Er kann, er will und vor allem: Er wird. Jörg Biedermann geht an diesem Sonntag in Frickenhausen (Kreis Esslingen) wählen, zum ersten Mal seit zehn Jahren. Er ist einer von rund 6000 Menschen im Südwesten, die bislang pauschal von Wahlen ausgeschlossen waren, weil sie Betreuung in allen Bereichen brauchen.

Das befand das Bundesverfassungsgericht kürzlich für verfassungwidrig und machte den Weg frei für den Gang zur Urne. „Als ich das hörte mit der Erlaubnis, das war für mich sehr gut“, sagt der körperlich und geistig behinderte Biedermann.

Dass ihm das Wählen verwehrt war, seit er vor zehn Jahren unter Vollbetreuung gestellt wurde, findet er „ein bisschen schade“.

Die Worte kommen ihm nicht immer leicht über die Lippen, Konzentration fällt ihm schwer, das Kurzzeitgedächtnis ist beeinträchtigt. Zu komplexe Sätze und Sachverhalte überfordern ihn. Aber einfache Wahrheiten sind eben auch Wahrheiten und die Wahrheit ist: Biedermann interessiert sich für Politik, interessiert sich für Wirtschaft, liest auch das Gemeindeblatt und die „Nürtinger Zeitung“.

In Frickenhausen stehen, so wie auch im Rest des Landes, an diesem Sonntag Kommunalwahlen an. Auch zur Europawahl sind die Menschen an dem Tag aufgerufen, endlich alle, also auch er. Nur dass für die Teilnahme daran für Betreute ein eigener Antrag nötig gewesen wäre: die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes dazu kam zu spät, als dass man ihn und die anderen Betroffenen automatisch dafür ins Wählerverzeichnis hätte aufnehmen können. Wäre ihm eh zuviel gewesen, sagt Biedermann.

Kommunalwahlen, das reicht ihm erst mal.

In Frickenhausen lebt er, in Frickenhausen arbeitet er und dass er da mit seiner Stimme politisch ein kleines Wörtchen mitreden kann, das ist ihm durchaus wichtig. An seinem Arbeitsplatz, in der Werkstatt der Behinderten-Förderung im Ortsteil Linsenhofen, wurde seit Wochen über das neu gewonnene Wahlrecht informiert, erzählt der dort für Berufsbildung zuständige Dimitri Wedmann.

Jörg Biedermann (r) schaut zusammen mit Dimitri Wedmann, Gruppenleiter im Berufsbildungsbereich bei der Behinderten-Förderung-Linsenhofen, auf einen Wahlzettel für die Kommunalwahl.
Jörg Biedermann (r) schaut zusammen mit Dimitri Wedmann, Gruppenleiter im Berufsbildungsbereich bei der Behinderten-Förderung-Linsenhofen, auf einen Wahlzettel für die Kommunalwahl. | Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Am vergangenen Donnerstag organisierte er gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband eine inklusive Info-Veranstaltung. Kommunalpolitiker stellten sich den Fragen von jungen Erstwählern und von Menschen mit Behinderung.

Der CDU-Kandidat hat Biedermann dabei besonders gut gefallen, überhaupt neigt er zu dieser Partei. Er hat sie früher auch schon gewählt, bevor er unter Vollbetreuung kam. Auf dem Infoabend stellte Biedermann auch eine Frage: Ob in der Kommune neue Wohnplätze für Menschen wie ihn entstehen und ob sie barrierefrei sein werden? Schön wäre auch, wenn Frickenhausen ein eigenes Kino bekäme, überlegt er.

Mit acht Jahren wurde der 43-Jährige von einem Auto angefahren.

Seine Mutter Christa Biedermann, gleichzeitig seine Betreuerin, ringt noch heute um Fassung, wenn sie davon erzählt: Von den zwei Wochen Bangen „lebt er oder stirbt er“, vom schweren Schädel-Hirntrauma, der schweren Epilepsie.

Jörg Biedermann trägt einen Helm, der ihn vor Verletzungen schützt, wenn er wegen eines Anfalls zu Boden stürzt. Seine Brille nimmt er kurz ab und wischt sich über die Augen, als seine Mutter von dem spricht, was ihm zustieß. „Er hat geistig schon ziemlich was abbekommen“, sagt sie. Aber das heiße noch lange nicht, dass er als voll betreuter Mensch nicht wählen könne.

„Die Menschen, die den Willen bekunden, wählen zu wollen, denen kann man auch eine eigenständige Wahlentscheidung zutrauen“
Sprecher der Bundesvereinigung Lebenshilfe

Der Deutsche Behindertenrat kritisiert, dass Baden-Württemberg erstmal nur eine Übergangsregelung beschlossen hat, bis der von den Karlsruher Richtern monierte Passus im Bundeswahlrecht überarbeitet ist.

Cornelia Meyer-Lentl vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg mahnt, dass mehr Kandidaten mit Behinderung motiviert werden müssten, sich bei Wahlen aufstellen zu lassen. Das Wahlrecht für Menschen wie Jörg Biedermann beschäftigt viele und es beschäftigt gerade vor allem Jörg Biedermann.

Am Sonntag wird er nicht früh aufstehen, er will sich Zeit lassen und sich dann, in Begleitung, ins Rathaus zur Wahl aufmachen. Seine Stimmzettel hat er schon ausgefüllt, erzählt er. Bevor er zum Essen geht, klickt er noch mal eben auf einem im Treppenhaus hängenden Bildschirm die Tagesschau-App an.

Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Hundert Sekunden Nachrichten. Biedermann schaut sie sich fast bis zum Ende an. (dpa)