Vom Filmfestival in Venedig kann man entweder über die neuesten Filme im Wettbewerb lesen. Oder man sieht Bilder der Stars, wie sie auf dem roten Teppich vorm Premierensaal für die Fotografen posieren. Doch wie sieht eigentlich für einen Kritiker die Arbeit hinter den Kulissen aus? SÜDKURIER-Autor Sascha Rettig zeigt seinen Tagesablauf auf dem Lido und was sonst selten zu sehen ist.

Blick aus dem Premierensaal Sala Grande auf den roten Teppich. Hier schreiten am Abend die Stars entlang. Die Pressevertreter müssen hingegen anstehen.

Die Stars kommen zwar erst abends zu den glamourösen Premieren im Sala Grande. Mein Tag allerdings beginnt schon sehr früh: Weil mein Apartment nicht auf dem Lido, sondern auf der Insel Venedig ist, muss ich um 7.30 Uhr den Wasserbus nehmen, um es pünktlich zur ersten Pressevorführung zu schaffen. Beim Schippern durch die Lagune kann ich mir schon mal genauere Gedanken über den Tag machen: Wie lang soll der Text werden? Wie ziehe ich ihn auf? Was sind die Schwerpunkte?

Nach schnellen Taschenkontrollen gelange ich ins Festivalzentrum rund ums Casino, einem unter Mussolini entstandenen Gebäudekomplex. Vorm Kino bleibt glücklicherweise immer noch Zeit für ein schnelles Frühstück: ein gezuckertes Croissant und der erste Cappuccino.

Um 8.15 Uhr muss ich mich anstellen. Es gibt unterschiedliche Schlangen - je nach Akkreditierungskategorie. In meinem Fall ist das "Priorität Rot", weil ich zur Tagespresse gehöre und täglich berichte.

Im Sala Grande greife ich mir morgens die ersten Festival-Publikationen: das Branchenmagazin Variety und das unterhaltsame Blättchen "Ciak" mit aktuellen Festivalnews, Rezensionen und Kritikerspiegel. Dann gehe ich weiter in den Saal, wo ich hoffentlich einen der begehrten Randplätze bekomme. Manchmal kommt es vor, dass Naomi Watts, Christoph Walz oder andere Jury-Mitglieder nur ein paar Reihen entfernt sitzen. Um 8.30 Uhr wird es dann dunkel im Saal. Der Festival-Trailer stimmt wie vor jeder Vorführung auf den Film ein, der danach beginnt.

Bis zum nächsten Wettbewerbsfilm bleibt danach nur wenig Zeit. Immerhin für einen zweiten Kaffee reicht sie - diesmal mit Blick aufs Meer, das auf diesem für mich schönsten Filmfestival der Welt immer nur ein paar Schritte entfernt ist. Es ist jetzt gerade einmal Vormittag, da startet schon der zweite Film - diesmal im großen Sala Darsena. Hier schaue ich gerade sitzend in die Kamera.

Danach beginnt der Stress: Unter Zeitdruck laufe ich ins Casino, ganz oben ins imposante Pressezentrum, wo es Arbeitsmöglichkeiten an großen Tischen und Internet für die Journalisten aus der ganzen Welt gibt. Ein paar Zeilen schaffe ich zu schreiben...

...dann eile ich in den Saal der Pressekonferenz gleich nebenan. Nicht am roten Teppich, sondern dort kommt man den Regisseuren und Stars ganz nah und kann ihnen Fragen stellen.

Weil ich mich auf dem Festival auf die Wettbewerbsberichte konzentriere, bewege ich mich in einem kleinen Radius. Kollegen, die zwischendurch auch noch Interviews machen, müssen häufiger ins Luxushotel "Excelsior", nicht weit entfernt. Dort kommen auch die Stars häufig im Wassertaxi auf dem Lido an...

Prachtvollste Adresse auf dem Lido: Im «Grand Hotel Excelsior» gab es vor 80 Jahren das erste Filmfestival von Venedig.
Prachtvollste Adresse auf dem Lido: Im «Grand Hotel Excelsior» gab es vor 80 Jahren das erste Filmfestival von Venedig. | Bild: Monika Weixlbaumer (dpa-tmn)

 Am späteren Nachmittag, wenn der Text geschrieben und abgeschickt ist, bleibt etwas Zeit für mehr Kaffee, etwas zu essen und vielleicht einen Spritz auf der Biennale-Terrasse.

Am Abend geht es dann mit dem Programm weiter - mit einem, meist aber zwei Filmen. Journalisten stehen Schlange, während nebenan der Glamour auf dem roten Teppich zelebriert wird. 

Danach zurück mit dem Wasserbus nach Venedig...

...den Abend ausklingen lassen: bei einem Spazierging mit einem Eis auf dem Markusplatz und in den Gassen der Lagunenstadt. Aber nicht zu lang! Morgen geht das Festival ja schon wieder weiter.

Video: Rettig

 

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