Die Eisverkäuferin der „Kalten Sophie“ in Staufen winkt sofort ab. Sie will nichts sagen zu diesem neuen schrecklichen Missbrauchsfall, der die kleine Stadt im Breisgau einmal mehr in ein schlechtes Licht rückt. Das 8000-Seelen-Städtchen wusste schon Wochen bevor die Öffentlichkeit davon erfuhr, dass wieder Reporter auftauchen und unangenehme Fragen stellen würden. Fotos? Namen? Nein, das wollen die meisten hier nicht. Denn diesmal kennen viele hier den Tatverdächtigen, der nun schon seit Ende Februar in U-Haft sitzt. Skurril: auch er heißt Christian, auch sein Nachname beginnt mit L. – genau wie jener Mann, der sich im vergangenen Jahr als Haupttäter vor dem Landgericht Freiburg für den jahrelangen Missbrauch eines damals neunjährigen Jungen verantworten musste, den er gemeinsam mit dessen Mutter vergewaltigt und pädophilen Männern über das Darknet für die Auslebung ihrer Fantasien verkaufte. Der Mann ist ein Monster, sagten damals viele. Gekannt hat ihn aber niemand. Er war ein Zugezogener. Nicht so jener Christian L., der nun im Fokus der Ermittlungen der Freiburger Staatsanwaltschaft steht. Im Gegenteil. In der historischen Altstadt, stolz auf berühmte einstige Bürger wie Johann Georg Faust, kennt ihn jeder.

Einer aus ihrer Mitte

Er wird beschrieben als der nette Typ von nebenan. Blond, sportlich, höflich, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Die Verkäuferin eines kleinen Modegeschäfts weiß auch sofort, um wen es geht: „Na klar, den kenne ich vom Sehen“, sagt sie, während sie schützend die Arme vor der Brust verschränkt: „Der hat hier um die Ecke gearbeitet.“ Ein sympathischer Mann sei er. „Was für ein Drama, für beide Seiten“ und meint, dass es schrecklich ist, was den Kindern widerfahren ist, aber eben auch schrecklich, dass jemand solche Neigungen hat und sie nicht einfach ablegen kann: „Er hat sich das ja nicht ausgesucht“, meint sie. Was sie sagt, spiegelt eine Grundstimmung in der Stadt wider: Das Ringen um Fassung, dass einer aus ihrer Mitte, einer, dem man nicht ansieht, dass er sich möglicherweise an Kindern vergangen hat, zu so etwas fähig sein soll.

Ulrich Mücke arbeitet in Staufen. Er mag die Stadt, identifiziert sich mit ihr, auch wenn er nicht dort lebt: „Ich hoffe, dass die Leute das trennen können“, sagt er und nimmt einen Zug von seiner Zigarette. Nachdenklich bläst er den Rauch in die Luft. „Schwarze Schafe gibt es überall“, fügt er nach kurzer Pause hinzu, „aber gleich zwei solcher Fälle in einer so kleinen Stadt, das ist schon schockierend.“ So sieht es auch die Frau, die den kleinen Handwerkerkunstmarkt betreibt, direkt gegenüber von jenem Fahrradladen, in dem Christian L. gearbeitet hat. Der kleine Laden hat zu über Mittag, wie viele Geschäfte in dem idyllischen Örtchen. Im Café Faller wird Mittagstisch serviert, drei Frauen stochern in ihren Salaten herum, während sie sich über dies und das unterhalten. Kinder rennen am kleinen Wasserlauf entlang der Fußgängerzone, um ihre Papierbötchen zu verfolgen. Touristen machen Fotos von der Burgruine, die vor stechend blauem Himmel oberhalb der Stadt thront. Niederländer, Amerikaner, Franzosen – aber auch Deutsche aus anderen Regionen. Die meisten dürften nicht ahnen, was sich hier abgespielt hat.

Missbrauchsvorwürfe reichen bis in das Jahr 2009 zurück

Der so häufig als sympathisch beschriebene Mann war früher als Betreuer einer evangelischen Pfadfindergruppe tätig. Dort soll er einige seiner späteren Opfer kennengelernt haben, andere stammten aus seinem privaten Umfeld. „Die Häufigkeit der Missbräuche variiert von zwei bis 400 Übergriffen“, wie die leitende Oberstaatsanwältin Nicola Nowak Anfang Mai sagte, als sich die Behörden entschlossen, den Fall publik zu machen. Die Staufener wussten von den Ermittlungen, schließlich hatten die Polizeibeamten die Kontaktliste des Verdächtigen abgeklappert. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Städtern. Was sie allerdings erst über die Medien erfuhren, war die Vorgeschichte von Christian L. Denn schon 2004 hatte es einen Prozess gegen ihn gegeben wegen sexuellen Missbrauchs. Weil das Gericht allerdings nicht zweifelsfrei seine Schuld feststellen konnte, wurde er 2007 freigesprochen.

