Das Kino ist tot, es lebe das Kino. So könnte man die Ausstellung zu 100 Jahre Kino in Überlingen bezeichnen. Der Kurator der Präsentation, Hansjörg Straub, hat in minutiöser Recherche viele kleine Geschichten, Ereignisse und Anekdoten zur Geschichte des Kinos in Überlingen zusammengetragen und durch viele seltene Ausstellungsobjekte dem Betrachter sowohl die technische als auch die soziokulturelle Geschichte des Kinos veranschaulicht. Im 64 Seiten starken Katalog zur Ausstellung werden die Hochs und Tiefs des am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Kinos dargelegt und auch ein Stück Überlinger Stadtgeschichte widergespiegelt.

Ein Ort der Sehnsucht

Kino ist trotz Streaming und Breitwandfernsehen im privaten Wohnzimmer immer noch ein Ort des Träumens, der Magie und der Sehnsüchte. Auch wenn viele Menschen sich heute eine Art Heimkino eingerichtet haben, so ist das öffentliche Kino trotz Besucherrückgänge immer noch ein „Renner“ zumindest im Überlinger Stadtbild, das 2 Kinos mit 5 Kinosälen besitzt.

Natürlich ist ein Gang durch die Räume des Städtischen Museums auch mit Nostalgie verbunden, denn ein Orchestrion, alte Filmvorführungsmaschinen und Apparate wirken wie Relikte aus längst vergessenen Tagen, aber liest man die Ausführungen im Katalog nach, so erzählen sie alle wunderbare Geschichten, die einen die Ausstellungsstücke näher bringen und ein Stück regionaler Kinogeschichte lebendig machen.

So lernt man, dass unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg die Besucher mit einem Stück Holz in der Hand in langen Schlangen anstanden, damit sie nicht in einem kalten Raum sitzen mussten, oder dass die Polizei in Überlingen oftmals Kontrollgänge in den Kinoräumen machte, um Jugendliche vor „sittenwidrigen“ Filmen zu beschützen. Die Erhaltung von Moral und Anstand war über viele Jahrzehnte ein wichtiges Gegenargument, um Leute vom Kinobesuch abzuhalten, bzw. öffentliche Kinovorstellungen gar nicht zuzulassen.

Die Ausstellung zeigt, wie sich die Technik des Filmezeigens über das vergangene Jahrhundert verändert hat. Die Lochbildkamera machte Platz für die Laterna Magica und diese wurde vom Kinetoskop, eine Erfindung aus der Werkstatt des Thomas Alva Edison ausgetauscht. Den echten Durchbruch zu den bewegten Bildern gelang dann den Brüdern Lumière, die 1895 die ersten Kinovorführungen mit einem Apparat, der gleichzeitig Aufnahme- und Vorführgerät war, in Paris durchführten.

Ein Blick in die Ausstellung „Verführung. 100 Jahre Kino in Überlingen“.
Ein Blick in die Ausstellung „Verführung. 100 Jahre Kino in Überlingen“. | Bild: Bozena Graubach

Das Zelluloid sorgte dafür, dass die bewegten Bilder durch Filmspulen in die Kinoräume kamen. Dieses war jedoch leicht entflammbar, so dass Feuerschutz ein großes Thema früherer Vorführungen war. Ein großer 35mm Projektor, der noch mit Spulen arbeitet, ist in der Ausstellung zu sehen und der Besucher kann sich ein Bild davon machen, wie ein sogenannter „Filmriss“ manchmal eine Vorführung für Minuten unterbrochen hat.

Die Ausstellung zeigt aber auch, wie sich die Lichtspielhäuser im Laufe der Zeit verändert haben. Von dem ersten Kinosaal im Gasthof zum Adler, der in den dreißiger Jahren für 475 Zuschauer Platz bot, in denen es noch Kinoansager gab und kleine Orchester Begleitmusik machten bis heute, wo die Kinosäle in Überlingen nur noch 70-100 Plätze aufweisen.

Bekannte Filme von hier

Die Präsentation vermittelt Informationen über die großen Filme, die in Überlingen und Umgebung gedreht wurden, so u.a. die Fischerin vom Bodensee, einem großen Heimatkinoerfolg von 1956 oder das „Fliehende Pferd“ nach dem gleichnamigen Roman von Martin Walser, der 2007 in den Kinoräumen in der Greth seine Premiere hatte.

Von dem 1995 in Überlingen verstorbenen Grafiker Alfred Eckart werden Filmplakate von so bekannten Filmen wie „Die große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers gezeigt. Eckart hatte viele Jahre als freiberuflicher Grafiker in Hamburg für ein großes Kino, aber auch für das Thalia Theater oder das Deutsche Schauspielhaus Plakate entworfen, die künstlerisch eindrücklich Filme und Stars dem Publikum näher brachten.

Ist man am Ende des Durchgangs angelangt, kann man es sich in roten Kinosesseln gemütlich machen und in alte Filme aus Überlingen und Umgebung eintauchen. Jetzt fehlt nur noch der Geruch von Popcorn oder der Eisverkäufer, der früher vor dem Hauptfilm immer kam und das Eiskonfekt von Langnese verkaufte, dann wäre der Ort der Sehnsucht und Verführung perfekt.

„Verführung. 100 Jahre Kino in Überlingen.“ Städtisches Museum Überlingen, noch bis zum 31.10., Di–Sa 9-12.30 sowie 14. – 17 Uhr sowie So 10-15 Uhr.