Ein Supermarktparkplatz in Süddeutschland am 16. September 2017: Ein Mann schlendert an den parkenden Autos vorbei. Er weiß nicht, was gleich passieren wird. Auf der Höhe eines Wagens bleibt er stehen. Ein Fremder spricht ihn an.

Dann geschieht es: Schwerbewaffnete Polizisten des SEK springen aus dem Auto und greifen sich den Mann, reißen ihn zu Boden. Handschellen klicken. Der Mann heißt Christian L.

L. ist Sexualstraftäter. Vorbestraft und laut Behörden geht von ihm Gefahr aus. L. ist ein krimineller Pädophiler, dessen Taten bis zu seinem Prozess im Juni 2018 noch vielen Menschen den Schlaf rauben werden – Angehörigen, Ermittlern, Richtern, Staatsanwälten und vielen Menschen unserer Region.

L. ist einer, der Unfassbares angerichtet hat und später frei von Scham darüber berichten wird. Eine Seltenheit in der abgeschotteten Pädophilen-Szene, die aufgrund eines anonymen Hinweises aufgescheucht wird.

Aber nicht nur L. hat Schlimmes getan: Eine Mutter mit Namen Berrin T. wird ebenfalls verhaftet. Einen Tag zuvor hatten Ermittler den neunjährigen Sohn der Frau bereits dem Jugendamt übergeben. Er lebt jetzt in einer Pflegefamilie.

Berrin T. ist die Frau, die Christian L. bei sich wohnen ließ. Und eine Mutter, die ihren eigenen Sohn missbraucht, vergewaltigt und weiteren Männern nebst ihrem Freund gegen Geld und Geschenken überlassen hat. Was hat die beiden dazu getrieben?

Kapitel I - Wie der Fall „Staufen“ den Alltag als Mensch und Journalist veränderte

Kapitel II - Der Beginn unserer Recherche führt uns in eine düstere Welt

Kapitel III - So erlebten wir den Prozess in Freiburg

Kapitel IV - Wer kennt sich in der düsteren Welt aus?

Kapitel V - Wie sich zwei Kinderschänder verständigen

Kapitel VI - Ein ungleiches Paar

Kapitel VII - Die schweigende Berrin T.

Kapitel VIII - Der mitteilsame Christian L.

Kapitel IX - Was wir sagen müssen

Kapitel X - Das Ende einer Reise

I
Wie der Fall „Staufen“ den Alltag als Mensch und Journalist veränderte

Nach der Verhaftung von Berrin T. und Christian L. kommen schnell Details über die Taten des Paares ans Licht. Der Fall, der als „Missbrauchsfall von Staufen“ national und international in die Schlagzeilen gerät, ist an Abscheulichkeiten kaum zu überbieten.

Letztlich kommt es zu acht Verhaftungen. Acht Menschen, die vermutlich einen Jungen als Sexspielzeug benutzten, ihre Taten filmten und damit im Darknet neue Kunden akquirierten. Solch ein Szenario in unserer Region? Wie konnte das nur passieren?

Auch wir, als Journalisten des SÜDKURIER vertraut mit schlechten Nachrichten, können anfangs nur schwer damit umgehen, was sich rund um Freiburg abgespielt haben soll. Das Thema diktiert die Redaktionskonferenzen, aber auch die Gespräche über die Arbeit hinaus. Das Thema beschäftigt die Menschen.

Der Plausch beim Bäcker ist weniger dynamisch, Köpfe werden geschüttelt, der Blick gesenkt. Am Essenstisch fehlen uns die Worte, um die eigene Gefühlslage zu beschreiben. "Ich kann mir das nicht vorstellen", hören wir häufig.

Wir denken an den Jungen. Und wie ihm das angetan werden konnte – von den Personen, die ihm am nächsten standen, denen er vertraute.

Alles kreist um das Tabuthema Pädophilie, das in der Öffentlichkeit selten besprochen wird. Warum? Weil es den meisten Menschen weh tut. Weil es über die Vorstellungskraft hinausgeht, Erwachsene könnten Kindern mit ihren sexuellen Gelüsten die Kindheit stehlen.

Doch genau hier liegt der Fehler. Wir glauben, es muss gesprochen werden, auch in der Öffentlichkeit. Selbst wenn es weh tut. Selbst wenn das, was Sie im Folgenden lesen, verstörend ist: Es ist auch die Aufgabe einer Gesellschaft, sich ihren blinden Flecken zu stellen.

Viele der Missbräuche wurden von den Tätern per Videokamera festgehalten. Diese Aufnahmen dienten zur eigenen Befriedigung sowie der Verbreitung im Darknet. Mit dem Material wurden auch neue "Kunden" angeworben.
Viele der Missbräuche wurden von den Tätern per Videokamera festgehalten. Diese Aufnahmen dienten zur eigenen Befriedigung sowie der Verbreitung im Darknet. Mit dem Material wurden auch neue Kunden angeworben. | Bild: Louis Kellner

II
Der Beginn unserer Recherche führt uns in eine düstere Welt

Der Fall ist umfangreicher als gedacht, abartiger als geglaubt und es stehen Fragen im Raum. Hauptsächlich Fragen danach, wie es dem Jungen geht. Und ob er wohl jemals eine Chance auf ein normales Leben haben wird.

Aber viele Menschen in unserem Umfeld wollen auch wissen, wie L. und T. ihre Taten fertig bringen konnten. Wer sie sind und was mit ihnen nicht stimmt. Schnell werden die beiden als Monster bezeichnet. Wir fragen uns, ist das so einfach? Gibt es schlicht und ergreifend böse Menschen?

 III 
So erleben wir den Prozess in Freiburg

Wir verfolgen den Prozessauftakt. Wir können mit den Angeklagten nicht sprechen, aber wir wollen sie sehen, wollen uns ein eigenes Bild machen.

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Die Ambivalenz dieses Paares erschreckt uns. Sie, Berrin T., ist ungepflegt mit kahlen Stellen am Kopf, wirkt unsicher. Eine Frau, die sich aufgegeben zu haben scheint. Er, Christian L. ist dynamisch, selbstbewusst. Beide meiden den Blick des Anderen. Man könnte meinen, die beiden kennen sich nicht.

Bei Verlesung der Anklageschrift verlassen Besucher den Saal, einige Menschen schnappen hörbar nach Luft.

Es wird deutlich: Was mit einem Verlangen von Christian L. begann, schraubte sich zu einem unsagbaren Akt der Gewalt gegen den Jungen hoch. Die Vergewaltigungen wurden brutaler und widerwärtiger. Wo hätte das hingeführt, hätte es nicht den anonymen Hinweis gegeben?

