Ralf Özkara strahlt mit der Sonne um die Wette. „AfD wirkt“, sagt er. Özkara, 47, sitzt in einem Café in der Innenstadt von Offenburg. Gerade hat er bei der Aktion „rotes Sofa“ unter einem bunten Zeltdach örtlichen Realschülern erzählt, wie er die Stadt sicherer machen und was er für die Jugend tun will.

Neben ihm waren noch drei andere der sechs OB-Kandidaten erschienen, aber Özkara hat als einziger zwei Begleiter von einschüchterndem Äußeren dabei. Er trägt als einziger eine Krawatte und kassiert auch als Einziger für eine Antwort Buhrufe – zur Bleibeperspektive von Migranten.

Videoüberwachung statt Fahrradstadt

Dass die anderen OB-Kandidaten, die lieber über Wohnungsbau, Bürgerpark und Fahrradstadt sprechen würden, sich jetzt zu Sicherheit und Videoüberwachung äußern müssen, schreibt Özkara sich und seiner Partei zu.

An diesem Sonntag will Özkara, einer der beiden Landessprecher der AfD in Baden-Württemberg, hier Oberbürgermeister werden, als erster Kandidat seiner Partei bei einer OB-Wahl in Baden-Württemberg.

AfD-Kandidat Ralf Özkara bei einer Diskussion mit Schülern: Er will den kommunalen Ordnungsdienst masiv ausbauen. <em>Foto: Bäuerlein</em>
AfD-Kandidat Ralf Özkara bei einer Diskussion mit Schülern: Er will den kommunalen Ordnungsdienst masiv ausbauen. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Kommunale Verwaltungserfahrung hat er nicht, „aber jahrzehntelange Führungserfahrung“, sagt Özkara. Mit seiner türkischstämmigen Ehefrau, deren Namen er trägt, führt er eine Zeitarbeitsfirma mit Sitz in Schorndorf bei Stuttgart und in Erfurt. „Bei jedem Ergebnis unter 20 Prozent wäre ich bitter enttäuscht“, sagt er.

Landesweit höchste Kriminalitätsrate

Offenburg, südbadisches Mittelzentrum, 60.000 Einwohner, gebettet in der Rheinebene mit Kehl und Straßburg im Westen und den Schwarzwaldhöhen im Osten, geht es gut.

Der Stadt Offenburg geht es finanziell gut – aber das Sicherheitsgefühl der Bürger ist beeinträchtigt. <em>Foto: Seeger/dpa</em>
Der Stadt Offenburg geht es finanziell gut – aber das Sicherheitsgefühl der Bürger ist beeinträchtigt. | Bild: Patrick Seeger

Der Stadtkasse sogar glänzend, ihr fließen 2018 allein 74 Millionen Euro an Gewerbesteuer zu. Die Arbeitslosenquote von 2,9 Prozent steht praktisch für Vollbeschäftigung, die Lebensqualität ist hoch. Aber auch die Kriminalität.

Seit 2017 ist Offenburg amtlich die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in Baden-Württemberg, gerechnet auf 100.000 Einwohner. Im Vorjahr teilte man sich den Spitzenplatz noch mit Freiburg. Im April wurde eine junge Frau in der Stadt mutmaßlich von einem Asylbewerber vergewaltigt.

Gambier beherrschen Drogenszene

Diebstähle, darunter viele Fahrraddiebstähle, machen über 40 Prozent der Straftaten aus, es gibt viel Drogen- und Drogenbeschaffungskriminalität. Die örtliche Polizei bekämpft massiv die offene und zunehmend gewaltbereite Drogenszene, direkt hinter den Bussteigen am Bahnhof.

Der gerade mal gut 150 Quadratmeter große Grasflecken mit ein paar Bänken und dem überkandidelten Namen "Pfählerpark" wird größtenteils von Gambiern beherrscht. Von Anfang Juli bis Anfang August kamen allein hier bei einer Sonderaktion 114 Strafverfahren heraus.

