspopulismus, Geschichtsvergessenheit und Radikalisierung souveräner umgehen zu können. Wie also kann ein solcher Umgang aussehen?

Gemeinsame Rede

Aleida (71) und Jan Assmann (80) nähern sich der Frage in einer gemeinsam geschriebenen und abwechselnd vorgetragenen Rede an. Dabei beginnen sie ihre Suche dort, wo sie sich an diesem Morgen befinden: in der Öffentlichkeit. Wie entsteht sie? Wer kontrolliert sie?

„Während das Druckzeitalter noch auf Werte wie Wahrheit, Überprüfbarkeit und Evidenz geeicht war, ist im digitalen Zeitalter der Daten-Manipulation Tür und Tor geöffnet“, kritisieren die Wissenschaftler. Errungenschaften wie Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit seien für ein friedliches Zusammenleben jedoch unverzichtbar. Damit widersprechen sie einem Demokratie-Verständnis, das vor allem von Vertretern der Digitalbranche immer wieder vorgebracht wird: Demokratie lebe doch vom Streit und von der engagierten Auseinandersetzung! Nein, sagen Aleida und Jan Assmann: „Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument!“

Kulturelles Gedächtnis

Hier nun kommt das kulturelle Gedächtnis ins Spiel. An ihm arbeitend kreiert der Mensch seine Identität. Beispielhaft führt Jan Assmann die alten Ägypter an, die ihre Kultur mit Inschriften und unverwechselbarer Formensprache wiedererkennbar erhalten konnten. In der Vergangenheit mag es möglich gewesen sein, ein solches Gedächtnis auf dem Fundament von Stolz und Größe der Nation zu errichten. Doch in einer komplexen Gegenwart und Zukunft habe sich dieses Modell unwiderruflich erledigt. Ein nationales Gedächtnis sei inklusiver und selbstkritischer geworden, ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung: „Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort ‚Vogelschiss‘ – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden.“

Das könnte Sie auch interessieren

Man hat Walsers Rede von der „Moralkeule“ noch im Ohr, wenn Aleida und Jan Assmann einen wichtigen Unterschied herausarbeiten. Beschämend nämlich sei allein diese Geschichte, „nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen“. Indem ein kulturelles Gedächtnis Identitäten erschafft, verbindet es Menschen. Aber: Es trennt sie auch. Menschen zeigen sich solidarisch mit denen, die ihre eigene Herkunft, Religion oder Überzeugung teilen. Wenn wir aber eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollen, benötigen wir Solidarität auch mit Menschen, die anders sind als wir selbst.

Zukunft der Menschheit

Hier schließt sich der Kreis. In einer Öffentlichkeit ohne Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit ist es möglich, Gemeinschaften gegeneinander auszuspielen: „Die nationalistische Politik versteht es gut, in vielen Bereichen Entsolidarisierung zu befördern, indem sie Hass auf Schwächere oder Fremde schürt.“ Wer so agiert, verspielt die Zukunft der Menschheit: „Die Verengung der öffentlichen Debatten auf wenige Themen trägt viel zur Aufheizung von Stimmungen, aber wenig zur Klärung und Bearbeitung anstehender Probleme bei.“

Es ist eine überzeugende Argumentationslinie, die Aleida und Jan Assmann verfolgen: ein geradezu mustergültiges Beispiel dafür, wie ein demokratischer Diskurs aussehen könnte, ja müsste. Zugleich ist es ein Appell zur Rückbesinnung auf dramatisch erodierende Werte und Tugenden. Das Konstanzer Forscherpaar hat unserer Gesellschaft wichtige Denkanstöße gegeben.