„Ich bin nicht der australische Roger Waters – und auch nicht der neuseeländische David Gilmour. Ich bin Nick Mason und das hier sind Saucerful of Secrets“, verkündete Mason zu Beginn des Konzerts in der Zürcher Samsung Hall und spielte damit auf die zahllosen Pink-Floyd-Cover-Gruppen an, die in den vergangenen 20 Jahren allerorten wie Pilze aus dem Boden schossen.

Nach „A Saucerful Of Secrets“ (eine Untertasse voller Geheimnisse), dem 1968 erschienenen zweiten Album der Rock-Formation, hat er seine aktuelle Band benannt und gab damit schon gleich mal die Richtung vor, in die sein neues Projekt steuert: Die ultra-psychedelische Floyd-Frühphase soll gewürdigt werden – angesichts der Tatsache, dass sowohl Roger Waters als auch David Gilmour, die Kumpels von einst, diese auf ihren aktuellen Solo-Tourneen regelmäßig unter den Tisch fallen lassen.

Elektronische Klänge

Und diese Ära, die immerhin die ersten sechs Alben der Band umfasst (von „The Piper At The Gates Of Dawn“ bis „Meddle“, 1967-1971), war nichts weniger als eine veritable Klang-Revolution. Das gesamte Arsenal elektronischer Klänge erschlossen die Musiker damals in Songs, die auf faszinierende Art und Weise zwischen Folk, Klassik und Rock mäanderten, und schufen eine Art Science-Fiction-Sound, der noch heute bestens dazu geeignet ist, Dokumentationen über Raumfahrttechnik oder über die Geheimisse des Universums musikalisch zu untermalen.

Eine Komposition wie das Titelstück von „A Saucerful Of Secrets“, vor exakt einem halben Jahrhundert veröffentlicht, würde, heute entstanden, von den Feuilletonisten aller Medien vermutlich als bahnbrechendes avantgardistisches Meisterwerk gefeiert werden. Natürlich spielten Nick Mason und Kollegen diesen Track auch in Zürich. es war einer der Höhepunkte des Auftritts.

Licht und Schatten

Nichtsdestotrotz gab es nicht nur Licht an diesem Abend, sondern auch Schatten: Über weite Strecken des Konzerts hinweg klangen Mason und Co. tatsächlich wie eine Art Cover-Band – allerdings eine sehr gute, von ein paar Ausrutschern einmal abgesehen. „Astronomy Domine“ etwa, früher ein Live-Knaller im Floyd-Repertoire, kam wenig dynamisch über die Rampe – da gibt es durchaus Bands, deren Version dieses zeitlosen Klassikers deutlich knalliger ist: die der kanadischen Space-Metal-Truppe Voivod beispielsweise. Wie’s der Zufall so will, spielte die am gleichen Abend ganz in der Nähe auf, im Gaswerk in Winterthur.

Fantastisch hingegen war in der Samsung Hall die Mason’sche Version von „The Nile Song“, dem wohl härtesten Stück, das Waters, Gilmour, Mason und Richard Wright, der Organist der Band, jemals eingespielt haben. Es sei der erste Pink Floyd-Song gewesen, den er gehört habe, bekundete Guy Pratt, der in Zürich den Bass bediente und bei diesem Track den Gesang übernahm – er habe sich damals die Sampler-LP „Relics“ gekauft, weil sie nur halb so viel kostete wie eine reguläre LP, und habe immer davon geträumt, dieses Stück einmal live singen zu dürfen …

Die Musiker überzeugen

Im Floyd’schen Universum ist Pratt ein alter Bekannter: In den Jahren 1987 bis 1994 ersetzte er nach dem Ausstieg von Roger Waters aus der Band diesen als Bassisten und begleitete David Gilmour auf dessen Solo-Tour 2006. Der Rest von Mason’s „Saucerful Of Secrets“-Truppe: Sänger und Gitarrist Gary Kemp (von der ehemaligen New-Wave-Gruppe Spandau Ballet), Keyboarder Dom Beken und Gitarrist Lee Harris. Vor allem Kemp stand in Zürich im Vordergrund, sang bei den meisten Stücken und gab ein formidables Gitarren-Solo nach dem anderen zum Besten.

Bei einem Medley aus der Roger-Waters-Komposition „If“ und einem Exzerpt aus der ultra-psychedelischen Mammut-Suite „Atom Heart Mother“ glänzte er besonders, übernahm an der akustischen Gitarre (statt an einem Cello wie in der Studio-Version) die Melodieführung und untermauerte so, gänzlich unerwartet, David Gilmours Interview-Statement von vor einigen Jahren, das Werk sei ursprünglich als eine Art Hommage an die gitarrenlastigen Western-Soundtracks Ennio Morricones konzipiert gewesen.

Furioses Sound-Inferno

Fazit: Immer dann, wenn Nick Masons Band sich nicht darauf beschränkte, die meist sattsam bekannten Originale sklavisch zu imitieren, sondern eigene, neue Akzente setzte, wurde es richtig aufregend – am spektakulärsten wohl bei „Set The Controls For The Hearts Of The Sun“. Hier steigerten sich die Musiker, allen voran Mason selbst, in ein furioses Sound-Inferno hinein, das den Beton-Bau in seinen Grundfesten erbeben ließ.

Die 5000 Fans in der Halle goutierten es mit stürmischem Beifall, wie so oft an diesem Abend. Als zum Abschluss des Konzerts „One Of These Days“ erklang, noch so ein Klassiker, gab es kein Halten mehr. Hunderte verließen ihre Sitzplätze und stürmten vor die Bühne. Denn natürlich war dies hier auch eine Nostalgie-Veranstaltung ersten Ranges, keine Frage.