In diesem Saal müssen sich Christian L. und Berrin T. in Freiburg für ihre verantworten.
In diesem Saal haben sich Christian L. und Berrin T. in Freiburg für ihre Taten verantwortet. | Bild: dpa

Wir beobachten die Angeklagten, während die Staatsanwältin die Anklageschrift vorträgt:

Berrin T. starrt oft ins Leere, irgendwo vor sich auf den Aktenstapel ihres Verteidigers. Manchmal blickt die verwahrlost aussehende Frau auch zur Staatsanwältin hinüber. Sie wirkt verloren in diesem Saal – wie eine Obdachlose, die plötzlich in ein nobles Einkaufszentrum geführt wird.

Christian L. kritzelt auf Papier, beobachtet das Publikum. Er streift öfter unseren Blick. Durch sein schmales spitz zulaufendes Kinn mit Bart und die dunklen Augen wirkt sein Gesicht geradezu teuflisch.

In der Pause tauschen wir uns aus. Uns wird klar, das Gehörte hat uns entführt. So weit weg von unserem Wohlbefinden, von unserer vermeintlich heilen Welt, waren wir noch nie. Und wir ahnen, auf unserem Weg werden wir dem Bösen im Menschen sehr nahe kommen. Vielleicht näher als wir dachten.

Nach unserem Besuch beim Gerichtsprozess sind wir uns einig: Wir brauchen dringend einen Kompass, um uns in der Welt des Paares zurecht zu finden. Aber wer kennt sich aus in dieser fremden Welt?

IV
Wer kennt sich in der fremden Welt aus?

Wir suchen uns Hilfe. Die Psychologin Julia von Weiler von der Organisation “innocence in danger” beschäftigt sich seit 1991 mit sexuellem Missbrauch, setzt sich vor allem unerschrocken für Betroffene ein.

Julia von Weiler kämpft täglich für Betroffene von sexuellem Missbrauch. | Bild: innocence in danger

Sie kennt die Szene sehr genau, entwickelt Präventionsmaßnahmen und ist international vernetzt. Zuletzt war sie auf einer Fachtagung in Kanada. Wir wollen von Frau von Weiler ihre persönliche Sicht und Einordnung des Prozesses erfahren:

Wie ist der Fall Staufen einzuordnen?

Julia von Weiler: „Auch wenn es zynisch klingt, mich hat es aus professioneller Sicht gefreut, dass so ein Fall in Deutschland publik wird. Denn wir als Organisation kennen diese Geschichten. Aber oft gelangen solche Fälle erst gar nicht zur Anzeige, weil die Betroffenen, die aussteigen, damit beschäftigt sind, ihre persönliche Sicherheit gewährleistet zu sehen. Von daher ist es auch ein Glücksfall, dass dieser Fall von Missbrauch aufgedeckt wurde.“

In diesem Fall sind die Mutter und ihr Freund mutmaßlich Täter. Wie ist das möglich?

Julia von Weiler: „Dieser Fall ist auf der einen Seite total entsetzlich aber andererseits auch total typisch. Denn dass der Täter oder die Täter aus der Kernfamilie stammt, ist nicht selten.

Internationale Studien zeigen und Gespräche mit dem BKA bestätigen, dass in der Mehrzahl der Opfer in Missbrauchsdarstellungen, das, was wir Kinderpornografie nennen, die Primärtäter aus der Kernfamilie kommen. Dieses Wissen müssen wir dringend im Hilfesystem, wie Beratungsstellen, Jugendamt und Familiengerichten etablieren, damit wir solche Fälle früher und besser erkennen.“

Wieso ist es für viele Menschen schwer, mit solchen Themen umzugehen?

Julia von Weiler: „Wir wollen so etwas gerne wegschieben. Sagen, so was gibt es eher auf den Philippinen oder in Thailand. Unter Umständen vielleicht in Polen oder in einem Waisenhaus in Rumänien, aber nicht hier. Aber es ist wichtig anzuerkennen: Das sind Fälle, die sich durch alle Schichten ziehen. Das ist kein Unterschichten-Phänomen. Eher im Gegenteil.

Für uns Menschen ist es sehr schmerzhaft unsere paradiesische Naivität aufzugeben. Aber genau dazu fordert uns dieser Fall auf. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, denn wenn wir ganz fest die Augen zu kneifen und so tun, als gäbe es das alles nicht, dann werden wir aktiver Teil der Verleugnung.  Damit schützen wir am Ende Täter oder Täterinnen. Und ich finde, das dürfen wir nicht.“

Warum ist es wichtig, auch über solche schlimmen Taten in der Öffentlichkeit zu reden?

Julia von Weiler: „Wir sind endlich angekommen, dass über organisierte und ritualisierte sexuelle Gewalt in der Öffentlichkeit geredet wird. Das liegt zum einen daran, dass immer mehr Betroffene mutig über das, was ihnen angetan wurde, sprechen. Zum anderen ist das Thema aber auch in der Politik endlich angekommen, was auch Veranstaltungen z.B. des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigen.

Trotzdem haben wir noch wahnsinnig viele blinde Flecken. Natürlich sehen wir längst nicht jeden Fall von Missbrauch. Nur ein Drittel aller Betroffenen teilt sich überhaupt jemals irgendjemandem mit. Und nur 1 Prozent aller Fälle in Deutschland wird der Polizei oder dem Jugendamt bekannt.

Gerade im Fall von „Staufen“ ist es wichtig und richtig, in voller Ausführlichkeit darüber zu berichten, weil er so alltäglich ist. Dieser Junge hat von außen betrachtet in einer total normalen, wenn auch prekären Welt gelebt. Das ist Kampusch, das ist Fritzl, das ist das Horrorhaus in Höxter, nur eben bei Freiburg. Genau das verstört uns Menschen daran.“

V
Wie sich zwei Kinderschänder verständigen

Die Gespräche mit Julia von Weiler bestätigen uns, wir haben es tatsächlich mit einem außergewöhnlichen Fall von Kindesmissbrauch zu tun. Nicht, weil solche Fälle so selten sind, sondern weil dieser hier tatsächlich vor Gericht verhandelt wird. Weil er aufgedeckt wurde und das auf paradoxe Weise ein Glücksfall ist. Gerade auch weil ein ganzer Ring aus Pädophilen ausgehoben wird.

Und da wir uns quasi „mitten in der Welt der Kinderschänder“ befinden, wollen wir wissen, wie die Welt der beiden Hauptangeklagten Christian L. und Berrin T. denn ausgesehen hat – wie sah das Böse in deren Alltag eigentlich aus?

Wie verständigt man sich darüber, gemeinsam Kinder zu vergewaltigen?

Wie schafft Christian L. es, Berrin T. in seine böse Welt einzuladen? Und wieso hat Berrin T. einen vorbestraften Kinderschänder bei sich wohnen lassen?

Dabei helfen uns Chatprotokolle, die vor Gericht vorgelesen werden. Hier Auszüge aus einem dieser Protokolle, in dem sich die beiden über ihre Taten austauschen. Sie geben Einblicke in die Abgründe von L. und T..

