Im Stadtkreis Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen können sich vom kommenden Montag an erstmals ortsansässige Patienten kostenlos telemedizinisch durch niedergelassene Kassenärzte beraten und behandeln lassen. Die Voraussetzungen: Sie müssen akut erkrankt sein, ihr Haus- oder Facharzt ist nicht erreichbar und sie sind Mitglied einer Gesetzlichen Krankenversicherung. Der von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) zunächst auf zwei Jahre angelegte Modellversuch namens „docdirekt“ ist nach Angaben der KVBW bundesweit das erste derartige Telemedizinprojekt, das allen Kassenpatienten offensteht und von den Krankenkassen mitfinanziert wird. Die KVBW hofft, einerseits in städtischen Regionen wie Stuttgart die überlaufenen Notfallambulanzen und -praxen zu entlasten und andererseits in ländlichen Regionen mit Ärztemangel wie etwa dem Landkreis Tuttlingen Patienten einen schnelleren Zugang zu ärztlicher Beratung zu ermöglichen.

 

Wie kann Kontakt zu „docdirekt“ aufgenommen werden?

Ab dem 16. April ist in beiden Modellregionen von montags bis freitags zwischen 9 und 19 Uhr unter der Telefonnummer 0711/96 58 97 00 das Servicecenter „docdirekt“ der KVBW zu erreichen. Anrufer landen bei medizinischen Fachangestellten, die die Personalien und Versicherungsdaten aufnehmen sowie Krankheitssymptome und Dringlichkeit mit dem Anrufer abklären. In einem lebensbedrohlichen Notfall wird die Rettungsleitstelle eingeschaltet. Ist es kein Notfall, wird für den Patienten ein Ticket erstellt, das die teilnehmenden Tele-Ärzte online über eine Internet-Plattform abrufen können. Ein passender Arzt meldet sich für das Ticket, ruft den Patienten zeitnah zurück – die KVBW geht von einer Wartezeit zwischen 30 und 60 Minuten aus – , klärt mit dem Anrufer dessen Beschwerden und gibt eine Behandlungsempfehlung ab. Hält der Telearzt einen persönlichen Arztkontakt des Anrufers für nötig, organisiert „docdirekt“ möglichst noch am gleichen Tag einen Termin bei einer Haus-oder Facharztpraxis in der Nähe des Patienten. An dem Modellprojekt teilnehmende PEP-Praxen – patientennah erreichbare Portalpraxen – halten dafür Termine frei.

 

Wer kann anrufen?

Alle Versicherten einer Gesetzlichen Krankenkasse mit Wohnsitz in einer der Modellregionen, die akute gesundheitliche Beschwerden haben, ärztlichen Rat brauchen und ihren Haus- oder Facharzt nicht erreichen. Für sie ist die telemedizinische Behandlung kostenlos.

 

Wer sind die Ärzte?

In Stuttgart nehmen zu Beginn 35 niedergelassene und kassenzugelassene Internisten, Haus- und Kinderärzte an dem Projekt teil, im Landkreis Tuttlingen sind es 20. Die Ärzte haben alle eine telemedizinische Schulung erhalten. Die KVBW will noch weitere Ärzte gewinnen.

 

Wie läuft der Kontakt ab?

Die Patienten könnten je nach Wunsch per Festnetztelefon, über eine Website oder App mit dem Arzt in Kontakt treten. Der Name Tele-Medizin ist missverständlich, denn es kann sich dabei um ein klassisches Telefongespräch handeln, aber auch um einen Chat oder einen Video-Anruf, bei dem sich Arzt und Patient sehen. Patienten können zudem über eine App Fotos von Unterlagen, Dokumenten, Röntgenbildern oder auch Fotos – etwa von einem Ausschlag – hochladen, die der Tele-Arzt einsehen kann.

 

Kann ein Arzt einen akut Erkrankten überhaupt richtig per Telefon oder Video behandeln?

aut KVBW-Vorstand Johannes Fechtner gibt es viele Fälle, bei denen durchaus eine abschließende telemedizinische Diagnose gestellt werden kann. Der Arzt kann mit dem Patienten auch besprechen, welche Medikamente im Haushalt vorhanden sind und zur Behandlung der Beschwerden eingesetzt werden könnten.

 

Und was, wenn ein Medikament verordnet werden muss?

Die Gesetzeslage lässt laut KVBW derzeit noch nicht zu, dass ein Tele-Arzt ein Rezept direkt an eine Apotheke in der Nähe des Patienten schickt. An einer entsprechenden Ausnahmeregelung im Rahmen des Modellprojekts werde gearbeitet.

 

Wie ist die Finanzierung geregelt?

Die Tele-Ärzte erhalten pro Behandlung ein Honorar von 25 Euro, die PEP-Praxen zusätzlich einen Aufschlag von 20 Euro pro Patient. Insgesamt haben die Krankenkassen der KV für jedes der zwei Modelljahre 1,6 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die restlichen Kosten werden von der KVBW getragen.

 

Soll die Telemedizin auf ganz Baden-Württemberg ausgedehnt werden?

„Wir haben überhaupt keine Ahnung, wie viele Leute anrufen werden und müssen jede Erfahrung mit dem Angebot erst machen, weil wir die ersten damit sind“, sagt KVBW-Vorsitzender Norbert Metke. Nach zwei Jahren soll das Projekt evaluiert werden – von der Einstellung, grundlegenden Veränderungen bis hin zur flächendeckenden Ausdehnung sei alles denkbar. „Aber wir wissen, dass viele Menschen bereits heute Online-Medien für Beratungsangebote im Gesundheitsbereich nutzen. Viele Menschen können sich einen Online-Kontakt zwischen Arzt und Patient vorstellen.“