Bumm, bumm, bumm. Erst hört man die Trommeln. Harte, rhythmische, mahnende Schläge. Dann die Trillerpfeifen. Und dann den anschwellenden Ruf: o-ben-blei-ben-o-ben-blei-ben. Mal sind es gerade mal zwei Dutzend Stimmen, mal ein paar Hundert. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei, Trommeln, Trillerpfeifen und Rufer sind vorbeigezogen. So geht das in Stuttgart zwischen Marktplatz, Schlossplatz und Hauptbahnhof jeden Montagabend. Ausgenommen Feiertage. Sommers wie winters, im strömenden Regen oder bei brütender Hitze. Seit mehr als acht Jahren, seit dem 26. Oktober 2009.

Einzelne Demonstrationen gegen das Mega-Bauvorhaben Stuttgart 21 gab es in Stuttgart, als die Finanzierungsvereinbarung noch gar nicht unterschrieben war. Aber am 26. Oktober 2009 machten sich vier Stuttgarter Bürger erstmals an einem Montagabend auf, um in der Innenstadt ihren Protest gegen das geplante Großprojekt Stuttgart 21 öffentlich kundzutun.

Mehr zufällig fand sich das Grüppchen am Bahnhof. Sie kamen wieder, und sie wurden immer mehr. Sie bildeten den Keim eines einmaligen Protests, der die Stadt bis heute spaltet. Sie wurden schnell Hunderte, dann Tausende und Zehntausende. Nach dem „Schwarzen Donnerstag“, der gewaltsamen Räumung des Stuttgarter Schlossgartens am 30. September 2010, waren sie kurzzeitig auch mal Hunderttausende. Das ist lange her. Inzwischen ist die Innenstadt unter den Tunnel- und Bahnhofsbaustellen aufgeplatzt.

„Nicht umkehrbar“, ist die Formel, auf die sich inzwischen auch die Grünen als einstige Gegner des Großprojekts zurückgezogen haben. Aber die Demonstranten gibt es immer noch. Sie halten unverdrossen durch, obwohl die Bauarbeiten über ihren Protest hinweggehen. An diesem Montag treffen sie sich zur 400. Montagsdemonstration gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21.

Der durchgestrichene Schriftzug steht während der wöchentlichen Montagsdemonstration vor dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf einer Flagge, die einem Ortsschild nachempfundenen ist.
Der durchgestrichene Schriftzug steht während der wöchentlichen Montagsdemonstration vor dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf einer Flagge, die einem Ortsschild nachempfundenen ist. | Bild: Franziska Kraufmann (dpa)

Matthias von Herrmann kann sich noch genau an sein erstes Mal erinnern. Es war Ende November 2009. „Ich lief durch den Bahnhof und habe auf dem Boden einen mit Kreide gemalten Pfeil und das Wort Montagsdemo gesehen. Ich wollte nur mal schauen, was das für Leute sind.“ Herrmann, damals 36 Jahre alt, über Greenpeace-Aktionen politisiert und beruflich mit Pressearbeit befasst, ging dem Pfeil nach und landete bei der damals fünften Montagsdemo. Die hatte rund drei Dutzend Teilnehmer. Sie trugen selbstgebastelte Protest­insignien und stellten am Nordbahnhof ein paar Kerzen auf den Boden, als Mahnmal gegen den Abriss des Nordflügels und das ganze Projekt. Das Logo „Oben bleiben“ gab es damals noch nicht und auch nicht das Erkennungszeichen, das gelbe Stuttgart-21-Schild mit dem roten Diagonalbalken.

Diese Mini-Demonstration war auch Hermanns Geburtsstunde als Aktivist bei den Stuttgart-21-Gegnern. Kurz darauf trat er der Protestgruppe „Parkschützer“ bei, als 192. Mitglied. Heute sind es rund 30 000 Mitglieder, und Herrmann ist Sprecher der „Parkschützer“, einer der aktivsten Gruppierungen innerhalb des breit aufgestellten Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 und Mitorganisator der Montagsdemos.

Einige aus diesen ersten Tagen, sagt Hermann, seien immer noch dabei. Viele sind abgesprungen, meist damals junge Leute, die inzwischen Familie und kleine Kinder haben. Dafür sind neue hinzugekommen, das Durchschnittsalter hat sich leicht nach oben bewegt, aber noch immer kommen die Teilnehmer querbeet aus allen sozialen Schichten der Stadt. „Von Perlenkettenträgerin aus der Halbhöhenlage über den Ingenieur bei Bosch bis zum linken Sozialarbeiter ist da alles dabei“, sagt der Parkschützer. Was sich aber vor allem verändert hat, sind Organisation und Logistik der Demonstranten.

