"Mi hend se romdreht", sagt Gerhard Bihr, 71, als die Show vorbei ist. Ihn haben sie rumgedreht heute Abend. Er hat seine Meinung geändert darüber, wem er seine Stimme geben würde, dürfte er am 7. Dezember in Hamburg mit darüber abstimmen, wer Angela Merkel an der Spitze der CDU nachfolgen soll.

Ist das wirklich die CDU?

Gerade ist die Nationalhymne in der Böblinger Kongresshalle verklungen, kraftvoll gesungen aus 2000 Kehlen, das rhythmische Klatschen ist verebbt, mit dem die CDU-Anhänger sich, die drei Kandidaten und den Abend feierten. Thomas Strobl ruft den Abend im Schlusswort gar euphorisch zur "Sternstunde der Demokratie" aus. Die Mienen vieler, die zum Ausgang streben, sind heiter, gelöst. Es wird geredet, laut gelacht. Man muss sich die Augen reiben: War das wirklich eine CDU-Parteiveranstaltung?

"Alle drei sollen in die Regierung"

So ganz angesteckt vom Aufbruchsvirus ist Gerhard Bihr nicht. Erstens ist er von der rauen Ostalb, CDU-Kreisverband Aalen, da steht man spontanen Gefühlsausbrüchen prinzipiell skeptisch gegenüber. Und zweitens ist er seit über 30 Jahren in der CDU. Da hat man gelernt, mit Erwartungen zu haushalten. Aber insgesamt ist er doch auch eher positiv gestimmt. Und auf der Heimfahrt im Bus zurück nach Aalen wird er in der internen Umfrage sein Kreuzchen bei Jens Spahn machen, sagt er. Auf der Hinfahrt war es noch bei Annegret Kramp-Karrenbauer. Und das, obwohl er eigentlich auch mit Friedrich Merz sympathisiert. "Der hat klar geredet, der Spahn, der war gut", sagt Bihr. "Aber eigentlich waren sie alle gut. Die sollten alle drei in die Regierung."

Landtagsfraktion vergibt Platz 1,2 und 3 an Merz

Den Eindruck teilt Bihr mit vielen anderen nach diesem Abend. Es gibt ein Meinungsbild mit klaren Vorteilen für Merz und Kramp-Karrenbauer vor Spahn. Am Nachmittag, als die drei sich in Stuttgart der CDU-Landtagsfraktion vorstellten, war es noch deutlicher: "Platz 1,2, und 3 gingen an Merz", bewertete ein Abgeordneter die Auftritte. Der Applaus für Kramp-Karrenbauer und Spahn war respektvoll und höflich, der für Merz euphorisch. "Das wäre das schönste Weihnachtsgeschenk für die CDU, wenn er es wird", säuselte danach gar der sonst eher bissige Karl Zimmermann in die Mikrofone.

Hoffnung auf den starken Mann

Friedrich Merz, das wird auch an der Applausstärke in Böblingen klar, ist der Mann, auf den viele auch in der Südwest-CDU gewartet haben: Rhetorisch geschliffen, klare Ansprache, markante Positionen. Ja zu Europa, zum Leistungsgedanken, zum konservativen, wirtschaftliberalen Kern der CDU, zur Steuerentlastung des Mittelstands. Nein zu faulen GroKo-Kompromissen mit der SPD, Nein zum Missbrauch der Sozialsysteme. Dass viele auf einen starken Mann in der CDU gewartet haben, macht sich im Jubel für Merz Luft. Ein paar Dutzend Zuhörer spenden stehende Ovationen, hauptsächlich ältere Männer. Aber trotz auffordernder Gesten der Merz-Fans steht eben nur ein kleiner Teil.

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"Viele sagen, dass jetzt mal wieder ein Mann vorne stehen könnte. Auch Frauen sagen das", sagt Maria-Lena Weiss, Vorsitzende des Tuttlinger CDU-Kreisverbands, die als eine der 1001 Delegierten in Hamburg auch wählen wird. Sie ist offen in den Abend gegangen, will sich mit ihrem Kreisverband noch beraten. Aber auch sie sagt: "Egal, wer es wird: Wir brauchen alle drei."

