Gelingt ein Leben möglichst ohne Plastik? Diesen Selbstversuch machen seit Januar meine Familie und ich. Wir sind mittlerweile auf einem guten Weg, haben bereits von sechs gelben Säcken damals auf eineinhalb heute reduziert. Für große Diskussionen innerhalb der Redaktion und auch bei vielen Lesern sorgte unsere Menge an gelbem Müll – für manche sind sechs Säcke im Monat viel, für andere eher wenig. Fakt ist, dass jeder Deutsche im Schnitt 37,4 Kilo Plastikmüll pro Jahr produziert, der eine mehr, der andere weniger. Seit wir den Selbstversuch wagen, den mein achtjähriger Sohn Paul angestossen hat, gehen wir plötzlich mit ganz anderen Augen einkaufen. Denn die Verpackungen vieler Waren sind völlig unnötig. Hier unser Überblick:

  • Obst und Gemüse: Hier gelingt der Verzicht auf Verpackungen mittlerweile ausgezeichnet. Denn es gibt sie: die Gurken ohne Folie, die losen Tomaten und Champignons oder die Paprika, die nicht eingeschweißt sind. Natürlich gibt es besonders sensible Produkte – etwa Himbeeren oder andere Beeren – die in Plastik verpackt werden. In manchen Fällen hat das natürlich auch Sinn, will man keinen Himbeermatsch vom Einkauf mit nach Hause bringen.In fast allen Supermärkten, egal ob Discounter oder nicht, gibt es auch Produkte, die ohne Plastikverpackungen im Regal liegen. Manchmal sind es Äpfel, mal die Birnen, mal gibt es Gurken, mal den Salat ohne Umverpackung. Ich greife seit Beginn unseres Plastikpakts genau zu diesen Produkten und sammele sie in einer Pappbox, nehme also keine Kunststofftüte. Die Verkäufer haben sich bei mir bisher noch nie beschwert, dass die Artikel einzeln über ihr Kassenband rollen. Für kleines loses Gemüse benutze ich einen Mehrwegnetzbeutel. Darin kann man Dinge wie Kirschtomaten, Champignons oder Weintrauben füllen.Aber alles andere, was mehrfach verpackt in den Obst- und Gemüseabteilungen liegt, nehme ich einfach nicht mit. Was mir dann noch fehlt, besorge ich auf dem Markt oder in einem der vielen Hofläden, die es in unserer Region überall gibt. Eine gute Option ist auch die Bestellung einer grünen Kiste direkt vom Erzeuger. Es gibt viele Anbieter in der Region, etwa die Reichenauer Gemüsekiste, der Rengoldshauser Hof in Überlingen oder Bio Mayer aus Meckenbeuren. Eine solche Kiste bekommen wir alle zwei Wochen. Darin wird uns Gemüse und Obst direkt unverpackt vor die Haustüre geliefert – online oder telefonisch kann ich bestimmen, was ich bestellen will.
    Wussten Sie, dass 400 Gramm Champignons in einer Plastikverpackung 16 Gramm Müll darstellen? Wiederverwendbare Säckchen sind für loses Gemüse ideal und werden überall akzeptiert. Manche Supermärkte erwägen bereits, sie anzubieten.<sup></sup><sup></sup>
    Wussten Sie, dass 400 Gramm Champignons in einer Plastikverpackung 16 Gramm Müll darstellen? Wiederverwendbare Säckchen sind für loses Gemüse ideal und werden überall akzeptiert. Manche Supermärkte erwägen bereits, sie anzubieten. | Bild: Fotografie Trautmann
  • Nudeln und Reis: Unsere Familie isst sehr gerne Nudeln – ich weiß nicht, wie viel Kilo wir in der Woche vertilgen. Mein Mann ist begeisterter Rennradfahrer und schwört auf die Kohlenhydrate, die in Pasta und Co. stecken. Bisher kaufte ich Spaghetti, Fusilli, Maccheroni und Linguine in gängigen Plastikverpackungen. Doch jetzt achten wir darauf, dass wir nur Pappverpackungen kaufen. Es gibt sie im Supermarkt, leider ist immer ein Sichtfenster aus Plastik integriert. Auch deswegen sind wir mit dieser Lösung noch nicht ganz glücklich. Ideal für uns wäre eine Großpackung, denn Nudeln halten sich ja eine Weile. Im Unverpackt-Laden in Markdorf fand ich das erste Mal Spaghetti, die ich lose in meine Tupperdose packen konnte. Mit 0,40 Cent pro 100 Gramm auch nicht übermässig teuer. Beim Thema Reis sind wir noch nicht sehr weit gekommen. Es gibt zuweilen Basmati-Reis in Pappkartons, aber die allermeisten Sorten werden in Plastik verpackt. Die Reissorten, die in Pappe verpackt sind, sind Kochbeutel und diese bestehen wiederum aus Kunststoff. Nur im Unverpackt-Laden fand ich alle Reissorten, die man sich in selbst mitgebrachte Behälter abfüllen kann.
    Spaghetti ohne Verpackungen gibt es! In Markdorf wurde Kerstin Mommsen bei "Heimatliebe Unverpackt" fündig.
    Spaghetti ohne Verpackungen gibt es! In Markdorf wurde Kerstin Mommsen bei "Heimatliebe Unverpackt" fündig. | Bild: Fotografie Trautmann
  • Ketchup, Saucen, Senf und Mayonnaise: Auch hier lässt sich Plastik vermeiden. Seine Verwendung wächst: Die gute alte Glasflasche wird immer mehr durch Kunststoffgebinde ersetzt – doch wer sucht, der findet. Denn es gibt ihn noch, den französischen Senf im Glas statt in der Plastiktube, das Ketchup in der Glasflasche und die Grillsaucen in gläsernen Behältern. Ich kaufe nur noch Produkte, die in Glas verpackt sind – die Flaschen und Gläser verwende ich wieder, zudem hat Glas deutlich bessere Recyclingquoten als Kunststoff.

