Die Tourismusbranche im Land soll krisenfest, markenbewusster und innovativer werden, die Regionen sollen Kirchturmdenken überwinden, viel stärker zusammenarbeiten, sich in größeren Verbünden besser vermarkten. Und vor allem soll es der Urlauber und Reisende selbst künftig in allem bequemer haben. Das sind wesentliche Ziele der neuen Tourismuskonzeption des Landes, die gestern von der Landesregierung beschlossen wurde.

Bedeutung der Branche klar machen

Acht Handlungsfelder sind darin definiert, von zielgruppenorientiertem Marketing, der internationalen Vermarktung von „Schaufensterprodukten“ – etwa „empfohlene Weinhotels“ oder „Familienferien“ – über bessere Organisation, eine konkrete finanzielle Stärkung des Gastgewerbes, die Anforderungen der Digitalisierung bis hin zu Zukunftsstrategie und Qualitätsmanagement. Neu ist die Zielvorgabe, dass die Branche insgesamt selbstbewusster auftreten soll – die Menschen im Land sollen ein Bewusstsein für die Bedeutung des Tourismus in Baden-Württemberg entwickeln.

Gäste erwarten mehr

Die bislang letzte Konzeption stammt aus dem Jahr 2009. Quasi aus einem anderen Zeitalter des Tourismus, wie Ressortminister Guido Wolf (CDU) gestern bei der Vorstellung der Konzeption in Stuttgart sagte. Inzwischen spielen nicht nur neue Faktoren wie Digitalisierung und Klimawandel eine entscheidende Rolle, „auch die Anforderungen und Erwartungen der Gäste haben sich stark verändert“, so Wolf.

Jede Region soll besser werden

„Jetzt ist jede Region aufgerufen, anhand dieser Ziele besser zu werden.“ Wolf warnte zudem nachdrücklich davor, sich auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen. „Wachstum ist kein Automatismus“, so Wolf, „die Branche steht vor enormen Herausforderungen.“

Branche setzt 25 Milliarden Euro um

Eineinhalb Jahre lang hat das Ministerium gemeinsam mit den touristischen Akteuren an dem Konzept gearbeitet. Es soll als strategische Grundlage für die künftige Entwicklung der Branche, aber auch für die finanzielle Förderung durch das Land dienen. Dem Papier liegt eine durch Marktforschung gestützte Analyse der gesamten Branche zugrunde, die mit 25 Milliarden Euro Umsatz und hochgerechnet 390000 Arbeitsplätzen nach acht Wachstumsjahren in Folge zu einer Schlüsselbranche für Baden-Württemberg geworden ist. Damit das so bleibt, will das Land künftig mehr mitreden. Auch die Branche selbst soll sich mehr mit dem Konzept identifizieren.

Bislang zu kleinteilig gedacht und gehandelt

Denn mit den Zielen der Konzeption von 2009, das ergab die Analyse, hatten einige Regionen und Akteure recht wenig am Hut. Vielerorts wurde in kleinteiligen, oft sich überlappenden Strukturen vor sich hin und nebeneinander her gearbeitet, eine gemeinsame strategische Ausrichtung erfolgte nicht, regionenübergreifende Vermarktung fand nicht statt. Mit dem Ergebnis, dass Ziele der Konzeption nicht erreicht wurden.

Service und Qualität in Hotellerie nehmen ab

In Sachen Service und Qualität verzeichnet die Analyse etwa bei der Hotellerie in der vergangenen Dekade sogar Einbußen. Angespannt ist die Lage auch für das Gastgewerbe: Arbeitszeitdiskussionen, Bürokratie, Arbeitskräftemangel, Innovationsstau und schlechte Infrastruktur sowie Erreichbarkeit belasten das Gastgewerbe vor allem im ländlichen Raum. Die Folge: Betriebe machen dicht oder finden keinen Nachfolger.

Appell an Bodenseeakteure

Die Verringerung der Anzahl von Organisationen auf regionaler und teilregionaler Ebene ist ein explizites Ziel der Konzeption. „Auf Ebene der regionalen Organisationen betrifft dies insbesondere die Gebiete Bodensee und nördliches Baden-Württemberg“, heißt es, es wird ausdrücklich zu freiwilligen Zusammenschlüssen oder Kooperationen aufgerufen, die auch bundeslandübergreifend sein könnten. Im Gegenzug verspricht das Land Unterstützung durch Know-how und finanzielle Förderung. Eigens dazu wird im Ministerium in Stuttgart ein „Umsetzungsmanagement“ eingerichtet. Den Etat und die erforderlichen Stellen muss Wolf allerdings erst noch in den Haushaltsverhandlungen unterbringen.