Das wusste auch die evangelische Landeskirche Baden. Sie hat den Mann trotzdem beschäftigt – bis 2013. Die nun bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe reichen bis in das Jahr 2009 zurück. Heute wie damals beruft sich die Kirche auf den Freispruch und die damit verbundene Unschuldsvermutung. Auf Anfrage verweist die Pressestelle der Kirche in Karlsruhe lediglich auf eine Pressemitteilung. Darin heißt es: „Die Landeskirche wird jetzt die Umstände überprüfen, wie es seinerzeit zur Anstellung durch den der Kirchengemeinde Staufen nahestehenden Timotheus-Verein kam.“

Furcht um das Ansehen der Kirche

Seit mehreren Jahren hat die Landeskirche ein eigenes Konzept zum Schutz von Kindern erstellt – „Alle Achtung“ ist zugleich eine Selbstverpflichtung, die alle, die in Einrichtungen der Kirche arbeiten, unterzeichnen sollen. Dem voraus geht eine verpflichtende Schulung. Als Christian L. dort tätig war, gab es sie noch nicht. Der damals zuständige Pfarrer, Hartmut Friebolin, wechselte zunächst in die Gemeinde Sinsheim, inzwischen ist er nach Auskunft des dortigen Pfarramts in den Schuldienst gewechselt. Auf eine schriftliche Anfrage dieser Zeitung reagiert er nicht.

Der heutige Pfarrer der Gemeinde Staufen heißt Theo Breisacher. Er ist nun zwangsläufig betroffen. Die Stelle im Pfarramt Staufen-Münstertal war lange unbesetzt. Im vergangenen November trat Breisacher seinen Dienst an – und zugleich ein „Erbe, das nicht sehr angenehm war“, wie er sagt. Er sitzt in einem Sprechzimmer im Pfarramt, bittet in die Sofaecke und zündet eine Kerze an, bevor er sich setzt. An der Wand steht ein volles Bücherregal, daneben hängt ein Kreuz. „Es macht mich betroffen, dass jemand den Vertrauensraum der Kirche missbraucht, das belastet mich schon“, sagt er gerade heraus. Breisacher hat selbst zwei Kinder, sie sind schon erwachsen. Aber „es gibt Dinge, von denen kann man sich nicht abgrenzen“.

Ein wenig fürchtet er um das Ansehen der Kirche – und davor, dass eine Art Kultur des Misstrauens entsteht. Eine Atmosphäre, in der Eltern anderen Erwachsenen nicht mehr über den Weg trauen, wenn sie ihre Kinder betreuen – sei es in der Freizeit oder beim Sport. „Wir dürfen jetzt nicht in Aktionismus verfallen“, warnt er. Christian L. hat er nicht gekannt. „Aber es sagen alle, dass er nett und kontaktfreudig war.“ Sinngemäß habe er gehört, dass niemand auch nur ansatzweise einen Verdacht geschöpft hätte.

Die „Vorgeschichte“, die viele schockiert

Breisacher selbst hält sich bedeckt. Die Kirche hat Order gegeben, dass er nichts unabgestimmt sagen darf. Die Polizei sei hier mehrmals gewesen, erzählt er dann doch. Es sei um technische Dinge gegangen, zum damaligen Arbeitsverhältnis. Dafür hat der Pfarrer auch Verständnis. Breisacher ärgert sich über etwas ganz anderes. Die Polizei hat einen zweiten Verdachtsfall, ebenfalls ein Betreuer der Pfadfindergruppe. Bei dem Mann geht es um Missbrauch in zwei Fällen, aber es wird noch ermittelt und er ist auf freiem Fuß. „Diese beiden Dinge in einem Atemzug zu nennen, finde ich nicht richtig“, sagt er. Auch, dass alle wieder von dem ersten Staufener Missbrauchsfall reden. „Diese Vorfälle haben rein gar nichts miteinander zu tun.“

Doch sie verbindet nicht nur derselbe Vorname des Tatverdächtigen, sondern eben auch frühere Verdachtsmomente – im Fall von Christian L. – dem Ersten – liefen Ermittlungen wegen des Besitzes von Kinderpornografie, eine Vorstrafe wegen sexuellem Missbrauch einer Minderjährigen hatte er schon. Hatte Christian L. – der Zweite – einfach nur Pech, wurde zu Unrecht beschuldigt, oder lag es daran, dass sein mögliches Opfer nichts als seine Aussage hatte, um ihn zu belasten? Die Frage wird sich kaum mehr klären lassen.

