Es ist noch kein Vierteljahr her. Weil eine 18-jährige Frau aus Syrien ihren Ehemann verlassen hatte und von einem anderen ein Kind erwartete, sollte sie umgebracht werden. Sie überlebte einen Messerangriff nur knapp. Die Täter, der Ex- Ehemann und der Bruder, wurden wegen versuchten Mordes am Landgericht Ravensburg zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Jetzt ein ähnlicher Fall an gleicher Stelle: In einem Schwurgerichtsprozess ist vom kommenden Dienstag an ein 46-jähriger Syrer wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Ehefrau angeklagt. Mit einem Hammer und einem Küchenmesser soll er die Frau so schwer verletzt haben, dass sie nur dank einer Notoperation überlebte.

„Es geht um pure Gewalt. Es geht nicht um Ehre.“

In einer Pressemitteilung des Ravensburger Landgerichts ist die Tat vom September 2018 als „Ehrenmordversuch in Berg im Landkreis Ravensburg“ überschrieben. Der frühere Kriminaldirektor und jetzige Leiter der Außenstelle für Kriminalitätsprävention und Opferhilfe Weißer Ring, Josef Hiller, findet die auch in Medien oft benutzten Begriffe „Ehrenmord“ und „Ehrenmordversuch“ irreführend und unpassend.

Hiller: „Es geht um pure Gewalt. Es geht nicht um Ehre.“ Zusammen mit Polizei, Beratungsstellen, Frauenhaus und anderen Helferkreisen beschäftigt sich Hiller seit Jahren mit häuslicher Gewalt gegen Frauen, die latent und in allen gesellschaftlichen Schichten stattfindet. 2017 wurden in Deutschland über 110 000 Delikte gegen Frauen gezählt, 364 endeten tödlich, so die polizeiliche Kriminalstatistik.

Mann wollte Scheidung nicht akzeptieren

Der in der nächsten Woche beginnende Prozess dürfte einige Problemfelder beleuchten. Die Geschichte begann 2015, als die 38-jährige schwangere Ehefrau des Angeklagten vor Bürgerkrieg, Tod und Vertreibung mit ihren drei Kindern nach Deutschland flüchtete und in der kleinen Gemeinde am Rande des Schussentals eine neue Bleibe und Einblicke in eine andere Welt fand. Als der Ehemann mehr als zwei Jahre später im Zuge der Familienzusammenführung nachkam, soll es bald zu schweren und handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen sein.

Eifersucht, Frust und gegenseitige Vorwürfe eskalierten. Der Mann wollte die mittlerweile vollzogene Scheidung seiner Frau nach islamischem Recht nicht akzeptieren. Als die einen anderen Syrer heiratete, kam es vor dem Ravensburger Familiengericht zu einem sogenannten Gewaltschutzverfahren. Ob der Streit als Hochrisikofall erkannt und verfolgt wurde, muss der Prozess zeigen. Längst bekannt ist jedoch, dass der Anteil gefährdeter Frauen mit Fluchterfahrung und Migrationshintergrund deutlich zugenommen hat.

Notoperation rettet ihr Leben

Nach den Ermittlungen soll der Angeklagte den Entschluss gefasst haben, den neuen Ehemann seiner Ex-Frau zu töten. Auch den Tod der Frau soll er in Betracht gezogen haben. Am Abend des 19. September 2018 kletterte er, mit einem Messer und einem Hammer bewaffnet, über einen Balkon in ihre Wohnung und stach in Anwesenheit der beiden Töchter mehrfach auf die Frau ein, so Polizei und Staatsanwaltschaft. Durch eine Notoperation konnte die Schwerverletzte im Krankenhaus gerettet werden.

Für den Prozess vor der 1. Schwurgerichtskammer sind fünf Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte am 8. März fallen.