Polizeipräsident: Unsere Maßnahmen wirken

„Es trifft zu, dass wir in Offenburg eine im Vergleich sehr hohe Kriminalitätsbelastung hatten, speziell 2016. Die Zahlen sind aber bereits 2017 wieder gesunken, etwa die Wohnungseinbrüche gingen 2017 um 17 Prozent zurück", sagt Reinhard Renter, Offenburgs Polizeipräsident.

Kriminalität durch Asylbewerber, sagt Renter, sei in Offenburg "kein auffälligeres Thema als in jeder anderen Stadt dieser Größenordnung, die eine vergleichbar hohe Belastung mit der Unterbringung von Asylbewerbern hat.“

Messermord verändert das Sicherheitsgefühl

Aber dann wurde Offenburg am 16. August die Stadt, die mit einem Mord bundesweit Schlagzeilen machte: Ein Hausarzt wurde während seiner Sprechstunde erstochen, wegen dringenden Mordverdachts in Haft sitzt ein 26-jähriger Asylbewerber aus Somalia.

Es folgten Entsetzen, Hetze und Aufruhr in den sozialen Netzwerken – und eine Mahnwache der AfD. Rechte und Linke demonstrierten in Offenburg, der Innenminister ließ aus Mannheim täglich Pferde und berittene Polizisten nach Offenburg und abends wieder zurück kutschieren, Beamte mit Hunden gingen auf Streife.

„Natürlich war das Sicherheitsgefühl der Menschen beeinträchtigt. Aber wir erhalten die Rückmeldung, dass unsere erhöhte Präsenz wirkt. Außerdem haben wir festgestellt, dass sich das nicht auf den Besuch von öffentlichen Veranstaltungen ausgewirkt hat – das sehe ich positiv", sagt Polizeipräsident Renter.

AfD-Kandidat setzt auf Sicherheitkamapgne

Keine vier Wochen nach dem Mord, kurz vor Ende der Bewerbungsfrist, wirft Özkara seinen Hut um die Nachfolge der nach 16 Jahren aus dem Amt scheidenden Oberbürgermeisterin Edith Schreiner in den Ring – auf Bitten des einzigen örtlichen AfD-Gemeinderats, wie er sagt, und weil keiner der anderen fünf Kandidaten das Thema Sicherheit angesprochen habe.

"Er hat nur ein einziges Thema und keinen Plan für die Stadt", wirft ihm Mitbewerber Harald Rau vor, Sozialdezernent aus Köln. "Stimmt nicht,", sagt Özkara, und verweist auf seine Vorschläge zu Senioren und Wohnungsbau, und im Übrigen hätten die anderen Kandidaten auch nur einen oder zwei Schwerpunkte.

OB-Kandidat Marco Steffen, Bürgermeister aus dem benachbarten Willstätt, geht nur widerwillig auf die Sicherheitsdebatte ein: "Ich hatte nicht den Eindruck im Wahlkampf, dass das das beherrschende Thema für die Menschen ist", sagt er.

Spätaussiedler als wichtige Zielgruppe

Özkara setzt vor allem auf die Stimmen derer, "die sich sonst von keinem angesprochen fühlen" und auf den Erfolg, den die AfD derzeit überall bei Wahlen hat. Und auf die Mobilisierung der rund 10.000 russischen Spätaussiedler in Offenburg. "Ich rechne mit einer Wahlbeteiligung, wie wir sie noch nie hatten in Offenburg", sagt Özkara.

Stichwahl wahrscheinlich

Wie seine Chancen sind? "Ganz schlecht zu sagen", sagt Wolfgang Reinbold, Leiter der städtischen Pressestelle. Er rechnet beim ersten Wahlgang an diesem Sonntag noch nicht mit einer Entscheidung – dazu müsste ein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen erzielen.

"Natürlich gab es nach dem Mord in der Stadt Aufregung, aber das war ganz klar ein tragischer Einzelfall", sagt Reinbold. Eine Überfremdungsangst in der Stadt ist seiner Einschätzung nach nicht spürbar, "auch im Wahlkampf ist das nicht präsent". Özkara freilich will ganz andere Rückmeldungen erhalten haben. "Wenn ich gewählt werde, dann genau deshalb", sagt er.