In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 2017 starb eine 88-jährige Frau im Landkreis Tuttlingen in seiner Wohnung. Jetzt steht fest: Sie wurde Opfer eines Verbrechens. Nach den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft soll ihr ein Hilfpfleger Insulin gespritzt und auf diese Weise umgebracht haben. Anschließend hatte sie der 36-Jährige bestohlen. Wenige Tage später bot er seine Dienste an einem anderen Ort in Deutschland an.

Acht Monate nach seiner Festnahme im Februar diesen Jahres in München soll der Mann diese und weitere Taten gestanden haben, wie Polizei und Staatsanwaltschaft München erklären. Eine Tötungsabsicht streite er jedoch ab. Er wird zudem verdächtigt, fünf weitere ältere Menschen umgebracht zu haben – im Landkreis Dithmarschen, in Erlangen, Hannover, Ottobrunn und im Landkreis Kitzingen. Darüberhinaus wirft ihm die Staatsanwaltschaft drei versuchte Morde, drei Fälle von Körperverletzung und Diebstahl in mehreren Fällen vor.

In ganz Deutschland als Hilfspfleger unterwegs

Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich um den schon in früheren Medien genannten Grzegorz W. aus Polen. Er habe sich nach Absolvierung eines Pflegehilfskurses über mehrere polnische und slowakische Pflegedienstplattformen als Hilfspfleger in Haushalte nach Deutschland vermitteln lassen, erklärte ein Sprecher der Polizeipräsidiums München gegenüber dem SÜDKURIER. Vor dieser Tätigkeit saß der Beschuldigte noch 2014 in mehreren Haftanstalten in Polen, zumeist wegen Vermögensdelikten.

W. war nach den Erkenntnissen der Ermittler seit Mai 2015 als 24-Stunden-Betreuung in Deutschland unterwegs – als ungelernte Pflegehilfskraft, wie es heißt. Im Februar 2018 flog er auf, als ein 87-jähriger Rentner in Ottobrunn gestorben war. Bei einer Obduktion wurden Einstichstellen am Körper des Toten festgestellt, außerdem hatte das Opfer einen zu niedrigen Blutzuckerwert, was auf eine Insulingabe hindeutete.

W. war selbst Diabeteskrank und auf Insulin angewiesen, das ihm laut den Ermittlungen im Januar 2017 verschrieben wurde. Bei einer Durchsuchung stellte die Polizei die EC-Karte und Bargeld des Opfers von Ottobrunn bei ihm sicher. Der Fall erinnert an den angestellten Ex-Pfleger Niels H., der gestanden hatte, zwischen 2000 und 2005 hundert ältere Patienten ermordet zu haben.

Was war das Motiv des Mannes?

Grzegorz W. soll an 68 Orten deutschlandweit tätig gewesen sein, darunter habe er an 17 Orten Diebstähle begangen. Vor allem auf Bargeld und Schmuck, aber auch auf Lebensmittel und Haushaltsgegenstände hatte er es demnach abgesehen. Nach dem Geständnis wurde der Haftbefehl gegen den Beschuldigten verlängert.

Bei dem Einzug in die Wohnungen ist den Ermittlern zufolge das Motiv des Mannes zu finden. Denn in der Regel habe er nach kurzer Zeit festgestellt, dass ihm „dieser Arbeitsplatz nicht so liegt“, sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding bei einer Pressekonferenz in München laut Nachrichtenagentur dpa. Die Gründe dafür seien unterschiedlich, beispielsweise „dass die Gepflegten häufig Besuch empfangen, und er sich dadurch kontrolliert fühlt“. Andere Gründe: fehlendes W-Lan, Essen, das ihm nicht schmeckte, oder dass er mehrfach in der Nacht aufstehen musste.

Der 36-Jährige wollte nach eigenen Angaben offenbar weg von den Arbeitsstellen, die ihm nicht gefielen. Im Falle einer Kündigung hätte er jedoch teilweise mit vertraglichen Strafen rechnen müssen. Um diesen zu entgehen, habe er das Insulin verabreicht, erklärten die Ermittler.

So wurden die Patienten zum Notfall, wurden ins Krankenhaus gebracht, und er konnte von einem außerordentlichen Kündigungsrecht Gebrauch machen. „Nach unserem Stand der Ermittlungen nahm er den Tod der Betreuten durchaus billigend in Kauf“, sagte ein Ermittler.