*Diese Chat-Protokolle sind Mitschriften aus dem Gerichtssaal, wo die Protokolle im Rahmen der Beweisaufnahme verlesen wurden:

Christian L.:

“Ich habe seit vier Jahren keine Frauenhand gesehen. Ich muss mal Druck ablassen.”

“Du weißt vieles von mir nicht, ich saß bis letztes Jahr vier Jahre im Gefängnis. Wenn man als Kinderficker hingestellt wird, ist man vorsichtig.”

“Ich pack mir was Junges, oder lerne jemanden kennen, der Kinder hat. Kinder nehmen keinen Schaden, wenn sie einem den Druck nehmen. Du suchst mir Kleine oder Kleinen.”

Berrin T.:

“Haha, ernsthaft jetzt?”

Christian L.:

“Kannst du auch damit leben, wenn ich mit Kind?”

Berrin T.:

“Das glaube ich eher nicht.”

Christian L. beginnt von einem dreijährigen Mädchen zu sprechen, das beide aus ihrem Umfeld kennen. Er schlägt vor, dass Berrin T. die “Kleine” für ihn organisiert.

Christian L.:

“Ich will nichts Schlimmes von ihr, soll mir nur Hand oder vielleicht Mund geben.”

“Denke, die Kleine wird ja nicht reden.”

Berrin T.:

“Ich mach das, weil ich dich lieb hab. Klar, das ist nicht der Renner, aber das bist halt du. Ich bitte dich nur um eins, versprich mir, nicht meinen.”

Christian L.:

“Wie gesagt, ich steh nicht auf Jungs.”

Es folgen Details, was für Bilder er von dem Mädchen möchte. Fotos, die Berrin T. machen soll. Mit Worten, die hier nicht wiederholt werden sollen.

Berrin T.:

“Ich hab dich lieb mit all deinen Fehlern, will dich auch gar nicht anders haben.”

Christian L.:

“Dann sollten wir das mit der Kleinen regeln.”

Berrin T.:

“Wenn ich nicht da bin, tob dich aus. Ich muss es nicht sehen und meiner ist tabu.”

“Du musst nur darauf achten, dass sie keiner hört.”

“Gib der Kleinen Schokolade von meinem Kurzen, Schokolade hilft bei Kindern immer.”

*Soweit das Chat-Protokoll.

Jetzt wissen wir zwei Dinge:

Erstens: Berrin T. hat ihren Sohn nicht freimütig Christian L. überlassen. Vielmehr hat sie L. in den frühen Tagen der Beziehung deutlich mitgeteilt, dass ihr Sohn für die Forderungen von L. tabu ist. Sie hat sich vor Ihren Sohn gestellt. Auch wenn sie das irgendwann nicht mehr tat. Dieser Umstand ist wichtig für den Fortgang dieser Suche nach den Ursachen dieses Missbrauchsfalls.

Zweitens: Während wir uns darüber Gedanken machen, wie unsagbare Taten sagbar werden, sprechen es Berrin T. und Christian L. ganz einfach aus. Als sei es das Normalste der Welt. Vielleicht weil es in ihrer Welt tatsächlich normal war und ist?

Bild: Quelle: innocence in danger

VI
Ein ungleiches Paar

Je länger wir uns mit den beiden Hauptangeklagten beschäftigen und nach der Antwort suchen, wie die beiden in der Lage waren, die grausamen Taten zustande zu bringen, rückt der Entschluss näher, uns zu Recherchezwecken aufzuteilen.

Uns verstört die Konstellation des Pärchens: Der vorbestrafte Kinderschänder findet eine Frau, die plötzlich ihre Mutterrolle aufgibt und ihr eigenes Kind selbst vergewaltigt und andere vergewaltigen lässt.

Es ist also an der Zeit, die mutmaßlichen Hintergründe der Taten zu hinterfragen. Auch dazu sind wir auf die Hilfe von Experten angewiesen.

Mirjam Moll beschäftigt sich mit Berrin T., während Simon Diefenbach zu Christian L. recherchieren wird.

VII
Die schweigende Berrin T.

Mirjam Moll

Ich gehe auf Spurensuche. Wer ist diese Frau, die im Gerichtssaal keinen Ton von sich gibt? Ich fange ganz von vorne an. Berrin. Woher kommt dieser Name. Ein kurdisches Wort, erfahre ich aus dem Internet. Es bedeutet die “Bevorzugte”, die “Wichtige”, die “Oberste”.

Nichts könnte weiter entfernt sein von jenem Bild, das sich mir eingebrannt hat. Dieser leere Blick, in diesem bleichen, fast gräulichen, aufgedunsenen Gesicht. Die kahlen Stellen auf dem Kopf, das dürre Haar. Diese Frau ist anders als ihr Partner, mit dem sie in den Abgrund des Bösen stürzte. Oder war sie schon dort, als sie Christian L. kennenlernte?

Die Leere einer Frau

Aus meinem Arbeitsauftrag, über den Prozess zu berichten, entsteht der Wille, eine Erklärung zu finden. Was hat dafür gesorgt, dass die Seele der Frau offenbar verkümmert ist? Dass sie innerlich so abgestumpft scheint, um sich auf so grausame Art und Weise an einem kleinen behinderten Mädchen und schließlich ihrem eigenen Sohn zu vergehen?

Mirjam Moll beim Prozess gegen Christian L. und Berrin T. am Landgericht Freiburg.
Mirjam Moll beim Prozess gegen Christian L. und Berrin T. am 13.07.2018 im Landgericht Freiburg. | Bild: Achim Keller

Immer wieder wird vor Gericht die Vokabel “Hörigkeit” strapaziert. Ist es also das? War Berrin T. diesem Mann hörig? Berrin T. blickt manchmal zu Christian L. hinüber, während der Verhandlung. Oder ist Berrin T. als devot einzustufen? Das glaube ich nicht, will ich nicht glauben. Ich sehe nur Leere in ihrem Blick.

Hat Christian L. diese Leere schlicht und ergreifend auf seine Art gefüllt, die aber mit Bedingungen verknüpft waren? Zumindest ist das mein erster Eindruck vor Gericht.

Berrin T. hat offenbar keine Struktur im Leben, sie braucht jemanden, der sie ihr vorgibt. Das mag alles sein. Aber als Erklärung reicht mir das nicht.

Je tiefer ich in die Welt von Berrin T. vordringe, desto mehr werde ich mir darüber bewusst, welchen Preis sie gezahlt hat: das Leben ihres Sohns. Wie konnte sie das tun?

Ich muss mich dieser Frage nähern. Ich will wissen, wie es dazu kommen kann, dass der mütterliche Instinkt ausgeschaltet wird. Vor allem, weil sie diesen Instinkt doch anfangs in sich hatte. Immerhin hat sie klar kommuniziert, ihr Sohn sei für L. tabu. Wie ist es also möglich, dass sich eine Frau überhaupt auf einen Mann einlässt, von dem sie ahnen muss, dass er eine Gefahr für das eigene Kind darstellt?

