Sie sind eine heimliche Macht in der Politik. Sie treten selbstbewusst auf, sind überwiegend männlich und das, was man gut vernetzt nennt. Erst das Netzwerk sichert ihnen Einfluss und Gehörtwerden, und um nichts anderes geht es am Ende in der Politik. Die Rede ist von den Ortsvorstehern in Baden-Württemberg. Ohne den oder die OV, wie das Amt abgekürzt wird, würden die Dörfer nicht so funktionieren, wie sie es tun.

Michael Jerg ist Ortsvorsteher in Mundelfingen (im Hintergrund). "Ich kandidiere wieder", sagt der gelernte Werkzeugmacher und Musiklehrer.
Michael Jerg ist Ortsvorsteher in Mundelfingen (im Hintergrund). "Ich kandidiere wieder", sagt der gelernte Werkzeugmacher und Musiklehrer. | Bild: Fricker, Ulrich

Michael Jerg ist einer von ihnen, einer von 1600 Ortsvorstehern im Lande. Der 57-Jährige wacht seit gut 15 Jahren über ein Dorf auf der Südbaar, das die Einheimischen Mulefinga nennen (alemannisch), in den Karten ist es als Mundelfingen verzeichnet. Es wurde 1974 der Stadt Hüfingen zugeschlagen. Bis dahin war der 1200 Jahre alte Ort selbstständig und hatte einen richtigen Bürgermeister, der in einem riesigen, vier Stockwerk hohen Rathaus mit Baaremer Stufengiebel residierte, was bei der überschaubaren Kleinheit des Ortes bis heute überrascht.

Ein Mann, zwei Berufe

Jerg ist ein Mann im besten Alter. Stattlich, rosig, blond. Er empfängt den Reporter in seinem Haus, das er mit dem Schwiegervater zusammen gebaut hat. Wir steigen hinauf in sein Arbeitszimmer. Im Zivilberuf ist er Musiklehrer und Chef der Musikschule in Blumberg. Der Raum wird von Musikinstrumenten und hohen Zimmerpflanzen beherrscht. Alte Klarinetten, Musiknoten und ein Yamaha-Keyboard zeigen, wer hier werkelt. Daneben die Akten vom Ortschaftsrat. Michael Jerg hat zwei Berufe. Für einen wird er ordentlich bezahlt; den anderen als OV liefert er faktisch ehrenamtlich ab. Die Aufwandsentschädigung beträgt 650 Euro.

Sogar Modellgemeinde

Aufwand hat er genug. Er listet in unserem Gespräch auf, was in Mundelfingen alles in Bewegung kam in den letzten Jahren. Solardorf, Modellgemeinde, Altes Spritzenhaus saniert, Biogas eingeführt. Und vieles mehr. Der erste Eindruck: Die 690 Seelen auf diesem ruhigen Flecken auf der Südbaar haben es gut. Die Bevölkerung ist stabil mit leichtem Plus, es wuselt im Kindergarten, die Schule mit immerhin zwei Klassen hält sich – die anderen beiden Klassen werden im Nachbardorf Hausen vor Wald unterricht.

 

"Da hängt Herzblut dran": Ortsvorsteherin Sabine Hartmann-Müller, Herten.
"Da hängt Herzblut dran": Ortsvorsteherin Sabine Hartmann-Müller, Herten. | Bild: Fricker, Ulrich/privat

Ortsvorsteher ist das, was man draus macht. Das bestätigt Sabine Hartmann-Müller, die dieses Amt in Herten (Gemeinde Rheinfelden) innehat – immerhin ein Teilort mit 5000 Einwohnern. Zwei Dinge sind ungewöhnlich: Seit einigen Monaten ist die CDU-Frau zusätzlich Landtagsabgeordnete. Und: In fünf von sieben Ortsteilen von Rheinfelden regieren Frauen in den Ratshäusern. Von einer Männerdomäne wird man nicht mehr sprechen können.

Dorfschultes, weiblich

Hartmann-Müller liebt die Aufgabe. „Da hängt mein ganzes Herzblut dran“, sagt die Vollzeitpolitikerin. Seit 2012 bekleidet sie das Amt mit wachsender Freude. „Und das, obwohl wir erst seit 30 Jahren in Herten wohnen.“ Ihre Jobs in Herten und im Landtag bringt sie mit viel Planung unter einen Hut. Ein Leben zwischen der Landeshauptstadt und dem Hochrhein.

