Die Ohrfeige seiner einstigen Berufskollegen für Verkehrsminister Winfried Hermann ließ nicht lange auf sich warten. Kaum hatte Hermann öffentlich angeregt, den Unterrichtsbeginn an Schulen nach hinten zu verlegen, um den Verkehr in der morgendlichen Rushhour zu entzerren, folgte der lautstarke Protest. „Wir empfehlen Herrn Hermann dringend, sich um sein eigenes Ressort zu kümmern und das Kultusressort den Profis zu überlassen“, schimpfte etwa Gerhard Brand, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), der sich als Interessenvertretung der Lehrer versteht.

Lehrerverband fürchtet Nachmittagsunterricht

„Die Schulleiter vor Ort entscheiden über den Unterrichtsbeginn und nicht der Verkehrsminister.“ Eine Flexibilisierung am Morgen führe zu einer Ausdehnung des Nachmittagsunterrichts. „Diese Einführung der Ganztagsschule durch die Hintertür lehnt der VBE ab“, so Brand.

Gestaffelter Start entlastet Verkehr

Dabei zielte der Verkehrsminister, immerhin selbst gelernter Sportlehrer, mit seinem Vorstoß weniger auf den freien Lehrernachmittag als auf seinen ureigenen Zuständigkeitsbereich – die bessere Steuerung der Verkehrsströme. Weil speziell zur morgendlichen Rushhour die Straßen verstopft sind und Busse und Bahnen an ihre Kapazitätsgrenzen kommen, verspricht sich Hermann vom späteren und vor allem gestaffelten Unterrichtsbeginn an den Schulen eine erhebliche Verkehrsentlastung. „Es gibt gute Gründe, dass der Schulbeginn flexibel gestaltet und zwischen 7:30 und 9:30 gelegt wird“, erläutert Hermann (Grüne) gestern gegenüber unserer Zeitung.

Abgesehen davon, dass Forschungsergebnisse Schülern in der ersten Stunde kaum Aufnahmefähigkeit attestierten und ab 9 Uhr die Aufnahmefähigkeit deutlich steige, sei das auch aus verkehrspolitischer Sicht sinnvoll. „Immer, wenn Ferien sind oder schulfreie Tage, kann man beobachten, dass der Verkehr entspannter läuft“, sagt Hermann.

Schulanfang passt nicht zu Arbeitszeiten der Eltern

„Längst passen die Schulanfangszeiten nicht mehr zu den Arbeitszeiten der Eltern. Diese haben meistens einen späteren und flexibleren Arbeitsanfang als die Zeit, zu der die Kinder in die Schule müssen.“ Außerdem, so Hermann, müssten ja nicht alle Schulen schon um Viertel vor acht oder erst um halb zehn anfangen. Schulorganisationsfragen sind für ihn jedenfalls „kein durchschlagendes Argument gegen neue Flexibilität“. „Ich hoffe, dass endlich mal eine Stadt oder eine Schule den Versuch mit neuen Anfangszeiten macht – und ein Verkehrsunternehmen die Schülerkarten dafür vergünstigt“, sagt Hermann.

CDU-Kultusministerin unterstützt grünen Kabinettskollegen

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), vom Verkehrsminister vorab über den Übergriff in ihr Ressort informiert, unterstützt die verkehrpolitischen Absichten des Kabinettskollegen und steht auch einem gestaffelten Schulbeginn offen gegenüber. „Eine Entzerrung des morgendlichen Verkehrs halte ich für sinnvoll“, sagt sie, zielt dabei aber vor allem auf die Bekämpfung der so genannten Elterntaxis. „Wir müssen alle noch mehr Überzeugungsarbeit dafür leisten, dass Eltern ihre Kinder nicht mit dem Auto zur Schule bringen“, sagt sie.

Jede Schule kann selbst entscheiden

Was den Unterrichtsbeginn betrifft, werde dieser ohnehin nicht vom Land vorgegeben, sondern von jeder Schule selbst festgelegt. „Wenn die Beteiligten vor Ort eine Staffelung des Schulbeginns für sinnvoll halten und das organisatorisch umsetzbar ist, dann ist das meines Erachtens die beste Lösung“, sagt Eisenmann.