Ich beschließe, mit jemandem zu sprechen, der mir weiterhelfen wird: Ich spreche mit Adolf Gallwitz.

Was Berrin T. zu ihren Taten getrieben haben könnte

Expertengespräch mit Adolf Gallwitz (67), Professor für Psychologie und Soziologie an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen.

Adolf Gallwitz lehrt an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen. | Bild: hfpol-vs.de

Berrin T. wirkt gefühlskalt, innerlich tot. Ist das ein Indiz dafür, wie abgebrüht sie wirklich ist?

Adolf Gallwitz: „Ich gehe davon aus, dass sie mit der sogenannten emotionalen Schwingungsfähigkeit schwach ausgestattet ist. Viele von den Gedanken, die sich Prozessbeobachter machen, kann sie vermutlich nicht nachvollziehen. Ihr fehlt vermutlich die soziale Intelligenz und Empathie.“

Das heißt, es ist ihr völlig egal, welche Folgen ihr Handeln für andere hat?

Adolf Gallwitz: „Völlig egal ist es nicht, aber jeder Mensch hat Kosten-Nutzen-Konzepte. Was dem einen Menschen wichtig ist, ist dem anderen nicht wichtig.

Jeder versucht, ein Ziel zu erreichen. Was er auf dem Weg dorthin in Kauf nimmt und worüber er rücksichtslos hinweg geht, hat damit etwas zu tun – nicht mit dem personifizierten Bösen.

Es hat sicher Gründe gehabt, warum Berrin T. zu bestimmten Handlungen mit ihrem Kind ihre Einwilligung erteilt hat, beziehungsweise nichts dagegen unternommen hat, dass das nicht passiert.“

Trotzdem schockiert dieser Fall besonders. Weil eine Mutter ihren eigenen Sohn missbraucht und pädophilen Männern verkauft hat...

Adolf Gallwitz: „Es gibt mit Sicherheit nicht dutzende, sondern tausende Eltern, die Missbrauch betreiben oder zulassen. Wir brauchen nicht so zu tun, als ob das der einzige schreckliche Fall ist.

Bei solchen Taten spielen die eigenen Fantasien eine Rolle, aber auch, was für Vorstellungen die Eltern über Kinder haben. Es gibt ja auch Möglichkeiten, mit Schuldgedanken umzugehen.

Nach dem Motto: Bis zu einem gewissen Alter ist das nicht so schlimm. Oder: Ich bin da in etwas hineingeraten, aber ein anderer ist schuld.“

Kann Geld wirklich die Motivation sein, um das eigene Kind auf so grausame Art und Weise zu misshandeln?

Adolf Gallwitz: „Geld spielt gerade beim Missbrauch von Kindern sicher eine große Rolle, weil da gewaltige Summen angeboten werden. Natürlich hängt es auch mit der eigenen Sexualität zusammen. Man kann eigene Erfahrungen wettmachen, indem man die eigenen Kinder dem zugänglich macht, was einem selbst widerfahren ist.“

Mein erstes Fazit

Berrin T. als eine Art Bonnie-Figur? Eine Frau, die ihre Beziehung über alles stellt, gegen alle Widrigkeiten? Die Theorie scheint als Möglichkeit plausibel. Christian L. als Clyde, ihren kongenialen Partner? Auch das klingt einleuchtend.

Auch, dass er Berrin T. zu ihren Taten motiviert hat – aber begangen hat sie sie schlussendlich selbst. Das geht aus der Anklage eindeutig hervor.

Vielleicht, weil sie neugierig darauf war, “wie Kindersex ist”, wie eine der ermittelnden Kripo-Beamtinnen vermutete. Auch das halte ich für plausibel. Dennoch bleibt das Verhalten der Frau für mich ein Mysterium. Und ich bin mir bewusst: Auf alle meine Fragen, werde ich nur Möglichkeiten einer Antwort erhalten.

War ihr Kontakt mit der Dunkelheit vielleicht schon vorher da? Da sich Berrin T. vor Gericht nicht äußert, ist es äußerst schwierig, Details über ihre Biographie zu erfahren. Erst das forensische Gutachten ermöglicht es mir, in ihrer Vergangenheit zu recherchieren:

Wer ist eigentlich Berrin T.?

Berrin T.’s Eltern sind früh verstorben, sie war drei Jahre alt, als sie in die Obhut ihrer Großmutter kam. Als sie elf Jahre ist, verliert sie auch diese Bezugsperson. Ihr zehn Jahre älterer Bruder nimmt sie auf. Berrin T. hat Probleme in der Schule, schlägt sich aber bis zum Hauptschulabschluss durch, beginnt nach einem freiwilligen sozialen Jahr im ambulanten Pflege- und Hauswirtschaftsdienst zu arbeiten.

Diese Frau hat ein freiwilliges soziales Jahr gemacht? Das überrascht mich. Denn die Angeklagte, die ich im Gerichtssaal erlebe, hat jegliche Empathie verloren.

Berrin T. heiratet, lebt in Berlin. Vermutlich aus der ersten Ehe entsteht eine Tochter, sie ist heute erwachsen, sagte ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Prozess aus.

Der Vater des missbrauchten Jungen ist tot

Die zweite Ehe hält ebenfalls nicht, Berrin T. verlässt den Mann und Berlin, lernt den Vater von dem heute zehnjährigen Jungen kennen, der nun in einer Pflegefamilie lebt. Der Mann ist drogenabhängig und stirbt kurz nach der Geburt des Kindes.

Schon seit dem ersten Kind arbeitet Berrin T. nicht mehr regelmäßig, lebt von Sozialleistungen. Der Gutachter attestiert eine Lernbehinderung, die Frau besitzt einen IQ von 67.

Dennoch sei sie in ihrer Persönlichkeit “nicht beeinträchtigt”, betont er. Und sehr wohl in der Lage, ihren Willen zu äußern. Eine Frau, die sich “durchaus zu behaupten weiß”.

Die Theorie der Hörigkeit könnte damit ausgeschaltet sein – ohnehin eine, die für mich persönlich nie schlüssig war. Denn ich gehe immer noch davon aus, dass der Mutterinstinkt stärker ist als alles andere. Wie konnte dieser aber ausgelöscht werden? 

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Berrin T.'s Biographie verrät, dass sie schon vor ihrer Beziehung zu Christian L. auf Probleme im Leben gestoßen ist. Der Verlust der Eltern und der Großmutter im Kindesalter, unstete Beziehungen, Haltlosigkeit. 

Sind es also diese Brüche in der Biografie, die mich einer Antwort näher bringen? Ich suche mir noch einen anderen Experten.

Diesmal aus einem anderen Bereich. Ich spreche mit Helmut Kury (76), Professor für forensische Psychologie.

