Das landespolitische Stuttgart ist quasi verwaist. Nur einige Minister touren derzeit noch mit ihren Spezialthemen quer durchs Land, danach liegt die Landespolitik bis Ende August weitgehend brach. Auch Regierungschef Winfried Kretschmann weilt – mit kurzen dienstlichen Unterbrechungen – bis Anfang September außer Landes.

Schottland, Polen, Griechenland

Der gerade beendeten Urlaubswoche mit Ehefrau Gerlinde bei der in Schottland verheirateten Tochter folgt eine Reise Kretschmanns nach Polen in die Heimat seiner Eltern, die als Flüchtlinge aus dem einst ostpreußischen Ermland kamen. Die Reise ist ein Geschenk Kretschmanns an seinen Bruder zu dessen 80.Geburtstag. Nach zwei Diensttagen geht es für Winfried und Gerlinde Kretschmann anschließend noch eine Woche nach Griechenland.

Frage nach dritter Kandidatur treibt alle um

Mitgenommen in die Auszeit hat Kretschmann die Frage, die seit Monaten den politischen Freund und Gegner, Medien und Öffentlichkeit umtreibt – und wohl auch ihn selbst. Tritt er, dann knapp 73-jährig, im Frühjahr 2021 bei der nächsten Landtagswahl erneut als Spitzenmann der Grünen an? Will er in eine dritte Amtszeit als Ministerpräsident gehen?

Kretschmann findet Spaß an falschen Fährten

Über den Sommer, so teilte Kretschmann zuletzt mit, wolle er in sich gehen, eine Entscheidung nach der Sommerpause kundtun. Jüngst hatte er sichtlich Vergnügen daran, vor der Presse Hinweise in die eine oder andere Richtung zu streuen und mit allen erdenklichen Varianten kokettiert. Tatsächlich aber ist es wohl so, dass es Kretschmann bislang selbst noch nicht entschieden hat. Wer in seinem Umfeld nachfragt, erntet häufig die Antwort: „Das wüssten wir auch gerne.“

Immer im Mittelpunkt: Nach der Bundestagswahl 2017 bejubeln Grüne – darunter Landtagspräsidentin Muhterem Aras (2. von rechts) das Erscheinen des Ministerpräsidenten bei einer Wahlparty in Stuttgart.
Immer im Mittelpunkt: Nach der Bundestagswahl 2017 bejubeln Grüne – darunter Landtagspräsidentin Muhterem Aras (2. von rechts) das Erscheinen des Ministerpräsidenten bei einer Wahlparty in Stuttgart. | Bild: Marijan Murat

Will er es noch einmal wissen, wird er wohl – wie schon vor der Landtagswahl 2016 – von einem Parteitag zum Spitzenkandidaten gekürt. Im Oktober 2015 hatten die Delegierten Kretschmann in Pforzheim mit knapp 97 Prozent zu ihrem Spitzenmann gewählt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht. 2011 gingen die Grünen noch mit einem Viererteam ins Rennen, dem neben dem Spitzenkandidaten Kretschmann der heutige Fraktionschef Andreas Schwarz sowie Bärbel Mielich und Gisela Splett angehörten, beide heute Staatssekretärinnen.

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Verfahren bei den Grünen nicht geregelt

Das Verfahren zur Kür eines Spitzenkandidaten, teilt der Landesverband der Grünen mit, sei in der Satzung der Partei nicht geregelt. Der Landesvorstand werde sich „rechtzeitig auf ein geeignetes Verfahren festlegen“, heißt es. Dann, wenn Kretschmann die Grünen nicht mehr zappeln lässt.

Wer könnte Kretschmann nachfolgen?

