Viel Denkwürdiges ereignete sich während der 91. Verleihung der Academy Awards. Nur dass „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ den Hauptpreis gewann, den Oscar in der Kategorie bester Film, gehörte nicht wirklich zu diesen unvergesslichen Momenten.

Vollkommen unerwartet kam der Preis nicht für die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte des schwarzen Jazzpianisten Don Shirley (gespielt von Mahershala Ali, als bester Nebendarsteller ausgezeichnet) und seines ungehobelten weißen Fahrers Tony „Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen).

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Der Film hatte immerhin schon diverse andere Ehrungen erhalten. Gleichzeitig aber wurde „Green Book“ seit Wochen von Kontroversen umrankt, zu denen anti-muslimische Tweets von Co-Autor Nick Vallelonga ebenso gehörten wie die Vergangenheit von Regisseur Peter Farrelly, der früher am Set gern seinen Penis entblößte.

Regisseur Peter Farrelly zeigt den Oscar für den besten Film für „Green Book“ – die Auszeichnung sorgt bei so manchem für Unverständnis.
Regisseur Peter Farrelly zeigt den Oscar für den besten Film für „Green Book“ – die Auszeichnung sorgt bei so manchem für Unverständnis. | Bild: Jordan Strauss / Invision / AP / dpa

All die Aufregung beeinträchtigte die Oscar-Chancen des Films offensichtlich nicht. Doch nicht nur deswegen darf man irritiertsein darüber, dass ausgerechnet „Green Book“ den wichtigsten Preis des Abends gewann.

Denn mit seinem naiven bis verharmlosenden Blick auf das Thema Rassismus wirkt der Film wie ein Relikt längst überwunden geglaubter Zeiten, in denen Hollywood von der Lebenserfahrung schwarzer Amerikaner nur mittels so genannter „White Saviour“-Figuren erzählte, also heldenhafter weißer Protagonisten.

Oscar für "Green Book" mit bitterem Beigeschmack

Dass nicht nur der Film selbst sich statt auf Shirley auf Vallelonga konzentriert, sondern auch Farrelly und Produzent Jim Burke den Afroamerikaner mit keiner Silbe in ihren Dankesreden erwähnten, hatte einen doppelt bitteren Beigeschmack. Und selbst wer sich daran nicht stören mag, der wird kaum ernsthaft behaupten können, „Green Book“ sei der bemerkenswerteste Film der vergangenen zwölf Monate.

Dass sich am Ende nicht der zweite große Favorit „Roma“ durchsetzte, könnte am komplizierten Abstimm- und Auszählverfahren in der Kategorie bester Film liegen. Es bevorzugt nicht den Film, den die meisten Academy-Mitglieder auf Platz eins wählen, sondern den, der durchschnittlich am häufigsten weit oben auf den Listen steht.

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Mindestens so entscheidend wird auch sein, dass das Schwarzweißdrama bei Netflix zu sehen ist. Es wäre einer Revolution gleichgekommen, hätte sich der Streamingdienst beim wichtigsten Filmpreis der Welt gegen alle klassischen Kinoproduzenten durchgesetzt.

Dass es drei Oscars für das Werk von Alfonso Cuarón gab, ist dennoch beachtenswert – und hochverdient. Der Mexikaner wurde nicht nur als bester Regisseur geehrt, sondern gewann auch den Preis als bester fremdsprachiger Film. In der Kategorie blieb Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ erwartungsgemäß chancenlos.

Sein Film "Roma" gewinnt drei Oscars: Regisseur Alfonso Cuarón.
Sein Film "Roma" gewinnt drei Oscars: Regisseur Alfonso Cuarón. | Bild: Frederic J. Brown / AFP

Die meisten Oscars – vier an der Zahl – gewann im Dolby Theatre in Hollywood das Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“. Rami Malek, ausgezeichnet als bester Hauptdarsteller, vermied in seiner Dankesrede einmal mehr jede Erwähnung von Regisseur Bryan Singer, der sich Vorwürfen von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung ausgesetzt sieht.

Der Oscar-prämierte Schauspieler Rami Malek lässt die Korken knallen.
Der Oscar-prämierte Schauspieler Rami Malek lässt die Korken knallen. | Bild: Kevork Djansezian / AFP

Der Oscar für die beste Nebendarstellerin ging an Regina King für die famose James-Baldwin-Adaption „Beale Street“, der für die beste Hauptdarstellerin an Olivia Colman für „The Favourite“. Die Britin setzte sich unter anderem gegen Glenn Close (die auch bei ihrer siebten Nominierung leer ausging) und Lady Gaga durch.

Letztere gewann – nach einem Gänsehaut erzeugenden Live-Auftritt mit Filmpartner Bradley Cooper – mit dem Hit „Shallow“ aus „A Star Is Born“ immerhin in der Kategorie bester Song.

Endlich ein Oscar für Spike Lee

Geschichte geschrieben wurde bei dieser Oscar-Verleihung in anderen Kategorien. Regie-Legende Spike Lee etwa gewann für sein Drehbuch zu „BlacKkKlansman“ erstmals in seiner Karriere einen echten Oscar; zuvor hatte es nur einen Ehrenpreis gegeben.

Überfällige Premieren waren auch zwei der drei Oscars für die Comic-Verfilmung „Black Panther“: Nicht nur waren es die ersten Academy Awards für eine Marvel-Produktion, sondern Kostümbildnerin Ruth E. Carter und Produktionsdesignerin Hannah Beachler waren auch die ersten Afroamerikanerinnen, die in ihren Kategorien gewannen.

Kostümbildnerin Ruth E. Carter zeigt stolz ihren Oscar.
Kostümbildnerin Ruth E. Carter zeigt stolz ihren Oscar. | Bild: Frederic J. Brown / AFP
Jay Hart und Hannah Beachler zeigen ihre Oscars für das beste Produktionsdesign für "Black Panther".
Jay Hart und Hannah Beachler zeigen ihre Oscars für das beste Produktionsdesign für "Black Panther". | Bild: Li Ying / XinHua / dpa

Überhaupt war es ein guter Abend für junge, weibliche oder nicht-weiße Filmemacher. In allen drei Kurzfilm-Kategorien durften Frauen Oscars mit nach Hause nehmen, darunter die chinesisch-kanadische Regisseurin Domee Shi für den Animationsfilm „Bao“.

Will man die Oscars als Barometer für den Zeitgeist verstanden wissen, wird man künftig an die Gewinnerinnen denken, nicht an die weißen Männer aus Team „Green Book“, die am Ende des Abends auf der Bühne standen.