„Diese Taten werden sein ganzes Leben beeinträchtigen.“ Es ist die Schlussfolgerung von Opferanwältin Katja Ravat, die im Staufener Missbrauchsfall den heute zehnjährigen Jungen und das damals dreijährige behinderte Mädchen vertritt. Beide wurden mehrfach von Christian L. und Berrin T. missbraucht, den Jungen verkauften sie pädophilen Männern über das Darknet.

Während der Prozess sich dem Ende zuneigt, hat die therapeutische Arbeit für den Sohn von Berrin T. noch gar nicht begonnen: „Er kann sich bis heute nicht über seine Mutter und was sie getan hat äußern“, betont Ravat.

Die Hauptangeklagten im Staufener Missbrauchsprozess Berrin T. (links) und Christian L. mit einer Verteidigerin im Freiburger Landgericht.
Die Hauptangeklagten im Staufener Missbrauchsprozess Berrin T. (links) und Christian L. mit einer Verteidigerin im Freiburger Landgericht. | Bild: Achim Keller

Die Anwältin beschreibt die Gräueltaten an dem kleinen Mädchen und nur einige der Vergehen an dem Sohn Berrin T.’s. Wie grausam der Bundeswehrsoldat Knut S. den Jungen missbraucht hatte, wie sich Markus K. und Jürgen W. an ihm vergangen hatten, die inzwischen verurteilt wurden. Der Prozess gegen den Spanier Javier G.-D. steht noch aus, der das Kind mindestens 15 Mal vergewaltigte.

Für das Mädchen fordert die Opferanwältin 12¦500 Euro Schmerzensgeld, für den Jungen wegen Missbrauchs in „mindestens 42 Fällen“ mindestens 30¦000 Euro Schmerzensgeld. Mindestens, weil nur jene Taten zur Anklage gebracht werden konnten, für die es Beweise gibt. Christian L. sagte aus, dass er allein sich „ein bis zwei Mal pro Woche“ an dem Jungen vergangen hatte – über zwei Jahre lang.

Martina Nägele, die Verteidigerin von Christian L., sagt, ihrem Mandanten sei es sehr wichtig, „das Geld in der Haft zu erarbeiten“, zumindest teilweise. Christian L. wolle seinen Beitrag dazu leisten: „Das ist ihm wichtig, als Teil seiner Reue.“ Dabei hat L. zumindest in seiner öffentlichen Aussage nie gesagt, dass ihm seine Taten leid tun.

Redakteurin Mirjam Moll beobachtet und berichtet für den SÜDKURIER vom Staufener Missbrauchsprozess aus dem Landgericht Freiburg.
Redakteurin Mirjam Moll beobachtet und berichtet für den SÜDKURIER vom Staufener Missbrauchsprozess aus dem Landgericht Freiburg. | Bild: Achim Keller

Ürsprünglich sollte kommende Woche das Urteil fallen. Doch Richter Stefan Bürgelin entscheidet, die Verhandlung zu „entschleunigen“: „Es geht um eine extreme Stoffdichte, die verarbeitet werden muss.“ Der Prozess soll nun erst im August geschlossen werden. „Das tut den Verfahrensbeteiligten gut, wenn wir das etwas entzerren.“

In der Pause spricht Verteidigerin Nägele mit der Presse. Sie geht davon aus, dass die Staatsanwätltin Nikola Novak „maximal elf dreiviertel Jahre fordern kann“ für Christian L. Schließlich sei er „von Anfang an geständig“ gewesen und habe bei den Ermittlungen gegen die anderen Männer mitgeholfen. Das müsse sich strafmildernd auswirken. Mehr wäre ein "Grund für eine Revision.“ Novak äußert sich nicht, lächelt nur wissend.

Die Schlussplädoyers werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehalten. Und Novak überrascht: Sie fordert für Berrin T. vierzehneinhalb Jahre Haft, die nur wenig aussagte. Für Christian L. verlangt Novak weniger: Er soll für dreizehneinhalb Jahre ins Gefängnis und im Anschluss in Sicherungsverwahrung. Verteidigerin Nägele plädiert für neun Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Diese habe ihr Mandant ausdrücklich gewollt, betonte sie. Allerdings hatte der Chefermittler bei der Zeugenvernehmung ausgesagt, dass Christian L. für seine Kooperation mit der Polizei Garantien verlangte, nicht in Sicherungsverwahrung zu kommen. Das Plädoyer von Berrin T.’s Verteidiger Matthias Wagner folgt am 1. August, bevor am 7. August das Urteil fällt.