Fast-Food-Verpackungen, Einwegbecher, Pizzakartons - der Müll auf Straßen und Plätzen nimmt zu und wird für die Kommunen im Südwesten zum Problem. Das hat mit verändertem Konsum- und Freizeitverhalten zu tun. „Draußen ist das neue Drinnen“, erläutert Rolf Friedel, Landeschef des Verbandes kommunaler Unternehmen - in Pforzheim nennt man das „Mediterranisierung der Städte“.

Der Leiter des Heidelberger Amtes für Abfallwirtschaft beklagt, dass vor allem an Wochenenden auf Plätzen und Grünanlagen Verpackungen zurückgelassen werden. Der Trend stellt die Kommunen vor große Herausforderungen und Kosten.

Pforzheim will jetzt Müllsheriffs einsetzen

Besonderes ärgerlich: Kaffeebecher. Bundesweit werden 320.000 Stück achtlos wegschmissen - pro Stunde. Um dem Einhalt zu gebieten, haben Städte wie Heidelberg, Tübingen und Mannheim eigene Systeme für wiederbefüllbare Becher entwickelt. In Freiburg nutzen 30.000 umweltbewusste Kaffeetrinker Freiburg Cups.

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Dem Ersten Bürgermeister von Pforzheim, Dirk Büscher, geht der Dreck derart auf die Nerven, dass er Anfang kommenden Jahres Müllsheriffs einsetzt. „Ein adretter und gepflegter öffentlicher Raum ist die Visitenkarte einer Stadt für Einwohner, Berufspendler und Besucher.“

Die Stadtverwaltung müsse für Ordnung und Sauberkeit sorgen. Die zwei mit Tablet und Handy ausgestatteten Müllpolizisten können Schmutzfinken 10 bis 2500 Euro und Wiederholungstätern bis zu 5000 Euro abknöpfen. Kostenpunkt für das Novum: gut 200.000 Euro im Jahr.

Gestell für Pizzakartons

Auch die Berliner Humboldt Universität sieht in ihrer Studie für den Bundesverband kommunaler Unternehmen einen deutlichen Trend zum „Littering“ - ein englischer Fachbegriff für das achtlose Wegwerfen von Müll. Brennpunkte sind demnach Schulen, Grillstellen, Plätze, Parkanlagen sowie bereits verschmutzte Orte.

In Heidelberg gehören die Neckarwiesen zu den neuralgischen Punkten, besonders wenn Abiturienten zum Ende ihrer Schullaufbahn über den Durst trinken. Dann ist für die Stadtreiniger Großkampftag, allerdings müssen sie sich um Glasflaschen nicht mehr kümmern - die Pfandsammler kommen ihnen zuvor. Im Abfall nimmt der Anteil an Glasflaschen stark ab. Deshalb hat sich in Heidelberg der Inhalt aus den 1600 Abfalleimern von 2015 noch 711 Tonnen auf 648 Tonnen im vergangenen Jahr reduziert.

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Zu den pfiffigen Ideen gegen das Vermüllen gehört ein Gestell für Pizzakartons in der Studentenstadt Tübingen. Die sperrigen Pappbehältnisse können seit Juni 2018 in einem Metallgestänge am Neckarufer abgelegt werden.

Das „Tübinger Tütle“ aus Papier soll die auf dem Wochenmarkt verwendeten Plastiksäckchen ersetzen. Ein solarbetriebener Müllpressbehälter soll den Bahnhofsvorplatz sauber halten. „Das ist die pragmatische Lösung eines vermeidbaren Problems“, meint Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne).

Was bewegt die Müll-Verursacher?

Den Ansatz der Müllvermeidung will er - vorbehaltlich rechtlicher Prüfung - mit einer Steuer auf Einwegverpackungen und -geschirr verfolgen. „Dann können wir diejenigen zur Kasse bitten, die den Müll durch ihr Konsumverhalten verursachen.“

Stuttgart hat die Zahl seiner Papierkörbe seit 2006 um fast 40 Prozent auf über 5400 erhöht. Doch das reicht nicht aus. Die Landeshauptstadt plant 16 „Abfall-Presshaie“ aufzustellen, die je nach Abfallart bis zu 700 Liter Müll aufnehmen. Die Anschaffungskosten liegen bei 8000 Euro pro Stück. Das Reinemachen kommt die Kommunen teuer zu stehen. So gab Mannheim 2017 rund 12,8 Millionen Euro für Stadtreinigung und Winterdienst aus - 2008 waren es noch neun Millionen Euro. In Pforzheim erhöhten sich die Kosten in den letzten zehn Jahren um rund ein Drittel.

Was die Müll-Verursacher - darunter die besonders undisziplinierten 21- bis 30 Jährigen - bewegt, hat die Berliner Studie in den Blick genommen. Sie nennt zwei Motive: Faulheit, Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit und den - allerdings immer weniger häufig vorgebrachten - Hinweis auf fehlende oder überfüllte Papierkörbe.

Wie kann ein Umdenken gelingen? 

Dabei spiele Geschlecht, Bildung oder Wohnort kaum eine Rolle. Der Geschäftsführer der Abfallwirtschaft Freiburg Michael Broglin meint: „Da hat sich extrem was gewandelt. Ich habe noch eine andere Erziehung genossen.“

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Wie kann ein Umdenken gelingen? In Karlsruhe setzt man bei den Kindern an. Das Abfallwirtschaftsamt bietet eine Spiele-App zur Abfalltrennung an sowie einen Lernkoffer für Kitas und Schulen. Beim alljährlichen Frühjahrsputz während der „Dreck-weg-Wochen“ sammeln Bürger und Vereine Müll.

Den Fleißigsten winken Geldpreise. 114 Sauberkeitspaten engagieren sich dafür, dass ihr Stück Karlsruhe picco bello bleibt. Der Pforzheimer Bürgermeister Büscher setzt vor allem auf die Wirkung von Vorbildern: „Gehen die Eltern schon nicht richtig mit Abfällen um, dann erhöht sich leider die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder dieses unangepasste Verhalten übernehmen.“ (dpa)