Stuttgart – Tagesmütter und –väter in Baden-Württemberg verdienen durchschnittlich 4,08 Euro pro Stunde und damit weniger als die Hälfte des gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns von 8,84 Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie im Auftrag des Kindertagespflegeverbands Baden-Württemberg, die gestern in Stuttgart vorgestellt wurde. „Obwohl hier eine gesetzliche vorgeschriebene Betreuungsleistung im Auftrag des Landes erbracht wird, ist dies eine sittenwidrige Bezahlung“, kritisiert die Landesvorsitzende Christina Metke. Der Verband fordert für die landesweit knapp 7000 Tagesmütter und rund 100 Tagesväter, die im Auftrag der öffentlichen Hand etwa 20000 Kinder betreuen, mindestens den Mindestlohn.

9,49 Euro pro Stunde wären fair

„Eine faire Vergütung hätten wir bei 9,49 Euro pro Kind und Betreuungsstunde“, sagt Metke. Zusätzlich dringt der Verband auf eine bessere Vergütung außerhalb der Regelzeiten – frühmorgens, spätabends, nachts und am Wochenende – , einen Sachkosten-Pauschalbetrag sowie einen Zuschlag für die hohen Mietkosten in den Ballungsräumen. Metke widersprach zudem der These, viele Tagesmütter würden die Betreuung nebenher betreiben. „Mit 3,3 Kindern und 36 Wochenstunden im Durchschnitt ist die Tagespflege kein Zuverdienst, sondern ein Vollzeitjob und muss auch so behandelt werden.“

Geld für Studie im Internet gesammelt

Von Jugendhilfe und Kommunen erhalten Tageseltern derzeit den mit dem Land ausgehandelten Satz von 4,50 Euro pro Stunde und Kind für die unter Dreijährigen sowie 5,50 Euro pro Kind und Stunde für die über Dreijährigen. „Dieser Betrag wurde seit sechs Jahren nicht erhöht“, sagt Metke. Das Land habe zwar eine Erhöhung um einen Euro signalisiert, beschlossen sei aber noch gar nichts. Und auch mit einem Euro mehr seien die Tageseltern noch weit vom Mindestlohn entfernt. Mit der vom Verband über eine Internet-Spendenaktion (Crowd Funding) finanzierten Studie der Steinbeis Systemanalyse GmbH (Stasa) liegen laut Verband erstmals wissenschaftlich fundierte Zahlen über die tatsächliche Einkommenssituation der Tageseltern vor, die alle Aspekte jenseits der reinen Betreuung mitberücksichtigen.

Ein Viertel der Arbeit wird gar nicht bezahlt

Bei einer Arbeitszeit von etwa 36 Stunden in der Woche sei demnach etwa ein Viertel grundsätzlich unbezahlt. Die Zeit werde für Dokumentation und Organisation, Reinigung, Kochen oder Einkaufen benötigt. „Jede Kita bekommt das extra bezahlt, Tageseltern nicht“, so Metke. „Zudem zeigt sich: Je flexibler das Betreuungsangebot, je geringer der Stundenlohn. Wer also für Eltern im Schichtdienst andere Zeiten anbietet als jemand, der Vormittags vier Kinder gleichzeitig betreut, verdient pro Stunde deutlich weniger bei der gleichen Kinderzahl.“ Die in der Studie errechneten 4,08 Euro Stundenlohn ergeben sich unter Einberechnung der unbezahlten Arbeitszeit sowie abzüglich der Sozialabgaben, für die Tageseltern als Selbständige im Gegensatz zu angestellten Erziehern ebenfalls voll aufkommen müssten.

Kultusministerium widerspricht

Das für die frühkindliche Bildung zuständige Kultusministerium widersprach gestern dieser Darstellung. Im Schnitt betreue eine Tagesmutter 3,3 Kinder, und bei einem Satz von 4,50 Euro oder 5,50 Euro sei sie damit schon heute bereits über dem Mindestlohn, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums. Im Pakt für gute Bildung und Betreuung, den das Land derzeit mit den Kommunen verhandle, sei eine Erhöhung des Stundensatzes um einen Euro bereits vorgesehen, heißt es. Dadurch entstünden dem Land Mehrkosten von 2,8 Millionen Euro pro Jahr. „Vor diesem Hintergrund erscheinen die Forderungen von 9,49 Euro unrealistisch und finanziell kaum darstellbar“, so das Ministerium.

Die Erziehungsgewerkschaft GEW schloss sich gestern den Forderungen der Kindertagespflege an. Landesvorsitzende Doro Moritz: Die Bezahlung ist beschämend. Es ist überfällig, dass wir Mindestlohn zahlen.“