Im Kleinbus wechselt Gerlinde Kretschmann die Schuhe. Zum offiziellen Empfang mit der Stellvertreterin der britischen Queen hier in der kanadischen Provinz Ontario, Gouverneurin Mary Dowdeswell, kann sie schlecht in den bequemen und deutlich gebrauchten flachen Schuhen gehen. Ein kurzer Blick in den Taschenspiegel, die Haare zurecht gezupft, etwas Lipgloss aufgetragen, und Gerlinde Kretschmann eilt in silbergrauen Pumps auf den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, ihren Ehemann Winfried, zu. Der wartet mit seiner Entourage schon auf den Stufen zum mächtigen Parlamentsgebäude in Toronto. Gerlinde Kretschmann ist fast zu spät, die beiden Gesprächstermine zuvor waren zu interessant, dazu kam der Horrorverkehr von Toronto am Nachmittag, in dem der Bus feststeckte. „Manchmal kann das schon sehr anstrengend sein“, sagt die 71-Jährige.

Die frühere Grundschullehrerin und langjährige Grünen-Gemeinderätin ist ein politischer Kopf, fit, agil, vielseitig interessiert. Aber Jetlag, mehrfache Zeitzonenquerungen und Schlafmangel machen auch ihr zu schaffen. „Ich weiß nicht, wie mein Mann das macht, das bewundere ich sehr, und das sage ich ihm auch“, meint sie zum kräftezehrenden Programm dieser großen, zehntägigen Delegationsreise in die USA und nach Kanada, die am heutigen Samstag zu Ende geht. Einen Teil der Reisekosten für Gerlinde bezahlen die Kretschmanns selbst. Aber das Programm der First Lady ist weder Teilzeit- noch Privatprogramm. „Ich bin ehrenamtlich berufstätig“, nennt sie es. Schnittstellen zum Programm des „MP“, wie ihr Mann im Reisetross genannt wird, gibt es meist bei offiziellen Essen und Empfängen. Da ist die passende Garderobe gefragt. „Ich nehme halt einen großen Koffer mit“, sagt Gerlinde Kretschmann. Aber Schwäbin bleibt Schwäbin, mehr als vier Paar Schuhe hat sie nicht dabei. Auch den Koffer für den Ehemann packt Gerlinde Kretschmann – „mit ihm zusammen“, sagt sie.

Auf Menschen eingehen

Auf dieser Reise führt Gerlinde Kretschmanns Besuch unter anderem zu Projekten für Umwelt, Gesundheitsversorgung, Migranten, Flüchtlinge – und vor allem in Schulen und zu Bildungsprojekten. Der für sie wichtigste Termin steht ihr am nächsten Tag noch bevor: der Besuch einer Inuit-Schule in Ottawa. „Ich war mein Leben lang Lehrerin, und ich weiß, wie wahnsinnig wichtig das ist“, sagt sie. Die Vorschläge für die Projekte kommen von den Konsulaten vor Ort, die auch als Türöffner fungieren. Und obwohl Gerlinde Kretschmann kein offizielles Amt innehat, spürt sie, wie wichtig es für die Menschen ist, dass sie, die Frau eines ausländischen Regierungschefs, ihnen Aufmerksamkeit schenkt und zuhört. So versteht sie auch ihre Rolle. „Ich mache nur Sachen, hinter denen ich auch stehe“, sagt sie, „und ich bemühe mich sehr, auf Menschen einzugehen.“ Was sie da erfährt und sieht, darüber spricht sie mit Winfried Kretschmann – wenn Zeit dafür ist. „Ich möchte meinem Mann, der mit dieser hochkarätigen Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegation unterwegs ist, auch ein wenig Erdung mitgeben“, sagt sie.

Tränen fließen

Vom heutigen Tag hätte sie einiges zu erzählen. In Toronto besucht sie die Migrantenagentur Costi, lässt sich das kanadische Einwanderungssystem erklären, spricht mit jungen Menschen aus dem Irak, aus Moldawien und Syrien über deren Weg nach Kanada und die ersten Schritte in der neuen Heimat. Alles klingt schön, zu schön in Gerlindes Kretschmanns Ohren. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da gar keine Probleme gibt“, sagt sie skeptisch. Das anschließende Gespräch mit jesidischen Frauen und Familien, denen in Kanada nach baden-württembergischen Vorbild geholfen wird, ist Gerlinde Kretschmann ein Herzensanliegen. Als die Flüchtlinge von der Angst um ihre Familien und die Umstände ihrer Flucht berichten, wird es hochemotional – auf beiden Seiten fließen Tränen.

Weil das Gespräch sehr lange dauert, muss das Mittagessen samt kurzer Führung mit dem deutschstämmigen Hochschulprofessor Harald Bauder zur Siedlungs- und Migrationsgeschichte der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt Toronto sehr knapp ausfallen, damit Gerlinde Kretschmann rechtzeitig zum Empfang bei der Gouverneurin zurück ist. Der Fotoapparat ist aber immer dabei, und von den Reisen, auf denen sie dabei ist, fertigt die 71-Jährige gern Fotoalben oder Fotobücher an, damit auch Winfried Kretschmann sieht, was sich rund um die Hotels, Konferenzzentren und Firmenzentralen abspielt. „Es gehört zu seinen ehelichen Pflichten, diese Fotos dann später anzuschauen“, verrät Gerlinde Kretschmann, „und das macht er dann auch gern.“

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