Das Urteil ist gefallen. Dennoch ist der Staufener Missbrauchsfall damit nicht abgeschlossen. Die Ermittler folgen weiteren Spuren, die Christian L. im Darknet hinterlassen hat.

So entstand der Kontakt zwischen Christian L. und dem zum Spanier Javier G.-D., der sich allein 15 Mal an dem Sohn von Berrin T. vergangen hatte, über "Payment4".

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Die wahre Identität des Mannes ist noch nicht bekannt. Der Pädophile, der im vorborgenen Teil des Netzes Videos seiner vergewaltigen Töchter verkaufte, wird nach wie vor gesucht.

Pädophile Szene tauschte sich über Prozess aus

Eine Seite, die die Ermittler im Zuge ihrer Arbeit geschlossen haben, schoss anderswo im Darknet wieder hoch, wie Staatsanwältin Nikola Novak im Verlauf des Prozesses mitteilte – auch, dass die pädophile Szene sich über den Prozess austauscht, genau verfolgt, was geschieht – womöglich Vorsichtsmaßnahmen trifft gegen infiltrierende Beamte, die sich als Interessenten ausgeben.

So wird nun diskutiert, ob Ermittler künftig mit computeranimierten Fotografien von Kindern in die Netze einsteigen können: Denn meist fordern die User ein Zeugnis der Glaubwürdigkeit, einen sogenannten "Fake Check". Im Fall des heute zehnjährigen Jungen aus Staufen bedeutete dies, dass Christian L. Nacktfotos des Kindes mit einem Schild um dessen Hals für den jeweiligen Empfänger übermittelte. Spätestens dann wäre ein verdeckter Ermittler aufgeflogen.

Mangelndes Zusammenspiel der Behörden 

Das Bundeskriminalamt beklagt zudem viel fundamentalere Probleme: So gehen zwar viele Hinweise auf Kindesmissbrauch ein, doch wegen der nicht umgesetzten Vorratsdatenspeicherung, die nicht mit geltendem EU-Recht vereinbar ist, laufen viele Spuren ins Leere, heißt es dort.

Denn oftmals ist die IP-Adresse, unter der jeder Computer im Netz regisitriert wird, der einzige Anhaltspunkt, um Verdächtige aufzuspüren. Demnach hätten die Fahnder allein im vergangenen Jahr 8000 Hinweise nicht weiter verfolgen können.

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Im Staufener Missbrauchsfall spielt allerdings vor allem das mangelnde Zusammenspiel der Behörden eine zentrale Rolle. Zunächst war der zuständige Mitarbeiter des Jugendamts Warnungen der Schule des Jungen nicht nachgegangen, weil er diese für zu "vage" hielt.

Als die Kripo, die Christian L. nach seiner Freilassung im Auge behielt, mitbekam, dass dieser bei Berrin T. ein- und ausging, holte das Jugendamt den Jungen schließlich doch, bis er wieder zu seiner Mutter zurückgeschickt wurde.

"Der Staat muss auch Behördenmitarbeiter besser ausbilden, damit künftig sichergestellt ist, dass unschuldige Kinder perversen Kriminellen nicht ausgeliefert sind – schon gar nicht über einen längeren Zeitraum", sagte die Bundesgeschäftsführerin der Opferhilfsorganisation Weißer Ring, Bianca Biwer

Verantwortung der Behörden

Staatsanwältin Nikola Novak forderte, dass besonders die Arbeitsweise von Familiengerichten zu überdenken sei: So müsse das Kind im Zentrum stehen. Die zuständige Richterin hatte nach der Inobhutnahme lediglich Berrin T. befragt, nicht aber den Jungen, der zu diesem Zeitpunkt bereits pädophilen Männern verkauft und von seiner eigenen Mutter und ihrem Partner missbraucht worden war.

Dem Gericht war bekannt, dass sie mit dem einschlägig vorbestraften Christian L. in engem Verhältnis stand. Dieser hatte nach seiner Vorverurteilung die Auflage bekommen, keinen Kontakt mehr zu Kindern zu haben. Die Richterin hatte jedoch davon abgesehen, das Urteil von L. anzufordern.

Trotzdem wurde das Kind zurück zu seiner Mutter geschickt. Seit mehreren Wochen befasst sich eine gemeinsame Arbeitsgruppe des Oberlandesgerichts Karlsruhe, des Amtsgerichts Freiburg sowie des Landratsamts Breisgau-Hochschwarzwald mit den Versäumnissen der Gerichte und Behörden – sie will bis September einen Bericht vorlegen, wie die beim Kinderschutz beteiligten Stellen künftig besser zusammenarbeiten können.

Kretschmann kündigt Konsequenzen an

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zeigte sich am Tag nach dem Urteilsspruch entsetzt. „Diese schreckliche Taten sind unfassbar und für jeden normal denkenden Menschen unvorstellbar, mir geht das auch persönlich tief unter die Haut“, sagte Kretschmann unserer Zeitung.

Nun müsse genau geschaut werden, „ob und welche Fehler in diesem konkreten Fall gemacht wurden. Und wir müssen zweitens unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Jugendämter, der Gerichte, der Staatsanwaltschaft und der Polizei prüfen, ob und welche weiteren Verbesserungen wir beim Kinder- und Jugendschutz vornehmen können“, kündigte Kretschmann an.

Der Missbrauchsbeauftragte des Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, setzte die grün-schwarze Landesregierung zuvor unter Druck und fordert eine „umfassende Aufarbeitung der gerichtlichen und behördlichen Versäumnisse“. Eine interministerielle Arbeitsgruppe des Sozial-, Innen- und Justizministeriums setzt sich bereits damit auseinander. Die im April eingesetzte Kommission solle „Verfahrensstrukturen und die Behördenzusammenarbeit durchleuchten".