Viele Autobesitzer nicht nur in der Region Stuttgart dürften jetzt Kassensturz gemacht haben in der Gewissheit, dass sie von Januar an nicht mehr mit ihrem Euro-4-Diesel oder älteren Modellen nach Stuttgart fahren dürfen. Und dass bald auch andere Städte mit hoher Luftschadstoffbelastung nachziehen könnten. Denn viele Kommunen signalisieren, dass ohne die Aussperrung der alten Diesel die Grenzwerte nicht einzuhalten sind.

Einfach mal so ein neues Auto kaufen?

Die Rechnung geht so: Wie alt ist mein Diesel? Welche Euronorm erfüllt er? Was ist er noch wert? Wo kann ich den überhaupt noch verkaufen? Was würde mich ein Ersatz des Fahrzeugs kosten? Und: Kann ich mir das leisten? Gut: Bei diesen im Schnitt mindestens zehn Jahre alten Autos hat mancher vielleicht schon mal über ein Nachfolgemodell nachgedacht. Anders dürfte das bei denjenigen sein, die noch vor drei Jahren einen vermeintlich sauberen Euro-5-Diesel gekauft haben, etwa einen VW-Bus oder einen VW Touran. Im Vertrauen darauf, dass die Abgas- und Verbrauchswerte, die auf dem Papier stehen, auch stimmen. Und dass bei einem vom Kraftfahrtbundesamt musterzugelassenen Fahrzeug hinten nicht mehr Schadstoffe herauskommen, als vom Hersteller angegeben.

Verbraucher vorsätzlich getäuscht

Aber es wurde vorsätzlich mit falschen Angaben hantiert, über Jahre hinweg wurden die Verbraucher getäuscht. Bei diesen neueren Fahrzeugen stünde bei einem Fahrverbot, das keinesfalls ausgeschlossen ist, unter dem Strich möglicherweise ein Schaden im fünfstelligen Eurobereich. Und weil die Autobauer so tun, als ginge sie das alles nichts an und die Politik sich als mindestens handlungsunwillig, wenn nicht sogar -unfähig erweist, müsste die Frage nach der Haftbarkeit vor Gericht gestellt werden – und zwar zehntausendfach.

Wer Gesetze unterläuft, wird belohnt

Erst recht, nachdem gestern die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) den Bericht über die Gehälter der Chefs der Dax-Konzerne im vergangenen Jahr vorgelegt hat. Im Schnitt sind diese um 4,5 Prozent gestiegen. Die Plätze zwei bis vier der Spitzenverdiener nehmen die Chefs von Autokonzernen ein. Und auf Platz zwei, noch vor den Chefs von BMW und Daimler: Ex-VW-Boss Matthias Müller, der im Jahr 2017, mitten im Abgasskandal, mit 10,4 Millionen Euro Salär erstmals die Zehn-Millionen-Euro-Marke knackte. Es geht hier nicht um Neid. Sondern um die Frage, welche gesellschaftliche Wirkung es hat, wenn sich solch völlig entfesseltes Management-Gebaren auch noch auszahlt: Gesetze wissentlich zu unterlaufen und dafür nicht nur nicht bestraft, sondern auch noch belohnt zu werden.

VW zahlt für Betrug in den USA Milliarden – hier nichts

Zur Erinnerung: VW ist der Konzern, an dem der Diesel-Abgasskandal im Jahr 2015 seinen Ausgang nahm. Der Konzern, der Manipulationen im großen Stil zugab und in den USA hochgerechnet bislang 25 Milliarden Euro an Rechtskosten für Strafen und Entschädigungen hinblättern konnte. VW ist der Konzern, der 2017 dennoch einen Rekordgewinn von 11,4 Milliarden Euro gemacht und von dem Geld nicht etwa Nachrüstungs-Lösungen entwickelt, sondern die Dividende für seine Aktionäre nahezu verdoppelt hat. VW ist einer der deutschen Autokonzerne, die den Wertverlust der deutschen Autobesitzer zu deren Privatsache erklären und Hardware-Nachrüstungen kategorisch ablehnen. Und die denjenigen, die zuhause ratlos auf ihren Dieselautos sitzen, empfehlen, sich doch einfach ein neues Auto zu kaufen. Am besten einen der neuen Euro-6d-Diesel. Das ist Zynismus, der seinesgleichen sucht.

Arbeitsplatz-Keule lähmt die Politik

Und die Politik? Die Arbeitsplatz-Keule macht sie handlungsunfähig, speziell in einem Autoland wie Baden-Württemberg. Den moralischen Kompass, den der grüne Regierungschef zu Beginn seiner Regierungszeit 2011 immer so gerne als Richtschnur politischen Handelns ausgegeben hat – den hat Winfried Kretschmann schon lange nicht mehr erwähnt. Das wäre den geprellten Autobesitzern jetzt auch wirklich schwer zu erklären.

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