Alan Parsons’ legendäres Album „Eye In The Sky“ feiert runden Geburtstag: Vor 35 Jahren ist es auf den Markt gekommen. Das ist doch gar nicht so rund? Mag sein. Aber irgendeinen Anlass braucht man ja, um die Hits von damals auf dem Hohentwiel zelebrieren zu können. Vor allem bedarf so ein Konzert eines zugkräftigen Titels. Denn längst nicht jeder kann heute noch etwas mit dem Namen Alan Parsons anfangen. Die Geschichte vom jungen Tontechniker der Beatles und Produzenten von Pink Floyd, der zusammen mit dem Songwriter Eric Woolfson seine eigene Band „The Alan Parsons Project“ gründete: Das alles ist lange her. Jüngere kennen heute allenfalls noch das Album „Eye In The Sky“, mit dem vielleicht berühmtesten Intro („Sirius“) in der Geschichte der Rockmusik.

Doch wer sich am Sonntag wegen der Ankündigung auf einen Abend im Zeichen von „Eye In The Sky“ eingerichtet hatte, sollte sich getäuscht sehen – zum Glück. Doch der Reihe nach.

Das Konzert auf dem Hohentwiel beginnt mit einigen Ärgernissen. Es fängt schon damit an, dass Parsons und sein siebenköpfiges Ensemble wunderbar effektvoll „Maybe A Price To Pay“ anstimmen – nur um dieses großartige Eröffnungsstück nach nur wenigen Takten wieder abzuwürgen und in einen eher weniger bedeutsamen Song aus der Spätphase seines Schaffens („Standing On Higher Ground“) überzuleiten. Wenn es darum ginge, einem erwartungsfreudigen Publikum möglichst frühzeitig den Saft abzudrehen: Kaum ein Rezept wäre dafür besser geeignet.

Dann die Crux mit dem Gesang. Der Meister selbst hat sich auf seinen Alben wohlweislich in Schweigen gehüllt und stets nur Leute ans Mikrofon gelassen, die von der Sangeskunst auch was verstehen. Heute sind es ausgerechnet die größten Hits, die er mit seiner eigenen Stimme beehrt. Zu ihrem Vorteil gereicht das nicht.

„Don’t Answer Me“ zum Beispiel gerät zum zaghaften Stück Kaufhausmusik, das zu allem Überfluss auch noch den markanten Terzsprung einfach auslässt und stattdessen in unveränderter Tonlage seinem Ende entgegen wankt. Muss sich hier etwa ein Song dem Tonumfang seines Interpreten anpassen?

Und schließlich lässt – ausgerechnet bei Alan Parsons, diesem genialen Toningenieur – auch die Abmischung anfangs zu wünschen übrig. Zum leise gefühligen Song „Time“ knallt das Schlagzeug und wummert der Bass, dass es in den Ohren schmerzt. Immerhin bemerkt Parsons früh selbst das Problem, nach einiger Zeit ist es gelöst.

Die Inszenierung des Meisters als eine Art Schlossherr auf seinem Podest, vom Fußvolk umringt: Sie wirkt angesichts dieser Umstände zunächst recht selbstgefällig. Doch das ändert sich. Gerade als man sich über die allzu solide Abfertigung von Songs wie „Psychobabble“ und „Days Are Numbers“ aufregen möchte, beginnt der mutige, erfreuliche Teil dieses Abends.

Den Zusammenschnitt von „Lucifer“ (bekannt als Titelmelodie des ARD-Magazins „Monitor“) und „Mammagamma“ zu einem „Luciferama“ kannte man bereits aus früheren Auftritten von Alan Parsons. Jetzt überrascht er mit einer Mammutversion von „Prime Time“, inklusive eines extra virtuosen Klaviersolos, das unvermutet Hits wie „Turn Of A Friendly Card“, aber auch Bachs „Toccata und Fuge in D Moll“ anreißt. Und dann kündigt er auch noch an, sich statt „Eye In The Sky“ doch lieber verstärkt einem ganz anderen Album widmen zu wollen, nämlich „I Robot“, jenes herrlich wagemutige Stück progressiver Rock aus der Frühzeit des Projects. In seiner technologiekritischen Intention erscheint es heute aktueller denn je.

Es ist tatsächlich das komplette Album, das hier zur Aufführung kommt, mit allen Ausflügen ins Atonale und Experimentelle. Wo der Chor fehlt, wird kurzerhand das Publikum zum Mitmachen verpflichtet.

Und bei inzwischen perfekten Klangverhältnissen zeigen nun auch die Musiker, weshalb der Meister sie für sein Project verpflichtet hat. Frontman P. J. Olsson kommt mit seiner sanft nasalen Stimme dem Vorbild des längst verstorbenen Eric Woolfson nahe, ohne ihn plagiieren zu wollen. Und Tom Brooks erweist sich als großartiger Keyboarder mit Sinn fürs passende Timing bei orchestralen Klangeffekten.

Alan Parsons’ Alben haben sich schon immer aus einer Mischung von poppigen und rockigen Interpreten ausgezeichnet. Todd Cooper ist für die letztere Farbgebung zuständig, sowohl gesanglich als auch mit beeindruckender Verve am Saxofon. Mit hoher Intensität vorgetragene Songs wie „Some Other Time“ bereiten nun ebenso viel Hörgenuss wie ausufernde Instrumentalnummern vom Titeltrack „I Robot“ bis zum Schlussstück „Genesis Ch. 1. VG. 32“. Kein Zweifel: Mit „I Robot“ hat Parsons einen misslich begonnenen Abend gerettet. Dass er am Ende „Eye In The Sky“ auch wieder höchstpersönlich singen möchte: Man ist bereit, es ihm ebenso zu verzeihen wie die grenzwertige Lautstärke der an sich gelungen knackigen Zugaben.