Der 22. April 2018 dürfte der härteste Tag für Dieter Salomon gewesen sein. Der damals 57-Jährige, seit 16 Jahren gewähltes Oberhaupt der Stadt Freiburg, unterlag einem Politiker, den kaum jemand kannte. Ein unbeschriebenes Blatt.

Martin Horn ließ den Amtsinhaber im zweiten Wahlgang hinter sich. Der Wahlabend sah einen tief enttäuschten Salomon, der sich bereits aus der Politik verabschiedete. Nach 26 Jahren Berufspolitik sollte auf diesem Feld Feierabend sein.

Von wegen Praktikant

Ganz überraschend kam die Niederlage nicht. Der Mann, der noch 2010 souverän sein Amt verteidigt hatte, wurde von einem „Praktikanten“, wie er ihn im Wahlkampf nannte, aus der Bahn geworfen. Für Salomons Kritiker war die Niederlage vorhersehbar. Er habe den Kontakt zur Basis, verloren, hieß es zum Beispiel.

Dieter Salomon im März 200: Damals war er Grünen-Fraktionschef im Landtag. Bild: dpa
Dieter Salomon im März 2000: Damals war er Grünen-Fraktionschef im Landtag. | Bild: Bernd Weißbrod

Damals am Dreisameck

Was auch immer wieder durchschimmerte: Der Mann im Rathaus sei nicht mehr der Mann, den sie damals gewählt hatten; der mit 20 Jahren den damals noch chaotischen Grünen beitrat und alle Phasen der Grünen-Geschichte in Freiburg erlebte. Auch die Hausbesetzungen am Dreisam-Eck gehören dazu. Oder der grüne Widerstand gegen das geplante Konzerthaus am Bahnhof, das sie als spießige Hochkultur bekämpften. Heute sitzen die alten Straßenkämpfer in der ersten Reihe, wenn eine Geigerin aus Russland aufspielt.

Er besiegte Dieter Salomon 2018: Martin Horn, im Wahlkampf noch als Praktikant verspottet.
Er besiegte Dieter Salomon 2018: Martin Horn, im Wahlkampf noch als Praktikant verspottet. | Bild: Patrick Seeger

Auch eine persönliche Geschichte wurde ihm schlecht ausgelegt: Seine neue Frau Helga Mayer leitete zugleich sein Büro im Rathaus. Nicht nur die Tätigkeit, auch die Besoldungsgruppe war gehoben. Im Wahlkampf schadete ihm diese Verquickung. Wie geht es mit der Vorzimmer-Chefin nach der Abwahl ihres Mannes weiter? Mayer-Salomon bleibt im Rathaus, wurde aber in einer andere Abteilung versetzt.

Ruhestand? Nicht für ihn

Lange wurde gerätselt, in welche Richtung es den Ex-OB ziehen würde. Ruhestand? Bei einem so politischen und neugierigen Kopf wie Salomon ausgeschlossen. Ein Jahr nach der Niederlage sah man klarer: Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein wählte ihn zum Hauptgeschäftsführer. Dem Vernehmen nach ist der Job gut dotiert, vor allem aber: Dieter Salomon hat eine Aufgabe.

Nützliches Netzwerk

Im Gespräch mit dieser Zeitung gibt er sich gelassen. „Die Fragestellungen kenne ich gut aus meiner Zeit als Oberbürgermeister,“ sagt er. In 16 Jahren im schönen Rathaus aus rotem Buntsandstein war er ein gefragter Gesprächspartner. Firmenchefs, Stadträte, Architekten, der Erzbischof – alle waren mit ihm im Gespräch. Er ist einer, der viele Fäden knüpfte (und auch manchen fallen ließ). „Mein Netzwerk nützt mir jetzt,“ sagt er am Telefon. „26 Jahre lang war ich Berufspolitiker, jetzt reicht es.“

Freilich, die Kompetenzen eines OB in einer der schönsten Städte verfügt er nicht mehr. Die IHKs, nicht nur jene am südlichen Oberrhein mit den Kreisen Breisgau-Hochschwarzwald (FR), Emmendingen (EM) sowie Ortenau (OG) haben ein Problem: Viele der mehr als 60.000 Mitglieder sehen nicht mehr ein, dass sie in der IHK sein müssen. Die Pflichtmitgliedschaft in der Kammer betrachten immer mehr Unternehmer als kostenpflichtige Last – und nicht als Nutzen.

Als Chef der IHK (neben dem ehrenamtlichen Präsidenten) muss Salomon seine Mitglieder davon überzeugen, weiterhin in der IHK zu bleiben. 130 Mitarbeiter helfen ihm dabei, Dienstsitz ist Freiburg. Er sieht sich als Dienstleister, sagt er im Gespräch. Das Freiburger Stadtmagazin „Chilli“ bezeichnete ihn deshalb flott als „Kammerdiener“.

Grüne Kaderschmide

So kam er vom neugotischen Rathaus in den Drahtverhau der IHK, der sich zwischen Lobbyarbeit und Unternehmersorgen auftut. Dieter Salomon hat damit kein Problem. Er verweist auf erworbene Kompetenz und die Tatsache, dass er auch Finanzwissenschaften studiert habe – natürlich in Freiburg als seiner Herzens- und Schmerzensstadt.

Schon immer ein Realo

Schon im Landtag galt er als Realo. Er zählte also zu den Grünen, die weniger an steilen Thesen hingen als nach der Machbarkeit zu fragen. Der Hang zum Pragmatischen und Praktischen ist bei den Grünen im Land seit jeher stark ausgeprägt. Die Arbeit im Landtag hat ihn bekannt gemacht. Seine Mitstreiter hießen zum Beispiel Fritz Kuhn, der dann in den Bundestag wechselte. Oder Boris Palmer, der später ebenso in die Kommunalpolitik wechselte und OB in Tübingen wurde. 2000 rückte Salomon an die Spitze der Grünen-Fraktion auf. Sein Nachfolger hieß übrigens Winfried Kretschmann. Der Landtag als grüne Kaderschmiede.

Wehmut? „Überhaupt nicht,“ winkt er ab. Dann drängt er. Der nächste Anrufer hängt schon in der Leitung.