So langsam zieht die SPD ein bei Uwe Hück. Wo außen noch ein verspieltes Schild auf ein aufgegebenes Kindermoden-Geschäft verweist, residiert jetzt das „Revolutionsbüro SPD Team Pforzheim“, wie ein großes Logo im Schaufenster verrät. Die Räume in der Pforzheimer Innenstadt, links ein Schlüsseldienst, gegenüber ein Ramschladen, sind noch karg. Vorne Kicker und Kaffeetheke, hinten ein Besprechungsbereich.

Hier will Uwe Hück, 56, noch mal „ganz unten“ anfangen, wie er sagt.

Zurück lässt er, das ehemalige Heimkind, gelernter Maler und Lackierer, Ex-Profi-Thaiboxer, ein Leben ganz oben. Mit Macht und Einfluss als Porsche-Betriebsratschef und stellvertretender Aufsichtsratschef und mutmaßlich einem Managergehalt – ein Leben auf Augenhöhe mit Alphamännchen der Wirtschaft.

Hück und Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel können gut miteinander

Die erste Aufregung in der Stadt um seinen Coup, Anfang Februar bei Porsche auszusteigen und mit einer eigenen Liste bei den Kommunalwahlen im Mai für den Pforzheimer Gemeinderat anzutreten, hat sich gelegt. „Der Sigmar hat mir gleich eine SMS geschrieben, dass das gar nicht geht“, erzählt Hück, seit 37 Jahren SPD-Mitglied. Gemeint ist Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel. Die beiden mögen sich, man spricht die gleiche Sprache. Auch SPD-Landeschef Andreas Stoch hat angerufen, kam vorbei.

Jetzt ist Hück Spitzenkandidat der SPD

Jetzt tritt Hück für die SPD an, Platz 1, ein halbes Dutzend Leute hat er auf die Liste mitgebracht. Nach anfänglichem Grummeln hat die Pforzheimer SPD ihre Chance erkannt. Nur sechs von 40 Mandaten hält sie noch im Gemeinderat, man fürchtete, weitere zu verlieren. Die SPD gilt in der Stadt als schwierige Truppe. Wohl auch deshalb wollte Hück seine eigene Liste.

An diesem Abend treffen sich die Genossen erstmals zur Wahlkampfsitzung in Hücks Revolutionsbüro.

Uwe Hück, schwarze Jeans, schwarzes Hemd, grauer Schal, wirkt fit und überraschend schmal.

Zur Eröffnung vor einer Woche war noch kein Genosse erschienen. „Terminschwierigkeiten“, begründet das Ralf Fuhrmann, SPD-Fraktionschef im Gemeinderat. Er freut sich über den frischen Wind, den Hück in die verstaubte SPD bringt. „Ich finde bewundernswert, mit wie viel Energie er hier reingeht“, sagt Fuhrmann. Die Stadt Pforzheim ist chronisch klamm, hat mit die höchsten Arbeitslosen- und Migrantenquoten im Land.

Hück soll Wähler von der AfD zurückholen

Fuhrmann hofft, dass Hück mit seinem Profil und den markigen Sprüchen verlorene Wähler vor allem von der AfD zurückholt, auch bei den vielen Russlanddeutschen. In den von ihnen dominierten Stadtteilen Haidach und Buckenberg ist Hück eine große Nummer, er ist Vorsitzender des Sportvereins. Auch seine Lernstiftung sitzt dort, die gefährdeten Jugendlichen eine Chance gibt.

Der Thaiboxer sucht den Kontakt zu den Bürgern

Hück hat noch nie zuvor Kommunalpolitik gemacht, aber die Pläne sprudeln nur so aus ihm heraus. Jugend, Sicherheit und Bürgernähe sind seine Themen. Er will die Arbeitsagentur vor Ort und den Gemeinderat raus aus den Büros zu den Bürgern schicken. „Näher ran“, sagt Hück, „ich brauch‘ den Kontakt.“ Seine Revolution ist, Politik nicht nach Parteibuch zu machen, sondern danach, was die Stadt voranbringt.

Im Gemeinderat mal "laut Musik machen"

„Wenn ich feststelle, dass es nur um Klein-Klein geht, drehe ich die Musik ganz laut“, kündigt Hück für seine Gemeinderatsarbeit an. Und laut kann er. Deswegen haben ihn schon viele unterschätzt. Aber Uwe Hück hat das Prinzip des „lebenslangen Lernens“ verinnerlicht. Als Porsche-Betriebsratschef besteht man nicht so lange mit leeren Parolen, sondern nur mit dem Ringen um Kompromisse und mit Ergebnissen. Hück weiß, dass manche glauben, er werde schnell wieder hinschmeißen, wenn es zu mühsam wird und nicht vorangeht. „Für mich gelten die fünf Jahre“, verspricht er und weist zurück, insgeheim höhere politische Ämter anzustreben. „Jetzt will ich sein, was mir keiner zutraut: ein guter Stadtrat.“

Unternehmerpläne mit Zigarrenlounge und Café

Er schweigt zu den Gerüchten, die um seinen Ausstieg bei Porsche konstruiert werden. Und bleibt dabei: Sein Job sei gemacht, Porsche geht es glänzend, der neue E-Sportwagen Taycan wird in Stuttgart gebaut. Für seine Stiftung und die Familie hat er viel zu wenig Zeit gehabt zuletzt, manches lässt sich nicht nachholen. Ins Loch gefallen ist er nicht. Wahlkampf, Training für den Benefiz-Rückkampf gegen Ex-Boxchampion Firat Arslan in Pforzheim im Oktober, und beruflich will Hück jetzt unter die Unternehmer gehen, ein Café und eine gehobene Zigarrenlounge in der Stadt eröffnen.

Dem Porsche bleibt er treu

„Porsche ist Vergangenheit“, sagt er. So ganz stimmt das freilich nicht. Seinen Porsche Panamera fährt Hück weiter.

Einer von ganz unten

Uwe Hück (geb. 1962) stammt aus schwierigen familiären Verhältnissen und wuchs in einem Kinderheim bei Pforzheim auf. Nach einer Ausbildung zum Maler und Lackierer war Hück bis 1985 Profi-Sportler und wurde zweifacher Europameister im Thaiboxen. 1985 begann er als einfacher Arbeiter in der Lackiererei bei Porsche in Zuffenhausen, dort wurde er 1990 zum Betriebsrat gewählt, ab 1994 dafür freigestellt. Er bildete sich bei der IG Metall in Arbeits-, Tarif- und Sozialrecht weiter und stieg bis zum Vorsitzenden des Konzernbetriebsrats auf und als Arbeitnehmervertreter bis zum stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzenden der Porsche AG. Hück ist seit 1982 SPD-Mitglied. Privat engagiert er sich in mehreren Projekten für Jugendliche und sozial Benachteiligte. Er betreibt eine Lernstiftung in Pforzheim und ist Vorsitzender eines Sportvereins, in dem er Jugendliche im Thai-Boxen unterrichtet. Anfang Februar erklärte Hück überraschend seinen Rücktritt von allen Ämtern bei Porsche. Hück lebt in Pforzheim, er hat drei Söhne und vier Enkelkinder.