Die Vorweihnachtszeit ist ja bekanntlich die beste Zeit für große Familien- und Gesellschafts-Filme. Und auch Fernseh-Serien erfreuen sich gerade wieder steigender Beliebtheit. Was den Erfolg dieser Streifen ausmacht, liegt auf der Hand: Der Zuschauer erhält für eine Zeit lang Einblick in das meist spannende Leben der Protagonisten. Er wird zum Zeugen dramatischer Fügungen und kann gleichzeitig froh sein, dass er selbst nicht direkt betroffen ist. Das Dumme zumindest bei Serien ist nur, dass der Zuschauer die Zeit zwischen den Teilen irgendwie überbrücken muss und mithilfe von Zusammenfassungen nur hoffen kann, bis zur nächsten Folge den Anschluss nicht verloren zu haben.

Das Schauspiel Stuttgart weiß offensichtlich um derlei Tücken und bringt sein großes Familien- und Gesellschafts-Drama „Vögel“, das sich mit einer Länge von dreieinhalb Stunden durchaus zur Serie eignen würde, in vier Abschnitten an einem einzigen Abend zur Aufführung. Vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts erzählt der 1968 im Libanon geborene und in Frankreich und Kanada aufgewachsene Wajdi Mouawad in seinem Epos die Liebesgeschichte zwischen Eitan, einem Berliner Studenten mit jüdischen Wurzeln, und der US-amerikanischen Araberin Wahida, die innerhalb von Eitans Familie für Sprengstoff sorgt.

Evgenia Dodina (Leah, von links), Silke Bodenbender (Norah), Dov Glickman (Etgar), Itay Tiran (David) und Ali Jabor (al-Hasan al-Wazzan) – im Hintergrund sieht man arabische Schriftzeichen.
Evgenia Dodina (Leah, von links), Silke Bodenbender (Norah), Dov Glickman (Etgar), Itay Tiran (David) und Ali Jabor (al-Hasan al-Wazzan) – im Hintergrund sieht man arabische Schriftzeichen. | Bild: Matthias Horn / Schauspiel Stuttgart

Gleich bei seiner ersten Inszenierung als neuer Intendant des Stuttgarter Schauspiels, die den sechsteiligen Premieren-Marathon der neuen Spielzeit eröffnet, zeigt der von Mannheim gekommene Burkhard C. Kosminski mit „Vögel“, um was es ihm – wie schon in der Vergangenheit – auch an seiner neuen Wirkungsstätte geht: um ein Theater als Plattform für die öffentliche und politische Auseinandersetzung. Und das gelingt ihm hier richtig gut.

Auf einer Bühne (Florian Etti) mit beweglichen weißen Wänden, die in ihrer papiernen Fragilität die Zerbrechlichkeit der Lebensentwürfe der Figuren spiegeln, legen Kosminski und Dramaturg Ingoh Brux die Handlung um Herkunft, Religion und Brauchtum, Tradition und Generationen-Konflikt, Terroranschläge und Tod zwischen Weltpolitik und persönlich schmerzvollen Schicksalen mit enormer Dichte an. Immer wieder steht die Bedeutung der Identität im Raum, stellen sich die Fragen: Wer ist Freund, wer ist Feind? Was ist der Mensch wert als Mensch, ohne Ansehen seines Ursprungs?

Das Ensemble ist international

Mit einem Rundumschlag über die Historie zu Palästina, Jordanien, Israel, zur DDR, Shoah und Kommunismus ist das Stück zu breit angelegt. Und bei aller Textlastigkeit kommen auch in der Inszenierung immer wieder Längen auf, die vermeidbar gewesen wären. Doch lebt die Fassung auch von den konfliktreichen Dialogen, bei denen der Fokus auf dem internationalen Ensemble liegt. Intensiv und mitreißend, glaubwürdig, in höchstem Maße engagiert und dabei sehr lebensecht erzählen die Darsteller in heutiger Kleidung (Ute Lindenberg) diesen menschlichen Wahnsinn, bei dem sich immer mehr das Warum in den Vordergrund drängt.