Doch es ist diese Ungewissheit, die „Vorgeschichte“, die hier viele besonders schockiert hat. Auch seinen früheren Kollegen aus dem Radladen. Fotografiert werden will er nicht, auch seinen Namen will er hier nicht lesen. Der frühere Kollege, er sei kompetent gewesen, immer freundlich zu den Kunden, erzählt er. Christian L. verdächtig in einem Fall von Kindesmissbrauch? Das kann nicht sein, dachte er damals. „Ich dachte, er würde nach zwei Tagen wieder da sein“, erinnert er sich. Doch es kam anders. Mehr will der junge Mann nicht sagen.

Vorfälle verändern das Denken und Verhalten der Staufener

Auch der Besitzer vom Bioladen will lieber nicht zu viel von sich preisgeben. Seinen Laden führt er zwar seit 30 Jahren im Herzen Staufens, seine Stammkunden zählen sich zu seinem Inventar. Trotzdem will der Händler lieber anonym bleiben. Er kennt den Tatverdächtigen, er selbst hat vier Kinder, sein Jüngster ist erst sieben. Er besuchte eine Pfadfindergruppe, aber eben nicht die Gruppe „Lazarus von Schwendi“. Als Paul, wie wir ihn hier nennen werden, davon erfuhr, seien ihm zwei Dinge durch den Kopf gegangen: „Nicht schon wieder“ und „hoffentlich ist es nicht so schlimm“. Der Familienvater macht sich auch Selbstvorwürfe. „Ich hätte doch etwas merken müssen – aber man sieht es den Menschen eben nicht an.

Die Staufener haben jedenfalls die Nase voll von der ständigen Aufmerksamkeit, den Negativschlagzeilen und ja – auch den Journalisten, die durch die Stadt schwirren. Die Vorfälle verändern das Denken und Verhalten der Menschen hier, sagt Paul: „auch wenn man es gar nicht will“. Der Nachbar, der seinen Sohn einlädt, mit zum Flohmarkt zu kommen, wird für einen Sekundenbruchteil verdächtig. Beim Kinderzirkus, wo die Kleinen freie Salti lernen, müssen die Turnlehrer plötzlich die Eltern darauf vorbereiten, dass sie die Kinder anfassen müssen, um sie vor Verletzungen bei den Übungen zu schützen.

„Das tut dieser Stadt alles andere als gut.“ Was den Kindern passiert sein muss, ist schrecklich. Das finden alle hier. Das steht auch an erster Stelle. Aber danach kommt die Frage, warum es erneut die beschauliche Stadt im Breisgau sein musste, die zum Tatort von Misshandlungen in einem derartigen Ausmaß wurde. Die Staatsanwaltschaft Freiburg hofft, Ende des Monats Anklage erheben zu können. Vielleicht bekommen die Staufener im Prozess ein paar Antworten. Und die Stadt, die nicht nur Risse der Geothermie aufweist, kann vielleicht wieder heilen.

Der neue Fall in Staufen

  • Im neuen Staufener Missbrauchsfall um einen 41-jährigen früheren Betreuer einer evangelischen Pfadfindergruppe sind erschreckende Details bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft Freiburg wirft dem seit 22. Februar in U-Haft sitzenden Staufener sexuellen und schweren sexuellen Missbrauch von mindestens vier Jungen im Alter von acht bis 14 Jahren vor. Die Taten sollen zwischen 2009 und 2018 vorgefallen sein. Über 400 Mal soll sich der Staufener an einzelnen Jungen vergangen haben, die zu den Tatzeitpunkten zwischen acht und 14 Jahre alt waren. Die Übergriffe hielten teils über Jahre an. „Je nach der Nähe zu den einzelnen Geschädigten kam es zu mehreren Übergriffen pro Woche“, sagte die Staatsanwältin Nicola Nowak. Bei seinen Opfern soll er „sehr manipulativ“ vorgegangen sein und das Vertrauen seiner Opfer missbraucht haben.
  • Der Tatverdächtige hat keine Vorstrafen. Doch von 2004 bis 2007 hat es ein Strafverfahren wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs gegeben. Im Berufungsverfahren ist der Mann aber vom Landgericht Freiburg freigesprochen worden, es stand offenbar Aussage gegen Aussage, das Gericht konnte sich nicht zweifelsfrei von der Schuld des Mannes überzeugen.
  • Bis 2013 war der heute 41-Jährige bei der evangelischen Kirche als Betreuer der Pfadfindergruppe beschäftigt. Zuletzt war er in einem Radgeschäft in der Staufener Innenstadt tätig, zu dessen Kunden auch viele Familien mit Kindern gehörten. Gegen einen weiteren 27-jährigen Betreuer ermittelt die Polizei ebenfalls. (mim)