Helmut Kury lebt in Freiburg und gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der forensischen Psychologie. | Bild: dpa

Wie kann eine Mutter diese Hemmschwelle überhaupt überwinden?

Helmut Kury: „Ich habe noch keinen Straftäter getroffen, der eine perfekte Vergangenheit beziehungsweise Erziehung hatte. Bei solchen Gewalttätern trifft man eigentlich immer auf soziale Probleme.

Ich habe noch keinen Straftäter beobachtet, der in einer wirklich guten Familie aufgewachsen ist. Da stoßen Sie immer auf schlimme entsozialisierende Bedingungen. Das kann dazu führen, dass diese Menschen dann selbst solche Taten begehen.“

Vermuten Sie so etwas auch bei Berrin T.?

Helmut Kury: „Ja. Vielleicht hat sie von ihrer Mutter selbst nie einen Mutterinstinkt erfahren, vielleicht hat sie nie erlebt, wie es ist, Mutterliebe zu empfangen, in dem Sinne nie wirklich eine Mutter gehabt.

Wenn man mit dieser Frau sprechen könnte, würden Sie sicher auf Brüche stoßen.“ 

Hat sie sich vielleicht deshalb nicht um ihn gekümmert, ihn regelrecht von sich weggeschoben als eine Art Mechanismus, damit sie ihn missbrauchen kann?

Helmut Kury: „Das kann gut sein. Es muss jedenfalls ein unterkühltes Verhältnis gewesen sein, sonst hätte sie das ihrem Sohn nicht antun können. Sie machte im Prinzip das, was sie wahrscheinlich selbst in vergleichbarer Form erfahren hat. Dann kam vielleicht der Druck des Mannes dazu.“

Ich habe das Gefühl, sie ist innerlich tot…

Helmut Kury: „Das finde ich überzeugend. Sie ist innerlich tot, weil sie als Kind nie lebendig gemacht wurde. Sie hat in ihrer eigenen Kindheit und Entwicklung vermutlich nie das erfahren, was sie benötigt hätte, um Emotionalität und Nähe zu ihrem Kind zu entwickeln.“

Mein zweites Fazit

Endlich komme ich einer Antwort näher. Das Gespräch mit Professor Kury deckt sich mit der Biografie, die das Gutachten ans Licht brachte – eine Frau, die wohl ohne Halt groß geworden ist, die wahrscheinlich die Liebe ihrer leiblichen Mutter nie bewusst erfahren konnte und daher selbst nicht wusste, wie es ist, seinem eigenen Kind Liebe zu vermitteln.

Diese Frau scheint ohne moralischen Kompass durchs Leben zu gehen. Sie hat gelernt, dass sie sich irgendwie durchboxen muss, aber gleichzeitig akzeptiert, dass sie am Rande der Gesellschaft lebt, wenn sie sich nicht ins Zeug legt.

Der Antrieb dazu hat ihr wohl immer gefehlt. Das ist zumindest mein Eindruck aus den vielen Tagen im Gerichtssaal, in denen ich Berrin T. beobachtet habe.

Eine klare Antwort, warum sie zu dem fähig war, was sie getan hat, werde ich aber wohl nie finden. Weil sie nie genügen kann. Weil sie meine Vorstellungen einer von Moral und Regeln geprägten Gesellschaft auf den Kopf stellen würde.

Christian L. und Berrin T. vermarkten den Jungen im Darknet. Sie lassen den Jungen mit Schildern posieren. Auf den Schildern steht der Name des jeweiligen Mannes, der den Jungen in naher Zukunft missbrauchen wird.
Christian L. und Berrin T. vermarkten den Jungen im Darknet. Sie lassen den Jungen mit Schildern posieren. Auf den Schildern steht der Name des jeweiligen Mannes, der den Jungen in naher Zukunft missbrauchen wird. | Bild: Louis Kellner

VIII
Der mitteilsame Christian L.

Simon Diefenbach

Viel ist über Christian L. geschrieben und gesagt worden. Und es wirkt fast so, als habe er das so gewollt. L. hat sich selbst zum Gesicht des Falls gemacht.

Er steht stellvertretend für alle Beteiligten, die den Jungen missbraucht haben oder die Missbräuche möglich gemacht haben. Und ich denke, er fühlt sich in der Rolle des Bösen wohl.

Obwohl mindestens acht Männer sowie die Mutter Berrin T. involviert waren und selbst ein Familiengericht den Jungen nicht schützte, ist es Christian L., der alle Verantwortung an sich reißt und nicht müde wird, das zu betonen.

Er ist es, der nicht nur vor Gericht vorgibt, umfassend auszusagen. Er ist es, der sogar darauf besteht, jede einzelne Tat der Anklageschrift detailliert zu besprechen.

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Und er ist es, der für sich selbst um Sicherungsverwahrung bittet. Eine interessante Einsicht. Aber warum?

Im Licht der Scheinwerfer

Für L. ist der Gerichtsprozess eine Showbühne. Mit Geschick spielt er sich in den Vordergrund, lenkt die Scheinwerfer auf sich. Nicht etwa, weil er seine Reue groß inszenieren will. Das ist nicht sein Thema. Vielmehr weil er seine Taten minutiös besprochen wissen will. Von Reue ist da keine Spur.

Er redet und redet als habe er Jahre lang nicht mehr gesprochen. Er erzählt von seinen Taten als seien es vernachlässigbare Nichtigkeiten. Vielleicht auch, weil diese für ihn genau das sind.

Je erschütterter das Publikum, desto mehr gibt er Preis, desto detaillierter werden seine Ausführungen. Er lässt sein Publikum nicht atmen. Und das hat seine Gründe:

Christian L. hat sein ganzes Leben weggeschmissen, dessen ist er sich bewusst. Er spricht das aus. Und deshalb ist dieser Prozess seiner. Einmal im Leben steht er im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Er hält die Fäden in der Hand. Alle hören ihm zu.

Simon Diefenbach bei der Recherche zu den Hintergründen des Prozesses gegen Christian L. und Berrin T..
Simon Diefenbach bei der Recherche zu den Hintergründen des Prozesses gegen Christian L. und Berrin T.. | Bild: Louis Kellner

Der Schauspieler Christian L.

Was mich gleich überrascht, ist seine Wortwahl. Mich macht stutzig, dass sich L. die Sprache der Justiz aneignet, Vokabular aus Polizei und Gerichtssprech in seine Aussagen einstreut. Das steht im krassen Wiederspruch zu den verlesenen Chats zwischen ihm und Berrin T..

Deren Chat-Sprache ist trivial, grammatikalisch inkorrekt und sexuell aufgeladen. Ich frage mich, ob Christian L. sich und seine Sprache maskiert und damit eine Strategie verfolgt?

Was kann man Christian L. glauben?