Amina Merai besticht als vielschichtige Wahida mit unerbittlichem Einsatz – zu Beginn für ihre Liebe, am Ende für ihre Abstammung, während Martin Bruchmann als verliebter Biogenetiker Eitan mit Glaube an Chromosomen und Vererbung überzeugt. Herausragend verkörpern Evgenia Dodina und Dov Glickman das ungleiche Großeltern-Gespann Leah und Etgar, während Silke Bodenbender als Eitans Mutter Norah und Itay Tiran als sein Vater David anschaulich ihre eigenen Konflikte ausleben und zwischen traditioneller Überzeugung und Toleranz gegenüber dem Sohn hin und her gerissen sind.

Silke Bodenbender als Norah und Itay Tiran als David im Stück "Vögel".
Silke Bodenbender als Norah und Itay Tiran als David im Stück "Vögel". | Bild: Matthias Horn / Schauspiel Stuttgart

Neben poetischen Szenen in warmem Licht und mit märchenhaften Komponenten, an denen auch die orientalischen Klänge Anteil haben, sorgt Kosminski dafür, dass der dem Stück innewohnende Humor zur Geltung kommt. Das beginnt bei der so beißenden wie treffsicheren Kaltschnäuzigkeit der Großmutter und endet bei der sehr deutschen Mutter in den roten Stilettos.

Bei der umjubelten deutschsprachigen Erstaufführung des 2017 in Paris zum ersten mal gezeigten Werks ist Deutsch nur eine Sprache unter vieren, neben Englisch, Arabisch und Hebräisch, die in Übertiteln für den Zuschauer übersetzt werden. Zwar bedarf das ständige Mitlesen einiger Anstrengung. Doch nimmt man das – auch wegen der kolossalen Leistung der Darsteller – für den Lohn einer erschütternden Authentizität gern in Kauf. Wie in guten Serien wartet zum Schluss dann auch noch eine Überraschung, die die Erkenntnis bringt: Auch der Glaube schützt nicht vor der eigenen Herkunft.

Weitere Aufführungen von „Vögel“ finden am 6., 7., 20. und 21. Dezember 2018 im Schauspielhaus Stuttgart statt. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Hinter den Kulissen: In vier Sprachen

Schauspielerin Amina Merai (23) über die Herausforderung, ein Stück in vier Sprachen zu auf die Theaterbühne zu bringen. In „Vögel“ spielt sie die arabischstämmige Amerikanerin Wahida:

  • Die Schwierigkeiten: Amina Merais Vater kommt aus Tunesien, weshalb sie von klein auf Tunesisch gelernt hat. Die arabischen Passagen in „Vögel“, sagt sie, seien auf Hocharabisch geschrieben: „Das musste ich erst einmal trainieren – ich kam mir dabei vor wie ein Nachrichtensprecher!“ Tunesisch klinge „offen und locker“, Hocharabisch dagegen intellektueller. „So sprechen Lehrer, Leute von früher, der Koran.“ Unkomplizierter sei das Sprechen auf Englisch, denn mit dieser Sprache seien Schauspieler allein schon durch Filme und Serien sozialisiert. Merai sagt, sie sei auf Englisch „irgendwie eine andere Amina und eine andere Wahida als auf Arabisch“.
  • Das Arbeiten: Das Ensemble, sagt Merai, hatte für die Proben eine viersprachige Textfassung. Regisseur Burkhard Kosminski habe schon nach kurzer Zeit ein Klangverständnis für die unterschiedlichen Sprachen entwickelt: „Komischerweise wusste er fast immer, wo im Text wir waren und was wir gerade gesagt hatten. Und wir Schauspieler haben uns während der Proben gegenseitig viel geholfen. Ohne das Vertrauen ineinander wäre das Ganze nicht möglich gewesen.“
  • Der Mehrwert: Durch „Vögel“ ist Merai erstmals Israelis begegnet. Dabei habe sie festgestellt, wie ähnlich Arabisch und Hebräisch oft klingen. „Ich verstehe einiges, ohne Hebräisch zu können“, sagt sie. „Das war eine wunderbare Erkenntnis: Wir sind uns näher, als wir glauben!“ Teilweise habe sie auf den Proben sogar vergessen, dass hier doch ganz unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Merai hat deshalb folgenden Wunsch ans Publikum: „dass auch sie irgendwann während der Aufführung die Sprachunterschiede vergessen und nur noch die Menschen dahinter sehen“.

Was die Schauspieler zu der Inszenierung sagen: