Es ist ein schauderhafter Tod und genau deshalb fürs Theater so attraktiv. Ertrinken auf offener Bühne! Das Messer zwischen den Rippen, die Kugel in der Brust: Man hat sich an das alles schon gewöhnt, weiß, dass da kein echtes Messer steckt, nicht wirklich eine Kugel eingeschlagen hat. Seit Donnerstag ist bei den Bregenzer Festspielen wieder George Bizets Opernklassiker "Carmen" auf der Freilichtbühne zu erleben – in Kasper Holtens Inszenierung mit dem markanten Bühnenbild aus Spielkarten (Bühne: Es Devlin).

Die Produktion zeigt einen anderen Tod als von Bizet vorgesehen. Im Unterschied zum Originaltext wird Carmen, diese feurige Verführerin, nicht erstochen. Nein, sie ertrinkt. Ihr Kopf unter Wasser, ihr Körper zuckend, schlagend, minutenlang: Wer bei diesem Anblick noch gelassen bleibt, hat ein Herz aus Stein.

Bild: Felix Kästle

Das Ertrinken setze "mehr und längere schaudernde Emotionen frei als der konventionelle Dolchstoß", heißt es aus dem Regieteam. Und weiter – mit einem Hauch von Zynismus: "Das Ensemble liebt die Bregenzer Todesvariante." Schon einen ganzen Sommer lang hat die Titelfigur aus Georges Bizets Opernklassiker Abend für Abend dieses schaurig dramatische Ende gefunden. Und immer wieder aufs Neue fragte sich das Publikum der Bregenzer Festspiele: Wie machen die das bloß?

Es mag dahin gestellt sein, ob es ein Glück ist, wenn die Bregenzer Festspiele nun das Geheimnis lüften. Eigentlich machen solche rätselhaft realistischen Szenen ja erst der Reiz einer jeden Theatervorstellung aus. Und doch ist die Neugierde zu groß, deshalb also her mit der Auflösung! Carmen-Darstellerin Lena Belkina und Don-José-Interpret Martin Muehle steigen zur Demonstration ins Wasser.

Bild: Bregenzer Festspiele

Belkina, so erfahren wir, hat unter ihrem Kostüm eine Pressluftflasche versteckt. Hinter einer Rose am Kleid kann sie einen Schlauch hervorziehen: Noch im Fallen landet sein Ende in ihrem Mund.

Bild: lisamathis.at

Ein angefertigtes Mundstück sorgt für die vollständige Abdichtung. Eigentlich enttäuschend einfach, diese Erklärung.

Bild: Bregenzer Festspiele

Schwierig ist die Szene dennoch, wenn auch nicht wegen vermeintlicher Atemnot, sondern wegen Carmens mit Wasser vollgesogenen Stoffs. Nach ihrem nassen Tod benötige man stets "einen Karren, um das Kleid von der Bühne zu transportieren", sagt ein Sprecher von der Kostümabteilung.

Bregenz, 1.7.2018 Carmen, Bregenzer Festspiele, ertraenken, making of, Strandbad, Seebuehne
Bild: lisamathis.at

 

Und wie war sonst so die Premiere dieser Wiederaufnahme?

Premieren-Hauptdarstellerin Gaëlle Arquez, so haben wir zuletzt bemängelt, fehle es an lasziver Carmen-Ausstrahlung. Und Daniel Johansson als José habe stimmlich stark forcieren müssen. Was Johansson betrifft, so ist die Kritik weiterhin gültig. Gaëlle Arquez dagegen räkelt sich nun mitunter derart lasziv auf dem Bühnenboden, dass es schon wieder zu viel des Guten ist.

Gleichwohl bleibt diese "Carmen" ein unterhaltsames Spektakel für alle Sinne. Mal prasselt ein Feuerwerk hernieder, mal peitscht uns der Wind bei klarem Himmel den Bühnenregen ins Gesicht. Und keineswegs ist das alles nur sinnfreie Effekthascherei: Regisseur Kasper Holten legt sukzessive alle Fallstricke frei, denen eine Liebe zwischen unterschiedlichen Milieus zum Opfer fallen kann. Carmens Verheißung eines freien Lebens ohne gesellschaftliche Bindungen wirkt gleichermaßen verlockend wie gefährlich – auf José wie auch auf das Publikum. Bizets Klassiker in Bregenz: Das ist auch in diesem Sommer eine Reise wert.

Kommende Vorstellungen: täglich außer montags jeweils um 21 Uhr auf der Bregenzer Seebühne. Weitere Informationen: www.bregenzerfestspiele.com