L. versteht es offensichtlich, Rollen zu spielen. Er erkennt die Situation, in der er sich befindet, und passt seine Identität dieser Situation an. Ein Kinderschänder, der zu manipulieren weiß? Immerhin narrte er Psychiater, die Kriminalpolizei, Frauen und gar seine Familie.

Sein ehemaliger Psychotherapeut sagt aus, er sei noch niemals so belogen worden, wie von Christian L. Nicht nur, dass diese Aussage kein gutes Licht auf den Psychotherapeuten wirft, es zeigt auch: Christian L. weiß, wie er sich verkaufen muss.

Denn obwohl Christian L. vorbestraft war, kam niemand, auch wohl nicht der damalige Psychotherapeut, auf die Idee, er könne Kindern wieder etwas zu Leide tun. Seine Maskierungen hatten bisher – aus seiner Sicht – Erfolg.

Der Stadtsee von Staufen: Hier versenkte Christian L. eine Festplatte mit Filmmaterial. Polizeitaucher suchten zweimal erfolglos nach dem Datenträger, dann wurde das Wasser abgelassen und die Platte wurde gefunden.
Der Stadtsee von Staufen: Hier versenkte Christian L. eine Festplatte mit Filmmaterial. Polizeitaucher suchten zweimal erfolglos nach dem Datenträger, dann wurde das Wasser abgelassen und die Platte wurde gefunden. | Bild: Louis Kellner

Auch wenn Christian L. beteuert, er wolle reinen Tisch machen, frage ich mich,  ob man einem Kinderschänder denn glauben kann? Zumal er also weiß, Menschen zu seinen Gunsten zu manipulieren.

Ich entscheide mich dazu, Christian L. und seine verschiedenen Rollen vor Gericht genauer anzusehen:

Der Richter Christian L.

Zunächst wirkt L. wie ein normaler Mann. Einer, der sich eloquent und durchaus einnehmend präsentiert – wäre da nicht der Fakt, dass jeder im Verhandlungsraum weiß, weshalb er in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird.

Aber sobald es ans Eingemacht geht, zeigt er seine unterschiedlichen Gesichter: Wenn er beispielsweise über Berrin T. spricht, nimmt er die Rolle eines Richters ein.

Er nennt sie grundsätzlich beim Nachnamen, was Distanz erzeugt. Eine Distanz, die sie beim gemeinsamen Vergewaltigen nicht teilten. Vor Gericht plötzlich schon.

Obwohl er sich selbst als die treibende Kraft bei den Missbräuchen bezeichnet, wirft er ihr vor, das Kind nicht geliebt zu haben, keine gute Mutter gewesen zu sein. Ihm selbst wiederum habe der Junge schon am Herz gelegen.

Während L. solche Dinge formuliert, sucht er ihren Blick. Fast so als wolle er hier einen großväterlichen Rat erteilen: Hättest du deinen Sohn geliebt, hättest du ihn besser vor dem Bösen, vor mir, beschützt.

Christian L. sagt es nicht explizit, aber ich habe den Eindruck, er beschuldigt insgeheim Berrin T., ihn nicht aufgehalten zu haben.

Der Kriminalist Christian L.

L. bezeichnet T. als faule, überforderte Frau und wechselt in diesem Moment seine bisherige Rolle: Jetzt mimt er den Kriminal-Analysten. Er ist jetzt der, der Berrin T. auf die Spur kommen will.

Als sei auch er ratlos, wie bereitwillig sie ihm das Kind zur Verfügung stellte und nun kläre er diesen mysteriösen Fall endlich auf. Aber das ist nicht seine Aufgabe:

Denn obwohl L. immer wieder auf Augenhöhe mit Richter und Staatsanwalt sein will, deren Sprache und Funktion wie ein Kind nachahmt, bleibt er nunmal der Angeklagte.

Aber es ist sicher nicht abwegig zu glauben, dass L. selbst sehr überrascht gewesen sein muss, so einfach an ein Kind zu kommen, das er nach Belieben missbrauchen konnte.

Bild: Quelle: Mikado-Studie

Vom Talent, strategisch zu denken und zu handeln

Die verschiedenen Rollen und die damit einhergehende Schauspielerei von Christian L., erschweren es mir, seiner Ankündigung, alles auf den Tisch zu legen, zu glauben. 

Für mich ist die folgende Aussage Christian L.'s ein Beispiel dafür, wie widersprüchlich er sich präsentiert:

Der Richter möchte wissen, wie sich T. und L. kennenlernten. L. bestreitet T. angesprochen zu haben, weil sie einen Sohn hat. Sie habe ihm imponiert, da sie eine sei, die sich nichts sagen lasse, die stark sei. Das sei der Grund gewesen.

Das entscheidende Detail, dass Berrin T. einen siebenjährigen Sohn hat, will ihm einfach nicht aufgefallen sein. Interessant, da er sich doch vor Gericht als ausgezeichneter Beobachter zeigt.

Beispielsweise kann er Uhrzeiten und kleinste Details der Missbräuche angeben. Macht sogar nahezu pedantisch auf Fehler in der Anklageschrift aufmerksam.

Er kann Tageszeiten wiedergeben, Dialoge nacherzählen, Dildos nach Farben bestimmen. Für mich passen die vermeintlich zufällige Wahl seiner Partnerin und seine Beobachtungs- sowie Erinnerungsgabe nicht zusammen. 

Zumal ich diese Partnerschaft ohnehin nicht als Beziehung zweier sich Liebender wahrgenommen habe - der Begriff der Zweckgemeinschaft passt wohl eher auf das, was L. und T. verband.

Zu einem körperlichen Kontakt zwischen den beiden kam es beispielsweise nur ein einziges Mal. Und dass ausgerechnet zu dem Zeitpunkt als der Junge auf Anweisung des Jugendamts aus der Familie genommen wurde. Das ist mehr Zweck statt Liebe.

Für mich bleibt außerdem die Frage: Wie konnte er die starke Frau aus seinen Schilderungen zu seinen Zwecken manipulieren?

Also alles Strategie des Christian L.? Alles nur, um Zugang zu einem Kind zu bekommen?

Immerhin offenbart er während des Prozesses immer wieder ein strategisches Talent, das ihn beispielsweise bis in die abgelegensten Winkel des Darknets führten.

Von der Sorglosigkeit ein Leben zu zerstören

Zur Erinnerung: L. war nicht mal eben im Netz und hat Gleichgesinnte getroffen. L. ist in Abgründe vorgestoßen, die sich nicht im Vorbeigehen auftun. Er hatte Kontakt zu Menschen, die Kinder nach einer Vergewaltigung töten wollen. Solche Menschen offenbaren ihre Welt nicht zwischen Tür und Angel.

Sich derart erfolgreich durch Darknet-Seiten zu manövrieren, ist genauso wenig eine Trivialität, wie der Verkauf eines Menschen zum Zweck der Vergewaltigung. Zu beidem gehört technisches wie strategisches Geschick, was L. unbestritten aufweist.

