Die Frau auf der Anklagebank wirkt wie ein Geist. Das Gesicht ist bleich, wirkt aufgedunsen, am Kopf hat sie zahlreiche kahle Stellen. Am zweiten Prozesstag trägt sie ihr verbleibendes Haar offen, hat ein zu enges Baumwollshirt über der verwaschenen Jeans an.

Wüsste man es nicht besser, könnte diese Frau eine Obdachlose sein. Aber Berrin T. ist die Mutter jenes neunjährigen Jungen, der über zwei Jahre von ihr und ihrem Partner Christian L. missbraucht und an pädophile Männer verkauft wurde.

Stumm sitzt sie auf der Anklagebank

An den ersten beiden Prozesstagen sagt sie kein Wort. Bei der Anklageverlesung zum Prozessauftakt blickt sie manchmal geistesabwesend vor sich auf den Tisch. Christian L. sagt im Beisein der Öffentlichkeit aus, geht regelrecht auf in der Rolle des Aufklärers, die er sich selbst zumisst. Wenn er von Berrin T. spricht, nennt L. sie immer nur "Frau T." – als habe die beiden in den vergangenen Jahren rein gar nichts verbunden.

Ihre Blicke treffen sich selten. Berrin T. horcht nur dann auf, wenn ihr Name mehrmals fällt. Dann schaut sie hinüber zu L., zwischen ihnen sitzen ihre beiden Pflichtverteidiger. Es dauert anderthalb Tage, bis L. fertig ist mit seiner Aussage, bis alle 58 Anklagepunkte durchgegangen wurden.

Am dritten Verhandlungstag ist die Angeklagte an der Reihe. Anders als L. will sie nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen. Die introvertiert wirkende Frau scheint die Reaktionen der Leute zu fürchten. Ihr Anwalt Matthias Wagner macht den Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte geltend. Etwas, was viele nicht verstehen wollen.

Der Richter gibt schließlich nach, weil er fürchtet, dass Berrin T. sonst die Aussage verweigert. Die 48-Jährige werde Fragen „im Wesentlichen bestätigen“, gibt ihr Verteidiger vorab bekannt – ob sie sich auch dazu äußert, was sie zur ihren Taten getrieben hat, lässt Wagner offen.

Die Frage, ob Berrin T. Reue für ihre Taten empfindet, beschäftigt viele Prozessbeobachter. Auffallend viele Frauen verfolgen den öffentlichen Teil der Verhandlung: "Ich wollte sehen, wie eine Frau aussieht, die ihr Kind verkauft", sagt eine von ihnen. "Ich versuche eine Antwort darauf zu finden, was sich die Mutter dabei gedacht hat", erzählt Daniela El Gaz: "Aber ich komme einfach nicht darauf." Eine Antwort werden sie wohl nicht bekommen.

So beschreibt Christian L. die Mutter des Kindes

Christian L. zeichnet das Bild einer Mutter, die überfordert war mit ihrem Kind. Ihr Verhältnis zu ihrem Sohn war kein herzliches, schenkt man L. Glauben. Er beschreibt sie als Mutter, die ihrem Kind keine Liebe vermittelt, es auf sein Zimmer schickt, von ihm "nicht genervt" werden will.

Es ist dieselbe Frau, die beim Missbrauch durch Dritte an ihrem Sohn mitmacht, teilweise seinen Kopf festhält, sich selbst an ihm auf grausame Weise vergeht und dabei auch nicht auf Tränen und Schmerzensschreie ihres Kindes eingeht.

Ihre Wohnung war verwahrlost, wie der Vermieter dem SÜDKURIER bestätigt, der das Souterrain-Apartment später räumt. Er ist es auch, der von einem Suizidversuch der Frau wissen will, der aber offiziell nicht bestätigt wurde. Die 48-Jährige ist Hartz-IV-Empfängerin, über ihren Werdegang wenig bis gar nichts bekannt.

Sie soll eine Mietnomadin gewesen sein, wechselte nachweislich häufiger ihren Wohnort im Breisgau. Christian L. lernte sie bei der Tafel kennen, wo sie wohl zeitweise beschäftigt war, nach seiner Aussage aber irgendwann "rausgeschmissen" wurde. Berrin T. habe nichts mehr aus eigenem Antrieb getan, so L., bezeichnet sie als "faul".

Am dritten Prozesstag werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit die ersten der vielen Filmaufnahmen gezeigt, die der Staatsanwaltschaft als Beweismaterial gegen die beiden Angeklagten dienen. Sie alle muss sich auch der Gutachter ansehen, der am Ende der Verhandlung einschätzen muss, ob beide schuldfähig sind und nach ihrer zu erwartenden Haftstrafe in Sicherungsverwahrung kommen.