  • Edith Sitzmann: Von der Finanzministerin, seit 2016 erste Frau in diesem Amt im Land, spricht auch der CDU-Koalitionspartner mit Respekt – wenn auch zuweilen widerwillig. Sitzmann gilt als knallharte Verhandlerin, wenn es um den Haushalt geht, die Minister müssen bei den Chefgesprächen einzeln mit ihr um jeden Euro ihres Etats feilschen. Ein Härtetest ist das Ressort für Sitzmann freilich nicht – noch nie schwamm ein Finanzminister im Land derart im Geld. Die 56-jährige Historikerin lebt seit Studientagen in Freiburg. Seit 2002 gehört sie dem Landtag an, folgte 2011 Kretschmann auf den Fraktionsvorsitz und hielt ihm den Rücken frei. Ob sie Kretschmanns Nachfolge anstreben würde und vermittelbar wäre, ist offen. Chance auf Spitzenkandidatur: Denkbar, aber wenig wahrscheinlich.
  • Boris Palmer: Der 46-jährige Oberbürgermeister von Tübingen galt lange als grüner Hoffnungsträger und möglicher Kronprinz von Kretschmann. Nicht nur der studierte Mathematiker und Historiker selbst ist von sich überzeugt, sondern auch viele Weggefährten halten ihn von seinen Fähigkeiten her bestens qualifiziert für politische Spitzenämter. Kretschmann selbst schätzt die Arbeit seines langjährigen politischen Zöglings Palmer außerordentlich. Doch der streitbare Palmer hat sich vielfach durch Äußerungen – etwa zur Aufnahme und zum Umgang mit Flüchtlingen – in seiner eigenen Partei isoliert. Wiederholt sorgte er für meist negative Schlagzeilen. Kretschmann nahm Palmer unlängst selbst indirekt aus dem Rennen. Palmer, so Kretschmann, habe nur eine Chance auf höhere Ämter, wenn er sich mit seiner Partei aussöhne. Als Bürgermeister sei er direkt gewählt. Andere politische Ämter würden aber in erster Linie von Parteien verteilt. „Da kannst du nichts werden, wenn du in deiner Partei nicht wohlgelitten bist“, sagte Kretschmann. Und Palmer sei derzeit bei den Grünen schwer gelitten. „Dann kriegst du die Ämter nicht – so einfach ist die Welt.“ Chance auf Spitzenkandidatur: Unwahrscheinlich.
  • Cem Özdemir: Der „anatolische Schwabe“, wie er selbst kokettiert, wird vor allem aus Parteikreisen immer wieder gerne ins Gespräch gebracht, wenn es um eine mögliche Kretschmann-Nachfolge geht. Özdemir, dem früher arrogantes Auftreten angekreidet wurde, habe sich persönlich weiterentwickelt. Dass ein Politiker mit türkischem Migrationshintergrund Ministerpräsident werden könnte, ist nach dem Fast-Erfolg des Grünen Tarek Al-Wazir in Hessen nicht mehr undenkbar. Der 53-jährige Ex-Grünen-Chef Özdemir, der für Stuttgart im Bundestag sitzt, fremdelt aber mit der Landespolitik. Wer es gut mit ihm meint, nennt ihn einen Generalisten. In Stuttgart ist er kaum präsent. Wollte man ihn als Nachfolge-Kandidat aufbauen, müsste er schnellstmöglich im Land ein Amt übernehmen. Anstalten dazu gibt es nicht. Kretschmann nannte Özdemir „immer prädestiniert für eine Hauptrolle“ – allerdings in Bezug auf die politische Bühne in Berlin.
    Chance auf Spitzenkandidatur: Denkbar
  • Theresia Bauer: Lange galt der Name der 54-jährigen Wissenschaftsministerin als gesetzt im kleinen Kreis derer, die Kretschmanns Nachfolge antreten könnten. Sie galt als ein Aktivposten im Kabinett Kretschmann I. Bauer novellierte das Hochschulgesetz im Land und handelte einen bundesweit beachteten Hochschulfinanzierungsvertrag aus. Ihr umstrittenes Krisenmanagement der Zulagenaffäre an der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg beschäftigte einen Untersuchungsausschuss des Landtags. Seitdem ist der Stern der Heidelbergerin massiv gesunken. Chance auf Spitzenkandidatur: Wenig wahrscheinlich.
  • Andreas Schwarz: Der 39-jährige Wirtschaftsjurist führt seit 2016 die grüne Landtagsfraktion und moderiert als Fraktionschef jeden möglichen Konfliktausbruch seiner Grünen-Fraktion mit der CDU beharrlich weg. Er sucht geradezu verbissen den Konsens. Von dem 2,01 Meter großen, leidenschaftlichem Rennradfahrer sagt der wenig kleinere Kretschmann: „Er ist der einzige Fraktionschef, zum dem ich je aufschauen musste“. Und auch sonst genießt der aus Kirchheim/Teck stammende Schwarz aufgrund seiner Loyalität, Verlässlichkeit, seines großen Detailwissens und seiner akribischen Arbeit das Ansehen des Regierungschefs. Nach außen dagegen kann Schwarz weniger punkten. Ob er seinen Hut in den Ring werfen würde, ist offen. Chance auf Spitzenkandidatur: Denkbar.