Es ist exakt das, was so fassungslos macht, wenn man versucht, Christian L. gedanklich zu folgen:

Die Unbekümmertheit, ein Kind über zwei Jahre zu missbrauchen, als sei das ein wesentlicher Bestandteil familiären Zusammenlebens. Und wenn sich schon die Gelegenheit bietet, den Jungen zu verkaufen – warum nicht?

Die entscheidende Frage

Es gibt wenige Momente, in denen Christian L. innehält. Selten fehlen ihm die Worte. Ich habe das Gefühl, niemals den Christian L. kennenzulernen, der er ist. Wahrscheinlich weil ich trotz des Versuchs, seine Welt besser zu verstehen, Gast bleibe. Doch eine Szene ist mir in Erinnerung geblieben:

Als der Richter darum bittet, L. möge aus seiner Kindheit erzählen, nutzt L. einen gedämpften Tonfall. Er beginnt davon zu sprechen, dass er aus einer Vergewaltigung stamme und selbst als Kind missbraucht worden sei.

Und genau in diesem Moment weiß ich, was ich wissen will: Warum gab Christian L. das eigene Leid an unschuldige Kinder weiter?

Es will mir nicht in den Kopf, dass jemand, der selbst solch einer Höllenqual ausgesetzt war, diese Pein anderen zufügen konnte. Und weil ich es mir nicht erklären kann, spreche ich mit Jan Kizilhan, der sich mit Opfer-Täter-Verhältnissen auskennt.

Wie das Böse immer weiter seine Kreise ziehen kann

Expertengespräch mit Prof. Dr. Dr. Jan Kizilhan, Psychologe und Traumatologe. Duale Hochschule Baden-Württemberg.

Jan Kizilhan ist Spezialist für traumatisierte Opfer. | Bild: dpa

Christian L. sagt, er sei aus einer Vergewaltigung entstanden und wurde selbst sexuell missbraucht. Wie ist es einem Menschen möglich, selbst erfahrenes Leid anderen anzutun?

Jan Kizilhan: „Wenn ein Kind in frühen Jahren missbraucht wird, dann ändern sich in der Entwicklung dieses Kindes viele Dinge. Wir wissen, dass die Entwicklung eines Menschen in der Kindheit darüber Auskunft gibt, was aus uns als Erwachsener wird.

Wenn wir bei diesem speziellen Fall sagen, der Pädophilie liegt kein genetischer Deffekt zugrunde, sondern er hat es durch die schwere Traumatisierung, wie der sexuelle Missbrauch einer ist, entwickelt, findet irgendwann eine Identifizierung mit den Tätern und der Tat statt.“

Was heißt das genau?

Jan Kizilhan: „Wir kennen das von Folteropfern: Wenn Menschen in hilflose Situationen gebracht werden, sich nicht wehren können und überhaupt keine Kontrolle über ihren Körper haben, entsteht irgendwann psychologisch der dringende Wunsch, wieder Kontrolle über den Körper zu erlangen. Und die Frage, die sich dann stellt ist, wer hat diese Kontrolle?

Das ist in der Regel der Folterer selbst. Also wird der Täter plötzlich idealisiert und die Opfer möchten so wie der Täter sein, weil der Täter nunmal die Macht hat, die das Opfer zurückhaben möchte. Also findet eine Identifizierung mit dem Täter sowie der Tat statt.

Kinder, die missbraucht wurden, können durchaus auch zu Tätern werden. Weil sie das so gelernt haben und ihre Werte massiv infrage gestellt wurden. Sie erleben durch Gewaltanwendung Zuwendung (wenn auch negative) und glauben wieder an die Macht, die sie als Kinder verloren geglaubt haben.“

Bild: Quelle: Mikado Studie

Welche Probleme haben solche Kinder?

Jan Kizilhan: „Diese Kinder verlieren den Glauben an die Menschen. Weil der Mensch sie nicht schützen konnte. Dieser Vertrauensverlust bezieht sich meist auf die Eltern oder Bezugspersonen, die nicht schützend eingetreten sind. Denn Kinder überleben ja nunmal die ersten Lebensjahre nicht alleine. Deshalb ist es uns biologisch angeboren, dass wir die Hilfe von Anderen benötigen, um zu überleben.

Wenn jetzt aber ein Kind das Vertrauen in die Bezugsperson verliert, weil ein anderer Mensch ihm weh getan, es beispielsweise missbraucht hat, dann verlieren sie später oft das Vertrauen in die gesamte Menschheit, weil der Mensch ausschließlich in einem bösen Licht dasteht.

Wenn die Kinder nicht unterstützt werden und die Möglichkeit bekommen sich wieder in die Gemeinschaft zu integrieren, das gilt auch für Erwachsene, werden Aggression und Gewalt bei diesen Personen stärker auftreten, als bei Personen, die in der Gemeinschaft leben, zur Schule, Arbeiten gehen und Freunde haben.

Und dann kann irgendwann eine Veränderung im Gedächtnis stattfinden, dass die Vorlieben von Tätern übernommen werden. Denn die Übernahme der Tat bringt dem einstigen Opfer Kontrolle über sich selbst, deshalb ist es dann auch möglich diese selbst erlebten Taten jemand anderem anzutun.“

Was ist mit der Empathie gegenüber den Kindern oder in unserem Fall dem Jungen?

Jan Kizilhan: „Sie verlieren zunehmend die Empathie anderen gegenüber. Sie verlieren das Verständnis, dass andere Schmerzen empfinden können. Die Gefühle werden unterdrückt, das Nachempfinden ist ausgeschaltet. Es geht also bei Pädophilen, bei denen diese nicht durch einen Defekt angeboren ist, weniger um Sexualität als um Macht und Kontrolle.

Es kann beim ersten Mal so sein, dass sie eine Art Befriedigung empfinden, weil sie überrascht von der Situation sind. Manche Täter haben auch Disfunktionalitäten beim Sexualverkehr mit Erwachsenen und suchen sich deshalb Kinder, da diese sich eben nicht wehren können.“

Wie ist es möglich, einem Kind das anzutun, was in Staufen geschehen ist? Was sind die Voraussetzungen bei Erwachsenen?

Jan Kizilhan: „Uns ist es biologisch angeboren, ein Kind zu schützen. Im Fall der Mutter muss es einen Wendepunkt gegeben haben, der es ihr erlaubt, die Mutterinstinkte gegenüber ihrem Kind aufzugeben. Sie erlebt dieses Kind nicht mehr als ihr Kind.

Das Kind ist zu einem Objekt geworden. Sie hat dieses Kind als Mutter abgelehnt und dann gemeinsam mit dem Partner, hier ein pädophiler Mann, entmenschlicht.

