Martin Horn schwingt sich auf sein Rad und fährt los. Die Termine heute sind eng getaktet. Seit 1. Juli ist der 33-Jährige, der im Frühjahr nach zwei Wahlgängen den etablierten Grünen-Politiker Dieter Salomon sensationell aus dem Amt verdrängte, Rathauschef in Freiburg. Jetzt muss Horn erst einmal seine neue Wirkungsstätte kennenlernen – Verwaltung, Unternehmen, Bürger.

Industriegebiet im Norden der 225 000-Einwohner-Stadt, das Thermometer liegt schon am Vormittag bei über 25 Grad. Horn kommt mit dem E-Bike angefahren, einige Rathausmitarbeiter hecheln hinterher. Es ist ein weiterer Tag der Erkundungsreise durch seine neue Heimat. Heute steht die Green-City-Tour auf dem Programm. Unternehmen, die mit energiesparenden Produkten und Dienstleistungen ihr Geld verdienen. So, wie man es sich in Freiburg, der Öko- und Studentenmetropole, vorstellt.

Drei Firmen in zwei Stunden

Horn besucht in zwei Stunden drei Firmen. Begrüßung, Smalltalk, die Geschäftsführer stellen ihr Konzept vor, der Rathauschef fragt sie nach Problemen – und verspricht, beim nächsten Mal länger zu bleiben. „Auch, wenn ich kein grünes Parteibuch habe, ist mir Nachhaltigkeit wichtig“, sagt der parteilose Rathauschef. Danach geht’s weiter zur Freiburg Wirtschaft und Touristik Messe, wo er selbst Aufsichtsratsvorsitzender ist. Draußen wird gerade die Bühne für ein Open-Air-Konzert am nächsten Tag aufgebaut. Nur wenige Meter entfernt befindet sich der Flugplatz, neben dem das neue Stadion des SC Freiburg gebaut werden soll.

Wieder aufs E-Bike. 15 Minuten Fahrt. Bei der Firma Reterra wird der ganze Bio-Müll aus Freiburg aufbereitet – quasi eine riesige Biogasanlage. Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik und der Leiter des Umweltamts, Klaus von Zahn, müssen vor der Videokamera Rede und Antwort stehen. Warum ist Freiburg im Umweltbereich so besonders stark? An wen können sich Bürger bei Fragen wenden?

"Stehe für einen andern Kommunikationsstil"

Kurze Statements für Facebook – für die Mitarbeiter im Rathaus der nächste Epochenwandel. Damit alles glatt läuft, hat Horn als eine seiner ersten Personalentscheidungen extra eine Social-Media-Beauftragte eingestellt. Auch heute begleitet ihn den ganzen Tag ein Videoreporter. „Ich stehe für einen andern Kommunikationsstil. Wir beantworten so in kurzer Zeit hunderte Fragen von Bürgern“, sagt er. Posts, Videos, Bilder – das gibt es bei Horn rund um die Uhr, auf Facebeook und auf Instagram. Horn ist ein multimedialer Wirbelwind, immer gut gelaunt. Da droht seinem Umfeld schon mal die Puste auszugehen. Seine Kritiker nennen es eine inhaltsleere Selbstinszenierung. Für ihn als neuen Amtsträger mit Anfang 30 ist es das Natürlichste der Welt.

Trotzdem ist Horn darum bemüht, seine Internetaktivitäten einzuordnen. „Um es klar zu sagen: Social Media darf man nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Ich habe diese Wahl überhaupt nicht wegen Social Media gewonnen, sondern, weil meine Antworten positiv ankamen.“ So habe er sich in allen Stadtteilen Freiburgs im Wahlkampf einer Vielzahl von Fragen der Bürger gestellt. „Wenn ich nicht überzeugt hätte, hätte ich nicht gewonnen.“

Trotzdem: Was unterscheidet ihn von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der ebenfalls permanent auf der Klaviatur der sozialen Medien spielt? „Die Schärfe, mit der Herr Palmer zum Teil formuliert, möchte ich mir nicht zueigen machen“, so Horn. Aber was man Palmer zugute halten müsse, sei, „dass er auf auf seine Art und Weise trotzdem authentisch ist“.

In der Social-Media-Falle

Dass die Social-Media-Aktivitäten ihre Schattenseiten haben, weiß Horn. Trotzdem tappte er kürzlich in eine Falle. Nachdem die Städte Bonn, Düsseldorf und Köln der Bundesregierung angeboten hatten, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, sicherte Horn den drei OBs seine Solidarität zu. „Ich wollte nur für Menschlichkeit in der Diskussion werben. Und leider ist es ziemlich schnell wieder um Hetze und um Ausgrenzung gegangen.“ Als Folge prasselte ein Shitstorm derjenigen auf ihn hinein, die in Freiburg auf keinen Fall weitere Asylsuchende aufnehmen wollen. Als er danach erklärte, dies sei nur ein Zeichen der Solidarität mit seinen Amtskollegen der betreffenden Städte gewesen und Freiburg könne keine Flüchtlinge zusätzlich aufnehmen, wurde ihm in den sozialen Medien von vielen Kaltherzigkeit attestiert. Der „Mann für alle Kanäle“, wie er kürzlich genannt wurde, drohte zerrieben zu werden. Würde er im Nachhinein etwas anders machen? „Ich würde die erste Erklärung vielleicht sensibler formulieren“, so Horn.

Ein politisches Erdbeben

Es war ein politisches Erdbeben, als Horn mit seiner unbekümmerten Art im Mai den zweiten Wahlgang mit 44,2 Prozent für sich entschied. Bei den Grünen in Baden-Württemberg war die Aufregung groß – und auch viele bundesweiten Medien berichteten ausführlich aus Freiburg. Der Grundtenor war immer der Gleiche: Ein 33-jähriges Greenhorn, bislang Europakoordinator im Rathaus in Sindelfingen nahe Stuttgart, schlägt Dieter Salomon, der 2002 deutschlandweit zum ersten grünen Oberbürgermeister einer Großstadt gewählt wurde – und seitdem die Geschicke der Vorzeige-Öko-Stadt lenkte. Im Land galt Salomon als möglicher Nachfolger Winfried Kretschmanns im Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Doch die Niederlage hat den Grünen diese Option genommen.

Doch was will Horn in Freiburg? Bezahlbares Wohnen, eine Auflistung aller leerstehenden Wohnräume, Kita-Gebühren reduzieren, Einführung eines Digitalisierungsbeauftragten in der Stadt, Erhalt von Grünflächen und Kleingartenanlagen. Schon in den ersten 100 Tagen hat er einiges vor. Seine ersten beiden Gemeinderatssitzungen liegen bereits hinter ihm.

Heute ist Horn aber schon wieder auf dem Sprung. Rauf aufs E-Bike, als Nächstes begleitet er den Gemeindevollzugsdienst, der Knöllchen in der Stadt verteilt. „Sie leisten eine wichtige Arbeit, müssen aber viel Kritik einstecken.“ Die Beschreibung passt auch gut auf den Posten, den Horn übernommen hat.