Peter-André Alt ist bundesweit die Stimme der Hochschulrektoren, und seine Worte sind deutlich: „Wir leben in der Fiktion, dass mit dem Abitur die Voraussetzungen für das Studium erfüllt sind. Die Realität zeigt: Viel zu oft stimmt das nicht“, konstatiert der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Insbesondere für die Fächer auf Mathebasis fehlten vielen Studienanfänger die Voraussetzungen. Aber auch in Sachen Textverständnis und Schreibfähigkeiten beklagen Hochschullehrer „erhebliche Verschlechterungen“ so Alt kürzlich bei der Rektorenkonferenz.

Baden-Württemberg, das sich – gemeinsam mit Bayern – selbst traditionell am oberen Leistungs- und Schwierigkeitsgrad beim Abitur verortet, bildet dabei keine Ausnahme.

Nachhilfe für Studienanfänger

Weil die Forschungsuniversitäten im Land aber auf Top-Studierende angewiesen sind, müssen sie Nachhilfe anbieten: „Wir unterstützen und fördern vielfältige Maßnahmen, um die Studierfähigkeit der Studienanfänger zu erhöhen“, sagt Bernhard Eitel, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz und Rektor der Universität Heidelberg. Mathevorbereitungskurse etwa gehören heute an jeder technischen Universität im Land zum Standard.

Landesschnitt im Abi konstant bei 2,4

In der Abiturnote aber schlägt sich der beobachtete Leistungsabfall nicht nieder. Denn seit über 30 Jahren bewegt sich der landesweite Durchschnitt in Baden-Württemberg bei der Allgemeinen Hochschulreife mit minimalen Ausschlägen im Bereich von 2,4. Zugenommen hat auch die Zahl der Einser-Abiturienten – ein Viertel der Abiturienten hatte 2018 am Ende eine Eins vor dem Komma stehen. Wenn bei gleichbleibender Durschnittsnote aber immer mehr Schüler eines Jahrgangs Abitur machen, ihre Fähigkeiten gleichzeitig aber abnehmen, lässt das nur einen Schluss zu: Das Abitur muss leichter geworden sein.

Nicht mehr mit den Achtziger Jahren vergleichbar?

Ralf Scholl, Vorsitzender des Landesphilologenverbandes und selbst Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik, hat zumindest für seinen Fachbereich eine Erklärung parat. „Es stimmt: Hochschulen melden zurück, dass Abiturienten nicht einmal Mathestoff der Mittelstufe wie Prozentrechnen beherrschen“, sagt Scholl. „Vom Niveau her sind die Mathe-Abituraufgaben nicht mehr mit denen aus den Achtziger Jahren vergleichbar.“ Das Wissen der Schüler in der Spitze sei insgesamt zurückgegangen, so Scholl. Für ihn ist das auch eine Spätfolge der Abschaffung des Systems mit fünfstündigen Leistungskursen und zweistündigen Grundkursen in der Oberstufe, die 2002 durch vierstündige Fächer ersetzt wurden.

Starke und schwächere Schüler in einem Kurs

„Seitdem haben wir im Mathekurs in der Kurstufe alle Schüler zusammen – die schwächeren und leistungsstarken, aber insgesamt gibt es für den Stoff eine Stunde weniger.“ Die Folge: Ein sinkendes Spitzenniveau sowie entsprechend angepasster Lehrplan- und Prüfungsstoff. „Was nicht behandelt wurde, kann in der Prüfung auch nicht verlangt werden“, so Scholl. Eine Erklärung, die auch für alle anderen Fächer gilt. „Eine Eins heißt noch nicht, dass jemand etwas kann. Man muss schon die Frage stellen, für was jemand die Note bekommen hat“, sagt Scholl.

Kurssystem wird wieder umgestellt

Vom kommenden Schuljahr an wird in Baden-Württemberg nun erneut umgesteuert und das bisherige System in der Kursstufe mit fünf vierstündigen Fächern wieder durch fünfstündige Leistungs- und zwei- oder dreistündige Basisfächer abgelöst. Teil eines Maßnahmenpakets der Kultusministerkonferenz, um auf ein vergleichbareres Abiturniveau in den Bundesländern zu kommen. Dazu gehört auch, den zentralen Aufgabenpool, aus dem die Länder seit 2017 einen Teil der Abituraufgaben in den Fächern Mathe, Deutsch, Englisch und Französisch entnehmen können, ab 2021 auf weitere Fächer auszuweiten. Dass damit aber das Abitur wieder schwerer wird, bezweifelt Scholl: Bisher habe jeder Versuch einer Vereinheitlichung zu einer Niveau-Absenkung geführt.

Notenschnitt von 2,6 im Abi am häufigsten

  • Allgemeinbildende Gymnasien – 2018 legten landesweit gut 32600 Schüler die Abiturprüfung an allgemeinbildenden Gymnasien ab. 97,3 Prozent bestanden die Prüfungen. Der landesweite Abischnitt lag 2018 bei 2,4, die häufigste Durchschnittsnote war die 2,6. Die Bestnote von 1,0 erzielten 579 Schüler (1,8 Prozent), ein Viertel (26 Prozent) kam auf einen Einser-Schnitt.
  • Berufliche Gymnasien – Die Durchschnittsnote bei den 17431 Absolventen der Allgemeinen Hochschulreife an den beruflichen Gymnasien lag 2018 bei 2,5. Die 1,0 ging an 146 Abiturienten (0,8 Prozent). 27 Prozent hatten einen Notenschnitt von 3,0 oder schlechter.
  • Gefragte Alternative – Die beruflichen Gymnasien mit drei- oder sechsjähriger Aufbaustufe sind eine gefragte Alternative zu allgemeinbildenden Gymnasien. 35 Prozent der Abiturienten landesweit erwarben 2018 ihre Allgemeine Hochschulreife an einem beruflichen Gymnasium. Zudem bieten die Schulen ein Fachabitur an. (uba)