Herr Untersteller, die Schüler im Land streiken fürs Klima. Das müsste einem Grünen wie Ihnen doch gefallen.

Das hat nichts mit gefallen zu tun. In Baden-Württemberg ist die Temperatur seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 um 1,4 Grad angestiegen, ein Grad davon allein in den letzten 20 Jahren. Das heißt, wir sind heute schon da, wo das Pariser Klimaabkommen eigentlich die Grenze zieht. Was ich damit sagen will: Der Klimawandel ist in Baden-Württemberg angekommen. Das spürt man beim Grundwasserspiegel, bei der Temperatur im Bodensee. Die nachfolgende Generation hat zurecht den Eindruck, dass die Politik zu wenig macht.

Wo versagt die Politik?

Wir haben auf der einen Seite die Beschlüsse von Paris – mit dem Ziel möglichst unter 1,5 Grad Temperaturanstieg zu bleiben. Aber wenn es dann darum geht, Maßnahmen zu treffen, dann fehlt’s. Das erlebe ich auch gerade in Stuttgart bei der Auseinandersetzung ums Klimaschutzgesetz. Der CDU muss langsam klar werden: Man kann nicht mehr nur über den Klimaschutz filibustern, sondern es geht jetzt darum dafür zu sorgen, dass wir die Ziele im Jahr 2050 auch erreichen. Wenn wir versagen, werden wir erleben, dass die Flüchtlingsströme von 2015/16 nur ein Hauch dessen waren, was dann kommt.

Wie wird sich der Klimawandel in Baden-Württemberg auswirken?

Wir machen seit 2014 ein Monitoring, wo wir schauen, was das für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Weinbau und Tourismus bedeutet. Und wir stellen fest: In all den Bereichen tut sich heute schon etwas. Das angenehmste sind noch die Folgen im Weinbau, wo man mittlerweile auch schon Rebsorten aus Südfrankreich anbauen kann. In der Baumwirtschaft sehen wir, dass bestimmte Arten es schwerer haben: Die Fichte wird sich in den nächsten Jahrzehnten zurückziehen. Der Schwarzwald wird dann vermutlich mehr aus Laubwald bestehen. Dazu kommt, dass die Grundwasserstände weiter zurückgehen.

Niedrigwasser an der Rotachmündung in Friedrichshafen im August 2018
Niedrigwasser an der Rotachmündung in Friedrichshafen im August 2018 | Bild: Gerhard Plessing Flug und Bild

Das heißt nicht, dass wir akut in Versorgungsprobleme hineinkommen. Davor schützen uns die Bodensee-Wasserversorgung und die Gruppenwasserversorgungen. Aber insbesondere in den Hochlagen des Schwarzwalds müssen wir Vorsorge treffen.

Schon jetzt sieht man im Schwarzwald, dass für Wintersportveranstaltungen der Schnee hergekarrt werden muss. Macht das noch Sinn?

Insbesondere im Nordschwarzwald wird man sich über kurz oder lang Gedanken machen müssen, was im Tourismus die Alternative zum Wintersport ist. Dort werden schneereiche Winter in Zukunft selten sein. Wir werden trockenere Sommer und feuchtere Winter bekommen – aber das heißt aufgrund der gestiegenen Temperaturen mehr Regen, nicht mehr Schnee. Man kann ja nicht den ganzen Schwarzwald mit herangekarrtem Schnee zudecken.

Wie ist es um den Klimaschutz im Land bestellt?

Wenn man nüchtern draufschaut, produziert Baden-Württemberg 75 Millionen Tonnen CO2 im Jahr. Das sind 0,2 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Jetzt könnte man sagen: An uns hängt’s nicht. Ich seh’s aber ganz anders: Nämlich, wenn so eine reiche Region wie wir nicht zeigt, dass es geht, die CO2-Emissionen zu reduzieren und zugleich wirtschaftlich erfolgreich zu sein, wer soll’s denn dann machen? Deshalb brauchen wir das Klimaschutzgesetz. Es wird allmählich ernst: Wir haben nur 30 Jahre, um unsere Industriegesellschaft zu dekarbonisieren. Das ist fürs Klima übermorgen.

Das heißt, dass man mit den Schülern über die falschen Fragen streitet: Erstens darüber, ob sie vom Thema Ahnung haben, zweitens übers Schulschwänzen.

Kein Mensch würde von den Protesten Notiz nehmen, wenn sie das nicht machen würden. Streiks in der Wirtschaft finden auch nicht am Sonntag statt. Dass man das nicht über Jahre hinweg machen kann, liegt irgendwie auch nahe. Ich habe gestern einen Brief geschrieben an meine Kollegin Susanne Eisenmann, weil ich in den Protesten auch eine Chance sehe. Ich habe ihr meine Hilfe dabei angeboten, das Thema Klimaschutz und alles was damit zusammenhängt, stärker im Unterricht zu verankern. Das ist doch eigentlich eine ideale Situation.

2018 – ein exemplarisches Jahr

Experten lassen keinen Zweifel daran, dass der Klimawandel im Südwesten längst angekommen ist. Beispiele gefällig?

Temperatur: 2018 lag die Durchschnittstemperatur in Deutschland bei 10,4 Grad Celsius. Damit lag seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 das Jahresmittel erst zum zweiten Mal über zehn Grad – das letzte Mal war das 2014 der Fall. 15 der 20 wärmsten Jahre seit 1881 fallen in den Zeitraum seit 1989.

Niederschläge: Zugleich war 2018 eines der trockensten Jahre. Es fielen nur 590 Liter Regen pro Quadratmeter und damit 75 Prozent des Sollwerts. „Das Jahr war charakteristisch für das, worüber Wissenschaftler seit Jahrzehnten sprechen“, der Sprecher des Deutschen Wetterdienstes, Andreas Friedrich.

Sinkender Grundwasserspiegel: Als Folge des Klimawandels droht dem Südwesten künftig Wassermangel. Betroffen davon sind etwa die Hochlagen des Schwarzwaldes, wo die Wasserversorgung überwiegend durch ortsnahe Quellen und Tiefbrunnen erfolgt und es keinen Zugang zum Bodenseewasser gibt.

Wetterextreme: „Das Jahr war charakteristisch für das, worüber Wissenschaftler seit Jahrzehnten sprechen“, sagt DWD-Sprecher Friedrich. Schnelle Übergänge vom Winter direkt in den Sommer, extreme Wetterphänomene und monatelange Hitze und Dürre: „Das Jahr 2018 stand ganz im Zeichen des Klimawandels.“

Dürre: Für die Land- und Forstwirtschaft war 2018 verheerend: Dürreschäden, Ernteeinbußen und Waldbrände gehören zur Negativbilanz dieses außergewöhnlichen Wetterjahres. Baden-Württemberg kam im Vergleich zu Nordostdeutschland noch glimpflich davon. Im Schwarzwald leiden Waldbesitzer in der Folge der Hitze und der Dürre eher am Borkenkäfer-Befall.

Artenvielfalt: Feldhamster, Auerhuhn und Eschen-Scheckenfalter sind in Baden-Württemberg akut vom Aussterben bedroht – auch aufgrund des Klimawandels. Es gibt aber auch Gewinner der Klimaerwärmung. Die Gottesanbeterin, die seit Jahrzehnten am Kaiserstuhl lebt, wandert mit steigenden Temperaturen nach Norden. (rom/sk)