Zum runden Jubiläum gibt es an diesem Montag etwa statt eines Demozugs durch die Stadt auf einer Bühne direkt vor dem Hauptbahnhof ein großes Kundgebungsprogramm, mit Vortrag durch den Buchautor und Verkehrsexperten Winfried Wolf, mit Kabarett und Musikprogramm. „Projekt entgleist – Umstieg jetzt“ heißt das Motto, auf etwa 5000 Teilnehmern hoffen die Veranstalter.

Demo "7 Jahre Schwarzer Donnerstag“ Ende September 2017. <em>Bild: dpa</em>
Demo "7 Jahre Schwarzer Donnerstag“ Ende September 2017. Bild: dpa

Anfangs standen die Redner bei den Montagsdemos noch auf einem Brett zwischen zwei Kisten. Offene Rednerlisten gab es nicht, sondern stets Vorträge zu einem Sachthema. „Viele Bürger sind auch deshalb montags immer wieder gekommen, weil sie hier Details erfahren haben und die Beiträge inhaltlich interessant fanden“, sagt Matthias von Herrmann.

Von Anfang an war der Widerstand auch ein Bündnis des großen Sachverstands. Die Architektengruppe etwa entwickelt beständig zum realen Baufortschritt Alternativszenarien; Physiker, Mathematiker, Geologen und Ingenieure setzen sich mit den Bauplänen und Kostenkalkulationen auseinander, Juristen mit den Verträgen – und montags geben sie ihr Wissen weiter. Auch deshalb könnten, so meint Herrmann, heute viele Stuttgarter Bürger über Anhydrit, Gipskeuper und Mineralwasserquellen kompetent mitreden.

Doch während in den Anfangsjahren die ersten Montagsdemonstranten ihre Protestutensilien selbst zusammenbastelten und überlegten, wo sie jede Woche aufs Neue 200 Euro für ein großes Frontbanner auftreiben könnten, sind die Stuttgart-21-Gegner mittlerweile finanziell solide aufgestellt wie ein Mittelständler. Über etwa 250 000 Euro jährlich verfügt der Trägerverein der Montagsdemos, „Umkehrbar e.V.“. „Alles Spenden, die meisten davon Kleinspenden im Fünf-Euro-Bereich“, sagt Herrmann. Die Kosten für Transparente sind kein Thema mehr, Montag für Montag wird Technik im Wert von 2000 Euro eingesetzt, Flyer und Info-Broschüren werden gedruckt.

Der Stuttgart-21-Fernverkehrshalt auf den Fildern bleibt umstritten: im Bild die Tasche einer Gegnerin des Bahnprojektes.
Der Stuttgart-21-Fernverkehrshalt auf den Fildern bleibt umstritten: im Bild die Tasche einer Gegnerin des Bahnprojektes. | Bild: dpa

Die Tatsache, dass immer noch so viel gespendet wird, werten die S-21-Gegner als Beweis für den Rückhalt in der Stadtgesellschaft – auch, wenn an normalen Montagen die Zahl der Demonstranten überschaubar ist und nur selten über 500 reicht. Dennoch: „Dass wir 2015 vom Ausstiegskonzept umgeschwenkt sind auf das Umstiegskonzept, war bei vielen Balsam auf die Seele und hat Ohnmachtsgefühle verdrängt“, berichtet von Herrmann. „Und was sich bei den Demonstranten nicht verändert hat, ist die Entschlossenheit, gegen ein falsches Projekt vorzugehen.“

Von emotionaler Genugtuung, weil ein vorhergesagtes Problem nach dem anderen eintritt, will der Parkschützer nichts wissen. „Stuttgart-21-Gegner sind Realisten“, sagt Herrmann. Ob die Montagsdemos dann enden, wenn der neue Tiefbahnhof in Betrieb geht? „Wir glauben nicht, dass das jemals passiert“, sagt Herrmann.

Stuttgart 21

Die Bauarbeiten gehen ins neunte Jahr. Zwei Drittel der Tunnelbauwerke sind fertiggestellt, die ersten Säulen des neuen Tiefbahnhofs sind betoniert. Die Arbeiten dauern wohl mindestens bis 2023 und werden mit mindestens sieben Milliarden Euro teurer als ursprünglich geplant. (mic)