Freiburg – Nun ist es amtlich: Weniger als ein Jahr nach dem Prozess um den Staufener Missbrauchsfall hat die Staatsanwaltschaft Freiburg die Ermittlungen gegen den zuständigen Jugendamt-Mitarbeiter eingestellt.

"Die umfangreichen Ermittlungen konnten eine Mitverantwortung des zuständigen Mitarbeiters an den Missbrauchshandlungen nicht mit Sicherheit belegen", heißt es in einer Mitteilung der Strafverfolgungsbehörde.

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Erschütternder Fall

Der Fall des damals neunjährigen Jungen, der von seiner Mutter und deren Partner missbraucht und über das Darknet pädophilen Männern verkauft worden war, hatte über die Region und die Bundesrepublik hinaus die Menschen erschüttert.

Zwei Jahre lang litt das Kind, war den Übergriffen der eigenen Mutter und deren Freund hilflos ausgeliefert. Niemand will etwas davon gewusst oder geahnt haben – das Jugendamt und die zuständige Familienrichterin, die das Kind bei der Mutter beließen, wiesen die Schuld von sich.

Bild: Moll, Mirjam

Frühe Info an das Jugendamt

Dabei hatte die Schule des Jungen das Jugendamt über verstörende Aussagen des Jungen informiert. Dieser hatte sich einem Mitschüler anvertraut, davon berichtet, dass er sich zu Hause vor dem Freund der Mutter immer nackt ausziehen müsse.

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Der zuständige Mitarbeiter der Behörde ordnete den Hinweis nach einem Gespräch mit der Lehrerin im Juni 2017 als vage ein.

Wie Christian L. sein Opfer fand

Rückblende: Im Februar 2014 kommt Christian L. nach einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten wegen Missbrauchs einer Minderjährigen wieder auf freien Fuß. Zwei Jahre später ermittelt die Kripo wegen Besitzes von Kinderpornografie gegen den Mann.

Dabei stellen sie fest, dass er trotz des Verbots, sich Kindern zu nähern, mit Berrin T. und deren Sohn zusammenlebt. Erst einen Monat später wurde das Jugendamt informiert. Christian L. darf dort nicht mehr übernachten, tut es aber trotzdem.

Erste Inobhutnahme

Im März 2017 nimmt das Jugendamt den Jungen in Obhut. Doch Berrin T. überzeugt die Familienrichterin, dass sie ihren Sohn nicht mit L. alleine lässt. Diese lässt trotz Aktenkenntnis im vorangegangenen Fall von Christian L. das Kind bei der Mutter, alle Auflagen fallen. Der Junge kommt zurück zur Familie.

Während der Sommermonate hat das Jugendamt nicht geprüft, ob die Auflagen eingehalten werden, noch hat der zuständige Mitarbeiter das Kind erneut gesprochen. Erst, als ein anonymer Hinweis im Herbst 2017 bei der Kripo eingeht, werden Berrin T. und Christian L. verhaftet, der Junge kommt in eine Pflegefamilie.

Reine Spekulation

Die Erste Staatsanwältin Martina Wilke begründet die Einstellung der Ermittlungen damit, dass die möglichen Folgen solcher Maßnahmen nur schwer einzuschätzen seien: "Selbst wenn man unterstellt, dass diese Maßnahmen hätten vorgenommen werden sollen, wäre es trotzdem Spekulation, was passiert wäre und ob ein Missbrauch dadurch tatsächlich verhindert hätte werden können", sagt Wilke.

Ob sich das Kind dem Jugendamt-Mitarbeiter anvertraut hätte? Für die Strafverfolgungsbehörde habe die Schwierigkeit darin gelegen, den Nachweis zu erbringen, dass ein Einschreiten des Jugendamts die Taten verhindert hätte.

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Schwierige strafrechtliche Prüfung

"Die strafrechtliche Prüfung war maßgeblich – also, ob eine fahrlässige Körperverletzung verursacht worden ist", fügt Wilke hinzu. Ein "pflichtwidriges Unterlassen von gebotenen Maßnahmen" habe sich aber nicht nachweisen lassen, heißt es in der offiziellen Mitteilung der Behörde.

Das Freiburger Jugendamt gibt sich auf Anfrage des SÜDKURIER einsilbig: Es gebe "keine Veranlassung für eine Stellungnahme", antwortet ein Sprecher schmallippig. Der Mitarbeiter habe "inzwischen die Fallsachbearbeitung und damit die Hilfeplanung für das Kind abgegeben. Er ist nach wie vor bei uns beschäftigt."