Über eigene Fehler will niemand reden

Nach Merz hat es Kramp-Karrenbauer zunächst schwer, die Zuhörer zu begeistern. Sie räumt Fehler der Parteiführung in den letzten Jahren ein – auch eigene. Das will niemand hören an diesem Abend, und schon gar nicht daran erinnert werden, dass es nicht ganz allein Angela Merkel war, die die CDU zu den 26 Prozent geführt hat, bei denen sie in den Umfragen jetzt steht. "Nicht alle Erwartungen werden erfüllt. Damit müssen wir dann auch umgehen können", sagt Kramp-Karrenbauer. Das bremst die Euphorie.

Kramp-Karrenbauer setzt auf das "C"

Aber "AKK" ist geschickt, oft überraschend konservativ, kennt die Partei – und kann vor allem auf eigene Erfahrungen und Erfolge verweisen. Angeblich minderjährige Flüchtlinge? "Haben wir im Saarland selbst medizinisch überprüft und die Hälfte als längst erwachsen entlarvt", sagt sie. Ärztliche Atteste, die abgelehnte Asylbewerber vor Abschiebung schützen? "Unsere eigenen Amtsärzte haben die Untersuchungen durchgeführt, danach sah die Krankenquote ganz anders aus." Ihre Botschaft, für die sie viel Beifall bekommt: "Wir brauchen keine schärferen Gesetze. Was wir brauchen, ist mehr Mut, die bestehenden auszureizen." Und wie das geht, hat sie im Saarland als Ministerpräsidentin bewiesen. Das zieht. Sie ist die Einzige, die auf das "C" im Parteinamen eingeht: "In China hat ein Wissenschaftler Gott gespielt und Genmanipulationen an Menschen durchgeführt. Das ist nicht die Welt, für die wir als CDU stehen", sagt sie. Ein Satz, der hängen bleibt.

Kein Selbstläufer für Merz

So viel wird klar: Ein Selbstläufer ist die Sache für Merz nicht, auch nicht im eher konservativen Südwest-CDU-Lager. Merz ging direkt nach seiner Kandidatur als klarer Favorit ins Rennen, favorisiert vor allem aus Wirtschaftskreisen aufgrund der ihm zugeschriebenen Wirtschaftskompetenz. "In dem Punkt geht er übers Wasser", sagt ein CDU-Spitzenmann nicht ohne leise Skepsis. Aber Merz macht auch Fehler, schätzt Stimmungen in der Partei falsch ein. Den Vorstoß, das Asylrecht grundsätzlich in Frage zu stellen, konnte er gerade noch einkassieren – dieses Grundrecht gilt auch weiten Teilen der CDU als unantastbar.

Kretschmann-Kritik greift nicht

In Böblingen geht ein Versuch von Merz seltsam ins Leere, den Widerstand einzelner Grüner gegen den Braunkohleabbau im Hambacher Forst mit Winfried Kretschmann in Verbindung zu bringen. Und als Merz dafür plädiert, die Eigenheimquote zu erhöhen und mehr Bauland auszuweisen, fragt sich mancher Teilnehmer in Böblingen, wo es wie in vielen dicht besiedelten Regionen im Großraum Stuttgart längst nichts mehr auszuweisen gibt, in welcher Welt der Sauerländer eigentlich lebt.

Merz-Unterstützer trommeln

Mittlerweile hat Kramp-Karenbauer aufgeholt, glaubt man beim CDU-Landesverband, der sich trotz der Positionierung Einzelner entschieden hat, keine Empfehlung auszusprechen. Und noch stehen drei Regionalkonferenzen bevor. Manche sehen AKK inzwischen sogar vorn, obwohl Merz in der Öffentlichkeit über lautstarke Trommler verfügt. Auch einzelne Medien positionieren sich mittlerweile offen für ihn – umso deutlicher, je enger das Rennen wird.

Spahn gewinnt im Vortrag

Jens Spahn, auf den viele neugierig sind, ohne ihm große Chancen einzuräumen, gewinnt im Vortrag, nicht nur bei Gerhard Bihr. Spahn erhält viel Zuspruch, als er sagt: "Das größte Problem der CDU ist, dass ich mit meinen 38 Jahren noch als blutjung gelte." Er ist glaubhaft mit seiner Forderung, die Partei nicht nur für die nächsten fünf oder zehn Jahre, sondern auf die Anforderungen der nächsten Jahrzehnte auszurichten. "In 20 Jahren bin ich fast sechzig", sagt Spahn. Die Botschaft, die auch in Böblingen jeder versteht, ist: Dann ist Spahn immer noch jünger, als es Merz und Kramp-Karrenbauer heute sind.

