Ein Zwischenziel haben Anja Plesch-Krubner und Corinna Fellner in ihrem Kampf für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in Baden-Württemberg erreicht: Ihre Online-Petition der Elterninitiative „G9jetzt!BW“ haben nach etwa drei Monaten 24.233 Menschen unterzeichnet.

Das Quorum ist erreicht, damit die Abgeordneten sich mit der Forderung beschäftigen müssen. Doch zufrieden sind die beiden Mütter noch nicht. „Wir streben die zwei- oder dreifache Zahl von Unterstützern an, um den Druck auf die Politik zu erhöhen“, sagt Plesch-Krubner.

 Im Stuttgarter Landtag fehlen die politischen Mehrheiten

Nach den Pfingstferien versuchen die beiden Initiatorinnen einen Neustart. „Wir brauchen mehr Unterzeichner“, betont Plesch-Krubner. Sie verweist auf eine Umfrage in Nordrhein-Westfalen, wo zwischen 70 und 80 Prozent der Eltern für die Rückkehr zu G9 plädiert haben. „Wir wünschen uns mehr Zeit für unsere Kinder.“ 

Das Nachbarland Bayern hat im letzten Jahr die Rückkehr zu G9 beschlossen. Im Stuttgarter Landtag fehlen die politischen Mehrheiten für diesen Schritt. Die frühere grün-rote Regierung hat lediglich jeweils in einem Gymnasium in den 44 Stadt- und Landkreisen per Schulversuch die Rückkehr erlaubt. Grün-Schwarz verlängerte den Versuch letztes Jahr bis 2023. Daran soll sich nichts ändern, hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in dieser Woche im Landtag betonte. „Es gibt keine Stimmung gegen G8“, meint die Ministerin. 

Grüne beharren auf G8

Plesch-Krubner zeigt sich über Eisenmanns Sichtweise erstaunt: „Mehr als 23.000 Unterzeichner sind keine Stimmung?“ Sie erinnert daran, dass die Südwest-CDU im Landtagswahlkampf 2016 mit dem Versprechen angetreten ist, den Eltern die freie Entscheidung zwischen G8 und G9 zu überlassen. „Die CDU sollte ihre Wahlversprechen einhalten“, fordert die Heidelbergerin.

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Sie geht davon aus, die CDU habe um des Koalitionsfriedens Willen ihren Kurs geändert. Denn die Grünen beharren auf G8, um so die Gemeinschaftsschule zu stärken. Diese noch junge Schulform bietet unter bestimmten Umständen das Abitur nach neun Jahren an.

Aber auch in der Opposition stoßen die G9-Befürworter auf Ablehnung. Überraschend skeptisch hat sich SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei (Mannheim) im Landtag eingelassen: „Eine pauschale Rückkehr als pauschale Lösung für alle Herausforderungen wird keinen Erfolg bringen.“

Klare Abfuhr bei den Liberalen 

Notwendig sei eine Auswertung der laufenden Modellversuche. Schon vorher hat sich das Mannheimer Karl-Friedrich-Gymnasium aus dem Kreis der G9-Schulen verabschiedet. Eisenmann macht keine Hoffnung, dass ersatzweise ein anderes Gymnasium einspringen darf.

Eine klare Abfuhr hat sich die Elterninitiative bei den Liberalen geholt. Die FDP will es den einzelnen Schulen überlassen, ob sie neben G8 auch einen neunjährigen Zug anbieten. Klare Zustimmung für die geforderte Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium kommt nur von den Abgeordneten der rechtspopulistischen AfD.

„Das zündet nicht so richtig“, fasst Plesch-Krubner die Mehrheitsverhältnisse im Landtag zusammen. „Es ist noch nicht geschafft, deshalb sammeln wir weiter“, bleibt sie kämpferisch. Bis Ende September kann unterschrieben werden. Dann soll die Petition Eisenmann übergeben werden. 

Was andere Länder machen

Ob die Schüler acht oder neun Jahre bis zum Abitur brauchen, entscheidet das jeweilige Bundesland. Ein Überblick:

  • Baden-Württemberg: Der Übergang zum Abitur nach acht Jahren war eine Entscheidung der damaligen CDU-Landesregierung unter Kultusministerin Annette Schavan. Dem Konzept zufolge sollte der letzte G9-Jahrgang im Südwesten 2012 Abitur machen. Mit dem Regierungswechsel 2011 wurde nachgebessert. Unter Grün-Rot blieb das Land zwar bei G8, an 44 Modellschulen kann aber wieder in neun Jahren Abitur gemacht werden.
  • Hessen: Hier haben Schulen und Eltern das Wort. Seit dem Schuljahr 2013/14 können alle Gymnasien und kooperativen Gesamtschulen frei zwischen G8 und G9 u wählen. Die meisten Schulen haben sich für neun Jahre bis zum Abitur entschieden.
  • Schleswig-Holstein: Das kleine Bundesland im hohen Norden will flächendeckend zu G9 zurückkehren. G8-Gymnasien können einmalig entscheiden, ob sie beim Turbo-Abi bleiben wollen. Dafür haben sich bislang vier Gymnasien im Land entschieden.
  • Saarland: Das kleine Bundesland im Westen hat ein Zwei-Säulen-Modell. Am Gymnasium wird das Abitur nach zwölf Schuljahren Abitur abgelegt, an der Gemeinschaftsschule nach 13 Jahren. Ein Volksbegehren forderte kürzlich die flächendeckende Wiedereinführung von G9. Es scheiterte jedoch, weil nicht genügend Unterschriften zusammen kamen. Trotzdem bleibt das Thema auf dem Tisch: Die saarländischen Koalitionspartner CDU und SPD wollen sich mit der Frage nach G9 weiter damit auseinandersetzen.
  • Rheinland-Pfalz: Als einziges Bundesland im Westen war Rheinland-Pfalz niemals auf den G8-Zug aufgesprungen. Für gute Schüler war es allerdings schon immer möglich, durch Überspringen das Abitur nach acht Gymnasialjahren an einem neunjährigen Gymnasium abzulegen. Die Regel sind aber neun Jahre.