Jung sieht sie aus, jünger als ihre 18 Jahre. Die dunkelblonden, schulterlangen Haare sind glatt und seitlich gescheitelt, sie umrahmen weiche Züge und ein offenes, ungeschminktes Gesicht. Maria trägt weiße Sneaker, eine schlichte, grünweißkarierte Shirtbluse und dunkle Hosen. Ein Modelltyp ist sie nicht, mittelgroß, mittelschlank, eher das nette, unauffällige Mädchen von nebenan.

Bernhard H. sitzt im Gerichtssaal und hält einen Aktenordner mit einem Herz aus zwei Händen vor sein Gesicht. Bild: dpa
Bernhard H. sitzt im Gerichtssaal und hält einen Aktenordner mit einem Herz aus zwei Händen vor sein Gesicht. Bild: dpa | Bild: Patrick Seeger

Die einstigen Klassenkameraden der früheren Gymnasiastin Maria sitzen an diesem Mittwochvormittag in Freiburg über ihrer Englisch-Abiturprüfung. Maria sitzt im Saal IV des Freiburger Landgerichts, hinter sich ihre Mutter, eine Frau um die Vierzig mit vom Leben gezeichneten Zügen und schwarz gefärbten Haaren, neben sich eine Rechtsanwältin und eine Sozialtherapeutin.

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Genau gegenüber, fünf Meter entfernt, sitzt auf der Anklagebank Bernhard H., 58 Jahre alt. Ihm wird seit Mittwoch der Prozess gemacht. Bernhard H. aus Nordrhein-Westfalen ist der Mann, den Maria im Herbst 2012 im Alter von zwölf Jahren in einem Internetchat kennenlernte und mit dem sie am 4. Mai 2013 aus Freiburg und kurz darauf aus Deutschland verschwand.

Der Fall hielt Deutschland wochen- und monatelang in Atem, Fahndungen und Suchaufrufe liefen in allen Medien, es gab eine Aktenzeichen-XY-Sendung und über 1000 Spuren, denen die Polizei national und dann international nachging. Schnell gab es Hinweise darauf, dass Maria nicht entführt wurde, sondern freiwillig mit dem 40 Jahre älteren Mann unterwegs sein könnte. Marias Mutter, die ihr Geld als Putzfrau verdient, ließ nichts unversucht, um Hinweise auf ihre Tochter zu bekommen. Vergebens. Zwar gab es immer wieder angebliche Spuren von dem Mann und dem Mädchen. Doch ein Lebenszeichen gab es nie.

Maria (rechts) läuft am Angeklagten vorbei und betritt den Gerichtssaal im Landgericht. Der Angeklagte versteckt sich. Bild: dpa
Maria (rechts) läuft am Angeklagten vorbei und betritt den Gerichtssaal im Landgericht. Der Angeklagte versteckt sich. Bild: dpa | Bild: Bäuerle, David

Bis zum August 2018, als sich Maria kurz nach ihrem 18. Geburtstag überraschend aus Mailand bei Bekannten ihres Vaters meldet und sich abholen lässt. Sie will nach Hause. Sie habe Bernhard H. in einem unbeobachteten Moment verlassen. Einem TV-Sender sagt sie später, sie habe zuvor heimlich im Internet ihren Namen gegoogelt und dabei überhaupt erst festgestellt, dass sie noch immer gesucht und von ihrer Mutter vermisst werde. Kurz danach wird Bernhard H. Anfang September 2018 in Sizilien festgenommen, später nach Deutschland ausgeliefert. Er sitzt in Untersuchungshaft, Maria und er haben sich seitdem nicht mehr gesehen.

Viele Fragen offen

Maria und ihre Mutter haben sich vorab in Exklusiv-Interviews geäußert. Dennoch blieben viele Fragen offen, über die der Prozess Klarheit bringen soll. Ging Maria freiwillig? Blieb sie freiwillig bei Bernhard H.? Warum kam sie so spät zurück? Bernhard H. ist angeklagt wegen Entziehung Minderjähriger, Missbrauchs und schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen in einer Vielzahl von Fällen. Im droht eine mehrjährige Haftstrafe. Auch, wenn Maria freiwillig bei ihm war, ist Kindesentzug ohne Einwilligung der Eltern eine Straftat. Dazu kommt der vorgeworfene sexuelle Missbrauch.

Zwei Jahre nach Marias Verschwinden zeigt die Mutter Monika Beisler ein Fahndungsplakat. Bild: dpa
Zwei Jahre nach Marias Verschwinden zeigt die Mutter Monika Beisler ein Fahndungsplakat. Bild: dpa | Bild: Patrick Seeger

Im Gerichtssaal bekommen Fotografen und TV-Teams nur eine Gestalt in viel zu großen Hosen vor die Linse, einen Kapuzenpulli tief ins Gesicht gezogen, die sich mit den gefesselten Händen einen Aktendeckel vors Gesicht hält. Darauf klebt ein Foto: zwei Hände, die vor einem farbenprächtigen Sonnenauf- oder untergang am Horizont ein Herz formen. Bernhard H.‘s Botschaft an die Welt.

Als sich der Aktendeckel senkt, sitzt da ein älterer Mann mit scharfem Profil, grauem Stoppelhaarkranz und Kinnbart. Er ist nervös, sein Blick fliegt zu Maria. Bernhard H.s Gesichtszüge zucken, er bricht in Tränen aus. Die 18-Jährige schaut zur Seite, plaudert mit ihren Begleiterinnen, wirkt fast entspannt. Sie wolle Bernhard H. nicht als schwaches, wehrloses Opfer gegenübertreten, hatte sie zuvor im Interview gesagt.

