Herr Braun, wie geht es der Tourismusbranche im Land?

Gut. Die Halbjahreszahlen zeigen, dass alle Regionen im Land vom touristischen Wachstum profitieren. Wir liegen über dem Bundesdurchschnitt. Das Interessante ist, dass die wichtigsten Urlaubsregionen, wie vor allem der Bodensee, die starken Monate statistisch noch vor sich sehen. Wir haben ja noch keine Zahlen zu Juli und August. Gewöhnlich ist es so, dass etwa der Bodensee dann noch einmal richtig Gas gibt.

Was macht Baden-Württemberg besser als andere Bundesländer?

Zum Erfolg im Tourismus tragen so viele Faktoren und Beteiligte bei, dass es schwer ist, das in wenigen Worten zu erklären. Aber ganz offensichtlich haben Hoteliers und Gastronomen ihre Hausaufgaben gemacht und richtig investiert. Und wir haben im Augenblick auch ein sehr günstiges Umfeld. Wir leben in einer Hochkonjunkturphase. Die Menschen planen mehr Aufenthalte und Urlaubsreisen als in den vergangenen Jahren, wollen im Urlaub auch mehr ausgeben.

Das könnte Sie auch interessieren

Wer sind die Touristen?

Die Mehrzahl unserer Urlauber sind Baden-Württemberger. Aber wir haben deutlich mehr ausländische Gäste als andere deutsche Flächenländer. 22 Prozent der Übernachtungen im Land sind durch ausländische Gäste generiert. Bodensee und Schwarzwald sind als Grenzregionen hier besonders im Fokus, vor allem der Schweizer Gäste. Baden-Württemberg hat viel Potential, einen guten Service und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, vor allem im Vergleich mit manchem Wettbewerber.

Wenn wir auf die Regionen schauen – was fällt auf?

Momentan macht die Schwäbische Alb einen sehr guten Job. Das ist keine zum Beispiel mit dem Bodensee vergleichbare Urlaubsregion, man hat sich früher eher auf das Wochenendangebot konzentriert. Auf der Schwäbischen Alb ist aber in den letzten Jahren sehr viel passiert. Dagegen stelle ich am Bodensee mitunter eine gewisse Saturiertheit fest.

Geht’s denen zu gut?

Ja. Und wenn es einem zu gut geht und das Geschäft sowieso läuft, dann übersieht man häufig die Notwendigkeit von Wandel und Innovation. Das Hauptproblem am Bodensee ist immer noch struktureller Natur. Dass es immer noch keine einheitliche deutsche Bodensee-Organisation gibt. Es gibt den Tourismus Westlicher Bodensee, der von Konstanz aus gemanagt wird, und es gibt die Deutsche Bodensee Tourismus GmbH in Friedrichshafen (DBT). Die arbeiten jetzt nicht gegeneinander, aber eine einheitliche deutsche Organisation wäre für die Gäste von Vorteil.

Kann man das an einem konkreten Beispiel festmachen?

Die DBT in Friedrichshafen hat etwa eine „Echt Bodensee-Card“ entwickelt, die auf ihrem Verbandsgebiet Gültigkeit hat. Am westlichen Bodensee gibt es die VHB-Gästekarte. Gäste mögen aber keine Grenzen. Wanderwege, Radwege oder Angebote müssen immer grenzübergreifend gedacht werden. Es gibt aber politische Bedenken und Widerstände. Das ist nicht nur am Bodensee ein Problem. Weil der Tourismus boomt, sind überall im Land Kirchtürme wieder höher geworden. Die Notwendigkeit zu einer strukturellen oder organisatorischen Veränderung wird nicht so gesehen. Nach dem Motto: Ist doch alles gut, läuft doch.

Schwebt ihnen da etwas vor?

Ich glaube zum Beispiel, dass der Bodensee großes Potenzial als Ganzjahresdestination hat. Man kann dort zu jeder Jahreszeit wandern, es gibt eine hervorragende Bäder- und Wellness- Infrastruktur und sehr gute kulturelle Angebote. Und der See hat auch im Winter und sogar im Nebel seine Reize, ist fast ein mystischer Ort. Aber das muss man auch wollen, da muss die Gastronomie mitziehen. Im Moment herrscht mitunter das Denken vor, dass vier, fünf gute Monate reichen und man dann den Rest des Jahres über „zumacht“.

Ist Tourismus ein Selbstläufer?

Nein, das ist er eben nicht. Wir müssen an vielen Stellen aufpassen. Die Digitalisierung treibt unsere Branche mehr um als andere. Außerdem haben wir eine enorme Herausforderung zu meistern wegen des Mangels an Fachkräften. Und wir haben ein großes Problem bei der Nachfolge, also der Übergabe von Betrieben.

Wie sieht es denn mit dem Stadt-Land-Gefälle aus?

Wir beobachten seit Jahren, dass sich der Tourismus in den Städten dynamischer entwickelt als im ländlichen Raum. Freiburg, Heidelberg, aber auch Konstanz freuen sich über erneut deutlich überdurchschnittliche Zuwächse. Wir müssen den ländlichen Raum attraktiv halten. Dafür gibt es gute Beispiele. Orte wie Baiersbronn oder Bad Wildbad etwa haben in den letzten Jahren alles richtig gemacht. Der wichtigste Faktor ist die Wettbewerbsbeobachtung und das Eingehen auf die Bedürfnisse der Gäste. Man darf da nie los- und lockerlassen.

Wo geht es denn gerade hin?

Ich bin überrascht, dass vergleichsweise unspektakuläre Aktivitäten in der Natur wie Wandern und Radfahren eine über Jahre andauernde Renaissance erleben. Das Wandern ist deutlich jünger geworden. Auch der Radtourismus nimmt zu, heute wird massiv das Angebot für die Mountainbiker ausgebaut. Ein gut angenommenes Nischenthema ist es auch, Ruhe und Entspannung in der Natur zu suchen, die Wildnis aufzusuchen. Dazu haben wir ja inzwischen auch den Nationalpark. Insgesamt legt der Großteil der Gäste großen Wert auf ein gutes Angebot in der Gastronomie und möchte angemessen übernachten. Bei Vier-Sterne-Hotels haben wir sicher sogar noch Nachholbedarf.