Wölfe kennen keine Ländergrenzen - deshalb wollen vier Bundesländer beim Umgang mit dem geschützten Raubtier an einem Strang ziehen. Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland erarbeiten ein einheitliches Wolfsmanagement, wie Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) am Montag in Stuttgart erläuterte.

Ziel sei, dem Wolf Lebensraum zu gewähren und zugleich dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung und der Nutztierhalter Rechnung zu tragen. Ein solches abgestimmtes Vorgehen sei bundesweit einzigartig. „Wir betreten hier Neuland.“

Bundesländer entscheiden über Abschuss

Der Grünen-Politiker betonte, die Entscheidung, ob eine Ausnahme nach dem Bundesnaturschutzgesetz gemacht und ein auffällig gewordener Wolf abgeschossen werden könne, bleibe weiterhin jedem Bundesland überlassen. In Baden-Württemberg sei er selbst dafür zuständig, etwa wenn ein Wolf wiederholt Herdenschutzzäune überwinde und Nutztiere töte. Mit dem für das Jagdwesen verantwortlichen Agrarminister Hauk (CDU) habe er die Pläne nicht besprochen.

Der Christdemokrat nannte die Initiative Unterstellers „einen ersten Beitrag des Naturschutzes in einer notwendigen Gesamtdiskussion“. Hauk strebt an, den Wolf ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufzunehmen und dort Ausnahmesituationen zu definieren, um ihn im Ernstfall rasch jagen lassen zu können. Dann hätte Hauk zu entscheiden, ob ein Tier getötet werden kann. Untersteller lehnte das ab und sagte, den Wolf ins Jagdrecht zu übernehmen, ändere nichts. „Sie dürfen diese Tiere nicht bejagen.“

Die Grünen bezeichneten die Diskussion um eine Aufnahme des Wolfes ins Jagdgesetz als irreführend und unnötig. Landeschefin Sandra Detzer sagte: „Im Umgang mit dem Wolf muss die Richtschnur sein: managen statt massakrieren.“

Seit 150 Jahren galten Wölfe hier als ausgerottet

Die SPD-Fraktion sprach von einem „Kasperletheater“ um die Ressortzuständigkeiten. Die unterschiedlichen Aussagen aus dem grünen Umwelt- und dem schwarzen Agrarministerium verunsicherten und verwirrten die Bevölkerung, sagte die SPD-Umweltexpertin Gabi Rolland. Auch die Landtags-FDP empfahl Untersteller eine Rückkopplung mit seinem Kabinettskollegen Hauk.

Seit rund 150 Jahren galten Wölfe in freier Wildbahn als ausgerottet im Südwesten - bis 2015 die Raubtiere zum ersten Mal wieder nachgewiesen wurden. Derzeit streifen nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz zwei Rüden durch die Wälder Baden-Württembergs. Der Verband forderte abschreckendere Sanktionen gegen die illegale Tötung von Wölfen. Ein Wolf war im Juli 2017 tot aus dem Schluchsee geborgen worden. Untersuchungen ergaben, dass er erschossen worden war.

Die vier kooperierenden Länder sind nach Worten Unterstellers noch „Wolfserwartungsland“, weil dort bislang nur durchziehende Wölfe registriert worden seien. Laut Ministerium ist aber nicht auszuschließen, dass in Baden-Württemberg Rudel in drei bis fünf Jahren heimisch würden.

Als Säulen des gemeinsamen Wolfsmanagements nannte Untersteller den Wissenstransfer und die Beobachtung der Tiere mittels Sendern. So seien die Wege der Wölfe, die in einer Nacht 60 bis 70 Kilometer zurücklegen könnten, nachzuvollziehen. Expertenteams mit Wildbiologen und Berufsjägern sollen verhaltensauffällige oder potenziell gefährliche Tiere über Bundesländergrenzen hinweg verfolgen, um sie im Bedarfsall zu töten. Die Kosten für den Einsatz eines Teams werden untereinander aufgeteilt.

 

Wolfsnachweise in Baden-Württemberg

 

- 2015 werden zwei überfahrene Wölfe gefunden - einer im Ortenaukreis und einer im Alb-Donau-Kreis. In beiden Fällen handelt es sich um Rüden aus einem Schweizer Rudel.

 

- Am 15. Mai 2016 filmt eine Privatperson einen Wolf bei Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis). Es ist die erste Sichtung eines lebenden Wolfs in Baden-Württemberg seit 150 Jahren.

 

- Am 8. Juli 2017 wird ein toter Wolf aus dem Schluchsee geborgen. Zuvor wurde er im Juni und Juli an verschiedenen Orten im Land gesichtet. Untersuchungen ergaben, dass er erschossen wurde. Der Rüde kam aus dem niedersächsischen Schneverdingen in den Südwesten.

 

- Am 7. Oktober 2017 reißt ein Wolf drei Lämmer bei Widdern (Kreis Heilbronn). Es ist der erste nachgewiesene Wolfsriss im Land seit mehr als 100 Jahren. Die Herkunft des Tieres bleibt unklar.

 

- Drei Schafe werden am 26. November 2017 bei Bad Wildbad (Kreis Calw) gerissen. Auch sie sind Opfer eines Wolfes geworden. Der Rüde stammt ebenfalls aus dem Rudel bei Schneverdingen in Niedersachsen.

 

- Dasselbe Tier beißt erneut zu. Ende November reißt der Rüde Rotwild bei Simmersfeld (Kreis Calw), Anfang Dezember Rotwild und Sikawild bei Bad Rippoldsau-Schapbach in der Umgebung von Freudenstadt. Ebenfalls soll ein Rotwildriss am 13. Dezember in Forbach (Kreis Rastatt) auf sein Konto gehen.

 

- Am ersten Weihnachtsfeiertag 2017 fotografieren Urlauber in der Nähe von Vöhrenbach (Schwarzwald-Baar-Kreis) einen Wolf.

 

- Ein Wolf taucht im Kreis Ludwigsburg auf. Am 13. Januar wird das Tier nahe der Autobahn 81 in Korntal-Münchingen gefilmt. Einen Tag später wird im Nahen Sersheim eine totgebissene Ziege gefunden - die Tat eines Wolfes, wie genetische Untersuchungen bestätigen. Es ist das zweite Tier, das in Baden-Württemberg sicher nachgewiesen werden kann. Er stammt aus der sogenannten italienischen Linie und ist damit nicht identisch mit dem Tier, das im Nordschwarzwald nachgewiesen wurde.

 

- Eine Wildtierkamera fotografiert am 17. Februar einen Wolf im Oberen Donautal bei Beuron (Kreis Sigmaringen). Ob es sich dabei um eines der bereits bekannten Tiere handelt, ist unklar.