Schutz der Persönlichkeit

Gleich zu Beginn beantragt Stephan Althaus, Pflichtverteidiger von Bernhard H., den Ausschluss der Öffentlichkeit von der Verhandlung und sogar von der Verlesung der Anklageschrift. Grund ist, dass für Bernhard H. auch die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung gegeben sein könnten, was dem Angeklagten ein besonderes Persönlichkeitsschutzrecht einräumen würde. Eine entsprechende Beurteilung enthält wohl auch das vorliegende psychiatrische Gutachten. In solchen Fällen ist der Ausschluss der Öffentlichkeit zumindest teilweise nicht unüblich.

Freiburg ist zum Schwerpunkt der Polizeiarbeit geworden. Hier halten Polizisten Autos an, um die Fahrer zu kontrollieren. Bild: dpa
Freiburg ist zum Schwerpunkt der Polizeiarbeit geworden. Hier halten Polizisten Autos an, um die Fahrer zu kontrollieren. Bild: dpa | Bild: Patrick Seeger

Die Anklageschrift dagegen bleibt öffentlich. Staatsanwältin Nikola Novak zeichnet in ihrer Anklageschrift das Bild eines pubertierenden Mädchens, das Stress mit der Mutter hat und dem sich über den Chat mit „Karlchen“, wie sich Bernhard H. nennt, eine Möglichkeit bietet, dem zunächst virtuell zu entkommen. Zwölf Jahre ist Maria damals alt. Bernhard H. ist nicht einschlägig vorbestraft oder auffällig, seine damalige Frau erwischt ihn zwar beim Chat und zeigt ihn an, was außer einer Gefährderansprache durch die Polizei aber keine weiteren Folgen hat. Weil die Frau auch Marias Mutter kontaktiert und die ihrer Tochter das Handy entzieht, wächst der Stress für Maria zuhause noch.

Der Angeklagte, der sich wohl zunächst als Teenager ausgibt, und Maria haben aber weiter Kontakt mit zunehmend sexuellem Charakter – Nacktbilder und einschlägige Nachrichten werden per Internet und WhatsApp hin- und hergeschickt. Bernhard H. phantasiert über Liebe und Familiengründung, schmiedet Fluchtpläne mit der Schülerin. Spätestens im Frühjahr 2013 soll es in Freiburg auch zu mehreren Treffen und echten sexuellen Kontakten gekommen sein. Bei einem fürchtet Maria, schwanger geworden zu sein – der Auslöser für die Flucht mit Bernhard H. Anfang Mai, laut Anklage auch aus Angst vor der Reaktion der Mutter.

Erst Polen, dann Italien

Die Flucht führt zunächst mit Bernhard H.‘s Auto nach Polen, später mit Fahrrädern und Zelt durch halb Südosteuropa über Italien schließlich bis nach Sizilien. Mindestens zwei Jahre leben die beiden dort nach außen hin als Vater und Tochter und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Nach Marias 15. Geburtstag soll es keine sexuellen Kontakte mehr gegeben haben. „Der Angeklagte hat dies dennoch als Lebensgemeinschaft gesehen, die Beziehung dominiert und den Kontakt von Maria zu ihrer Familie, Freunden und Gleichaltrigen verhindert“, heißt es in der Anklage. Auch das Medikament für ihre Schilddrüsenerkrankung habe er ihr versagt.

Bernhard H., hat bisher geschwiegen, im Prozess will er sich äußern. Den Antworten des 58-Jährigen auf die geduldige Befragung des Richters ist schwer zu folgen. Bernhard H. knetet seine Hände, hat es schwer, sein Leben chronologisch wiederzugeben, verzettelt sich in Details, kann Lebensstationen kaum sortieren. Seine Angaben zeichnen das Bild eines aus schwierigsten familiären Verhältnissen stammenden Jungen, der eine von Gewalt und Schicksalsschlägen geprägte Jugend verbringt und den Vater nur einmal sieht, bevor dieser sich erhängt.

Betriebsrat und Politik

Trotz vieler Widrigkeiten, den erzwungenen Abbruch einer Lehre durch einem Unfall und nach Jahren mit Gelegenheitsjobs und Arbeitslosigkeit, während der er sogar einmal ein halbes Jahr im Zelt im Wald lebt, findet Bernhard H. doch noch in ein halbwegs geregeltes Leben. Er schafft sich hoch, ist Betriebsrat. Privat führt er Beziehungen mit gleichaltrigen Frauen, engagiert sich politisch und rückt bei den Republikanern in Nordrhein-Westfalen in den Landesvorstand auf, bevor er der Politik den Rücken kehrt. Eine Ehe, aus der eine Tochter hervorgeht, erweist sich als Sackgasse, „Ich hab‘ funktioniert und gearbeitet, wir haben uns schnell auseinandergelebt“, sagt Bernhard H. Zur eigenen Tochter und den Stiefkindern hat er im eigenen Haus kaum Kontakt. Das Internet habe ihm die Möglichkeit eröffnet, sich zurückzuziehen, sagt Bernhard H.

Hier bricht der Richter für die Öffentlichkeit ab. Aber wie er sich seine Zukunft vorstelle, fragt der Richter den Angeklagten noch. Nach Italien wolle er vielleicht, so Bernhard H,., er habe Kontakt zu einem Kloster, in der Haft habe er zum katholischen Glauben gefunden. „Ich kann in Deutschland wohl nicht mehr leben, die sozialen Medien sind voll mit Berichten über mich“, sagt der Angeklagte. „Und ich weiß ja auch nicht, wie es weitergeht mit Maria und mir.“ Der 58-Jährige schaut zu der 18-Jährigen hinüber. „Meine Arme werden immer offen sein für sie.“ Ein leises Aufstöhnen geht bei diesem Satz durch die Zuhörerreihen. Marias Miene bleibt unbewegt. Am Montag wird sie bei der nächsten Verhandlung aussagen.