Außenseiter im Rennen

Spahns Themen sind Generationengerechtigkeit, Rente, Pflege, Digitalisierung, Migration. "Es ist ein Irrsinn, dass arbeitswillige Fach- und Pflegekräfte, die wir dringend brauchen, nicht einwandern dürfen, wir aber die, die nicht arbeiten wollen und kriminell sind, nicht mehr loswerden" – Sätze, die ihm viel Beifall einbringen. Dennoch: Die Junge Union im Südwesten hat sich klar für Merz ausgesprochen. Im Kampf um den Vorsitz, glauben auch in Böblingen viele, ist Spahn der Außenseiter.

200 Fragen an die Kandidaten

Der Diskussionsbedarf nach der Vorstellung der Kandidaten ist riesig, 200 Fragen an das Trio werden eingereicht, Rekord bei den bisherigen Regionalkonferenzen. Nur für ein paar Dutzend, sortiert nach Themenblöcken wie Migration, Europa, Sozialsysteme oder CDU ist Zeit. Oft sind die Antworten des Trios kaum unterscheidbar. Der Umgang der Kandidaten miteinander ist respektvoll und fair, nur ein paar Spitzen, keine frontalen Angriffe. Manche der knapp 200 Pressevertreter mühen sich nach Kräften, ihre Schlagzeilen vom Ton, der angeblich rauer wird, zu untermauern. Die Kandidaten tun ihnen den Gefallen nicht.

Der Alltag ist ganz weit weg

Dass die wirklich mühsame Arbeit für die CDU mit der Wahl eines neuen Parteichefs – oder einer Parteichefin – für die CDU aber erst so richtig losgeht, daran erinnert schließlich noch Thomas Strobl. Aber sein leise mahnender Appell zur Geschlossenheit der Partei auch am Tag nach der Wahl geht in der erwartungsvollen Aufbruchsstimmung völlig unter. Strobl selbst trägt auch dazu bei. "Ihr seid alle drei Spitze!" ruft er den Kandidaten am Ende unter dem Jubel der Parteianhänger zu. Der Alltag ist für die CDU an diesem Abend ganz weit weg.

Wer sind die drei Kandidaten?

Der Rückkehrer: Friedrich Merz.
Der Rückkehrer: Friedrich Merz. | Bild: Christoph Schmidt
  • Friedrich Merz, 62, ist ein begnadeter Redner und der Traum vieler Konservativer. Seine eingängigste Idee in seiner aktiven politischen Zeit: die Steuererklärung auf dem Bierdeckel. Der Jurist ist verheiratet und hat zwei Töchter. Merz, der unter anderem Aufsichtsratschef bei der deutschen Tochtergesellschaft der Vermögensverwaltung Blackrock ist, bezeichnet sich als Mitglied der „gehobenen Mittelschicht“, räumt aber ein, Millionär zu sein. Merz besitzt ein Flugzeug.
Die Merkel-Wunschkandidatin: Annegret Kramp-Karrenbauer.
Die Merkel-Wunschkandidatin: Annegret Kramp-Karrenbauer. | Bild: Christoph Schmidt
  • Annegret Kramp-Karrenbauer, 56, darf als Merkels Wunschnachfolgerin bezeichnet werden, obwohl sie einiges dafür tut, um sich von der Kanzlerin inhaltlich abzugrenzen. Gesellschaftspolitisch vertritt die CDU-Generalsekretärin auch konservative Positionen (Ablehnung der Ehe für alle), gilt aber als liberal und pragmatisch. Kramp-Karrenbauer und ihr Mann haben drei gemeinsame Kinder. Sie leben im saarländischen Püttlingen, wo sie auch aufwuchs.
De junge Herausforderer: Jens Spahn.
De junge Herausforderer: Jens Spahn. | Bild: Christoph Schmidt
  • Jens Spahn, 38, ist so ziemlich das Gegenteil von Kramp-Karrenbauer. Gesellschaftspolitisch liberal stellt sich der mit einem Mann verheiratete Spahn in Fragen der Zuwanderung offensiv gegen den Merkel-Kurs. Der Gesundheitsminister polarisiert, was ihn bei vielen nicht beliebt macht.