Und dann ist dieses Objekt für beide zur Handelsware geworden. Sie sorgen ritualmäßig für dieses Kind, ernähren es, aber nicht etwa weil so etwas wie Empathie vorhanden ist.“

Christian L. hat mit seinen Monologen vor Gericht viele überrascht. Was ist der Hintergrund seines Handelns vor Gericht?

Jan Kizilhan: „Er nutzt diese Bühne um sich darzustellen. Er wird womöglich das erste Mal im Leben seit seiner Vergewaltigung wirklich gesehen. Und da ist es egal, ob es positiv oder negativ ist. Da ist ein Gericht, das ihn würdigt, da sind Rechtsanwälte, die sprechen mit ihm.

Da ist ein Staatsanwalt, der stellt Fragen, da sind Journalisten, die über ihn berichten. Was kann man noch mehr bekommen, um seinen unterdrückten Narzissmus, seine Anerkennung, nach der er seit Jahrzehnten sucht, gewahr zu werden?“

Mitten im Wald, mitten am Tag: Selbst in aller Öffentlichkeit wurde der Junge missbraucht. Eine Bank im Wald rund um Staufen war der Treffpunkt für einen Missbrauch, der im Vorhinein durch ein Drehbuch geplant wurde.
Mitten im Wald, mitten am Tag: Selbst in aller Öffentlichkeit wurde der Junge missbraucht. Eine Bank im Wald rund um Staufen war der Treffpunkt für einen Missbrauch, der im Vorhinein durch ein Drehbuch geplant wurde. | Bild: Louis Kellner

Mein Fazit

Ich habe nach der Antwort gesucht, warum Christian L. seine Traumata weitergegeben hat. Es ist möglich, dass die Gründe in der psychologischen Entwicklung L.'s zu finden sind.

Aber wieviel Empathie darf man mit Christian L. haben? Rechtfertigen sich seine Taten, weil sie möglicherweise einen psychologischen Ursprung haben, für den er vielleicht nichts kann? Ich sage, auf keinen Fall.

Für mich steht der Opferschutz im Vordergrund. Auch wenn Christian L. diesen Schutz selbst als Opfer auch nicht bekam.

Wenn stimmt, was Christian L. behauptet, nämlich dass er im Kindesalter missbraucht wurde, dann lässt sich aus psychologischer Sicht mutmaßen, dass dies einen entscheidenden Einfluss auf seine Taten als Erwachsener hatte. Aber das macht die Taten nicht ungeschehen und es hat ihn nicht davon befreit, verurteilt zu werden. Das finde ich richtig.

Auch wenn das Böse in Christian L. durch Gewalt in ihm erwachte, blieb es ihm dann nicht vorbehalten, eine eigene Entscheidung für sich zu treffen? Immerhin bekam L. immer wieder die Möglichkeit, sich psychologisch helfen zu lassen.

Er besuchte sogar die Therapien. Über Jahre. Aber diese Frage ist schwer zu beantworten. Es ist nicht eindeutig zu klären, ob L. durch seine psychologische Störung überhaupt eine realistische Wahl hatte.

Sollte er aber vor einer Wahl gestanden haben: Folge ich dem Bösen oder lasse ich mir helfen? Dann hat er sich für den falschen Weg entschieden.

Und ist das nicht ein unlösbarer Konflikt? Wenn davon auszugehen ist, dass Menschen mit Gewalterfahrungen in der Kindheit dazu prädestiniert sind, im Erwachsenenalter ebenfalls Täter zu werden, wie beugt man dem vor? Reichen Präventionstage aus? Bringen Reden und Vorträge den gewünschten Erfolg?

Oder muss nicht der Wert der Familie, als Fundament einer funktionierenden Gesellschaft in den Fokus von Gesellschaft und Politik rücken? Muss nicht dafür gesorgt werden, dass Kinder in gewaltfreien Bindungen aufwachsen dürfen? Und muss das nicht damit anfangen, dass vorbestrafte Sexualstraftäter sich nicht unbeaufsichtigt neuen Partnerschaften mit Kindern anschließen dürfen?

IX

Was wir sagen müssen

Wir haben nach Antworten auf die Frage gesucht, wie Menschen zu bösen Menschen werden. Wir haben uns Antworten genähert und wissen nun, dass es keine einfachen Erklärungen in einem Fall wie diesen geben kann.

Aber vor allem haben wir viele Abgründe gesehen, die wir nicht so schnell wieder vergessen werden.

Ein Pädophiler, der erfolgreich lügt, eine Mutter, die plötzlich ihr Kind aufgibt, eine Gesellschaft, die ihr Bauchgefühl ausschaltet und nicht einschreitet, obwohl es Hinweise darauf gibt, dass ein Kind missbraucht wird. Und zusätzlich haben wir vor Gericht etwas erlebt, das uns fassungslos zurücklässt:

Im März 2017 wurde der Sohn von Berrin T. vom Jugendamt aus der Familie geholt. Das Jugendamt nennt diesen Vorgang Inobhutnahme. An dieser Stelle hätte das Martyrium des Jungen enden können.

Aber nach  Befragung von Berrin T. durch eine Amtsrichterin wird entschieden: Der Junge darf zurück zu seiner Mutter. Berrin T. habe um ihn gekämpft wie eine Löwin, lässt die Richterin wissen. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Junge bereits von fremden Männern, von Christian L. und Berrin T. vergewaltigt.

Was die Richterin versäumt hat: Den Jungen persönlich zu befragen. 

Die Rechtsaufsicht sagt also: Es ist alles korrekt gelaufen. Sind wir also dem Bösen gegenüber immer wieder machtlos? Oder kommt es einfach durch. Immerhin begleitet es uns Menschen, seit wir existieren.

X
Das Ende einer Reise

Nach unseren Recherchen können und wollen wir eine gewisse Ernüchterung nicht bestreiten. Wir haben uns dem Bösen genähert und sind ihm während des Prozesses viel zu nah gekommen.

Wir haben Erklärungsansätze für das bekommen, was eigentlich nicht zu begreifen ist und müssen uns damit begnügen, dass Vieles im Verborgenen bleibt. 

Das Böse zu stoppen liegt in den Händen des Jungen und auch in den Händen derer, die ihm ein Zuhause bieten und Schutzpersonen sein wollen.

Es ist ihm zu wünschen, dass er Liebe und Geborgenheit erfährt. Dass ihm Gutes widerfährt. Mit aller Hilfe, die ihm die Menschen um ihn herum anbieten können.

Denn eines lässt sich nicht abstreiten: Wir können nach unserer Recherche zurück in unsere Welt. Können zurück in die Geborgenheit, unser Zuhause. Die Öffentlichkeit wird nach und nach vergessen. Neue Ereignisse werden in den Vordergrund rücken.

Aber der Junge geht den Weg in eine für ihn neue Welt, die mit Sicherheit eine bessere für ihn sein wird. Wir wünschen ihm, dass er sie nie wieder verlässt und es ihm gelingt, das Muster des Bösen zu durchbrechen.