Auch bei ihr gilt: Ein Ortsvorsteher ist in der Regel seit Langem im Ort ansässig. Während der Bürgermeister vernünftigerweise von außen engagiert und gewählt wird, kommt der Dorfschultes aus dem Ort. Er kennt alle und fast alle kennen ihn. Das hat Vorteile und Nachteile. Er steht mit vielen auf vertrautem Fuß. Ein Vorteil. Doch kann ihm seine Hiesigkeit auch schaden. Sie beschneidet seine Unabhängigkeit. Der oder die OV ist in viele Familien und Vereine eingebunden. Sie sind seine Basis. Vieles wird von ihm erwartet. Er soll es allen recht machen.

Ihr halbes Leben

Zu den alten Hasen im Geschäft zählt Diana Kern-Epple. Mit 25 Jahren ließ sie sich in den Ortschaftsrat von Marbach im Brigachtal wählen, mit 35 Jahren wurde sie dessen Chefin. „Ich bin schon die Hälfte des Lebens in der Politik“, schmunzelt sie. Marbach könnte noch selbstständig sein. Mit 2136 Einwohnern muss es sich nicht verstecken. Doch gehört es seit der großen Kommunalreform zu Villingen-Schwenningen (VS) – das wiederum eine Konstruktion darstellt, die nicht alle Bürger für gelungen halten.

Da geht's lang: Diana Kern-Epple plant in Marbach mit.
Da geht's lang: Diana Kern-Epple plant in Marbach mit. | Bild: Rüdiger Fein

Inzwischen ist die 50-Jährige selbst Ortsvorsteherin. Die beiden Kinder sind groß. Und Marbach wächst, bildet eine beliebte Wohngemeinde im Umland der Doppelstadt VS, ist gut angebunden. Wie ihre Arbeit aussieht, macht sie an einem Beispiel deutlich: Es ist ihr und den Ortsräten gelungen, den Hausarzt am Ort zu halten. Für die Marbacher war es wichtig, dass die ärztliche Grundversorgung vor Ort bleibt. Das ist gelungen, „wir haben einfach verschiedene Parteien zusammengebracht,“ sagt sie diplomatisch. Das half.

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Der Tausendsassa

Die CDU ist überhaupt die Ortsvorsteher-Partei schlechthin. Sie stellt die meisten Amtsinhaber. Auch Lothar Bottlang gehört dieser Partei an. Der Mann ist ein ländlicher Tausendsassa. Er dirigiert die Musikkameradschaft im Dorf und ist begnadeter Bühnenfasnachter (als Bue vom Land in der TV-Fasnacht im Konstanzer Konzil) – wenn er nicht seinem Zivilberuf als Personalchef eines Radolfzeller Unternehmens nachgeht.

Ein Tausendsassa: Lothar Bottlang (links) dirigiert in Langenrain.
Ein Tausendsassa: Lothar Bottlang (links) dirigiert in Langenrain. | Bild: Nikolaj Schutzbach

Bottlang stammt aus Langenrain (Kreis Konstanz) und seine Vorfahren auch. Wie die meisten Ortsvorsteher ist er fest verwurzelt, kennt jeden Traktor, jede Scheune. Mit 30 Jahren rückte er in den Ortschaftsrat ein, in der letzten Periode rollte dann dessen Vorsitz ohne Entrinnen auf ihn zu. Im Mai kandidiert er wieder. Mit Herzensblut – wie seine oben zitierten Kollegen auch.

Bindeglied

Der 50-Jährige hat einen nüchternen Blick auf diese Aufgabe und ihre Grenzen. Er sieht sich als "Bindeglied zwischen dem Kernort Allensbach und dem Dorf". Hört sich gut an, aber was heißt das? Bottlang vertritt die Interessen seiner 450 Mitbürger, deren Mentalität sich deutlich von Allensbach unterscheidet. "Wir haben eine eigene Identität," unterstreicht er. Dabei erreicht sein Amt schnell Grenzen: Einen Arzt wird auch er nicht an Land ziehen. Und zum Einkaufen zieht es auch die Langenrainer in die Gewerbegebiete mit Supermarkt und riesigem Parkplatz. Arbeiten tun die meisten auswärts, wie Bottlang ja auch.