 

Es wird immer mehr verpackt

Laut einer Studie, die der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) 2015 in Auftrag gegeben hat, nahmen zwischen 2000 und 2014 die Kunststoffverpackungen bei Obst um 78 Prozent, bei Gemüse um 164 Prozent zu. Inzwischen ist laut der Studie mit 63 Prozent das meiste Obst und Gemüse, das Privathaushalte in Deutschland im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt einkaufen, industriell vorverpackt.

  • Wieviel Verpackungsmüll fällt in Deutschland an? Laut Nabu fielen im Jahr 2015 insgesamt 5,9 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an. Das entspricht einer Masse von 73,75 Millionen Männern, die jeweils 80 Kilogramm auf die Waage bringen.
  • Welches Gemüse ist besonders verpackungsintensiv? Die größten Zuwachsraten an Verpackungen gab es laut Nabu-Studie zwischen 2010 und 2014 bei Pilzen (53 Prozent) und Tomaten (35 Prozent).
  • Welches Obst ist verpackungsintensiv? Hier liegt das portionierte Obst mit einer Zuwachsrate von 62 Prozent vorn. Auch Beeren und Trauben werden immer mehr in Kunststoff angeboten (Zuwachs: 24 Prozent). Bei Trauben wird für eine Schale mit Deckel fast acht Mal so viel Kunststoff gebraucht als für einen einfachen Beutel. Das Verpackungsaufkommen bei Bananen ist dagegen um 44 Prozent zurückgegangen.
  • Woran liegt das? Laut Umweltbundesamt (UBA) hat sich der Anteil an Kunststoffverpackungen in Deutschland seit 1995 fast verdoppelt. Einer der Gründe dafür ist etwa der Trend hin zu Convenience-Produkten (Fertiggerichten) und kleineren Verpackungseinheiten. (mom)

 

Es ist nicht leicht, in allen Bereichen auf Plastik zu verzichten. Wichtig für uns aber ist, dass wir uns seit dem Beginn unseres Versuchs viel klarer darüber geworden sind, was wir einkaufen und dass es sich lohnt, darüber nachzudenken. Jede Kaufentscheidung ist auch eine Abstimmung der Verbraucher: Wenn immer mehr Menschen zu plastikfreien Produkten greifen, wird der Handel irgendwann nachziehen müssen. Natürlich ist mir auch bewusst, dass wir im Vergleich zu anderen noch ganz am Anfang stehen, Plastik aus unserem Leben zu verbannen. Wer sich im Internet umschaut, findet nämlich schnell Menschen, die längst nach dem Prinzip „Zero Waste“ (Null Müll) leben und schon viel, viel weiter sind. Für uns ist das ein Ansporn, dran zu bleiben.

 

So produzieren Sie weniger Müll:

Wenn Sie das nächste Mal zum Einkaufen gehen, achten Sie einfach darauf, ob es Produkte gibt, die zur Abwechslung ohne Verpackung auskommen – es ist gar nicht so schwer:

  • Greifen Sie zu losem Obst und Gemüse. Auch beim Discounter geht das, wenn auch nicht bei allen Produkten. Benutzen Sie aber dann möglichst keine Plastiktüten, um die Waren zu transportieren. Es gibt spezielle Mehrweg-Netzbeutel, in die man lose Ware wie Champignons, Trauben oder Tomaten einfüllen kann. Viele Kassierer kennen diese Beutel, sie wiegen praktisch nichts. Oft nehme ich mir einen Karton und lege die einzelnen Produkte einfach rein.
  • Gehen Sie mal wieder auf den Wochenmarkt. Das hat gleich zwei Vorteile: Sie kaufen regionale Produkte, stärken damit die Landwirte aus Ihrer Gegend und Sie bekommen alles was Sie brauchen, plastikfrei und in den Mengen, die Sie wirklich brauchen. So werden am Ende auch weniger Lebensmittel weggeworfen. Nur ganz wenige Ausnahmen gibt es auch auf dem Markt, etwa bei Zuckerschoten oder anderen exotischen Lebensmitteln.
  • Bestellen Sie eine Grüne Kiste. Vielleicht haben Sie ja auch Interesse daran, Ihr Obst und Gemüse direkt nach Hause geliefert zu bekommen? Die Grüne Kiste ist eine gute Alternative zum Supermarkt. Bei vielen Anbietern gibt es auch Fleisch- oder Milchprodukte. Hier einige ausgewählte Anbieter aus der Region: http://www.reichenauer-gemuesekiste.de (Liefergebiet Konstanz, Singen, Donaueschingen, Villingen-Schwenningen, Überlingen, Salem, Markdorf, Friedrichshafen), https://www.bio-mayer.de (Liefergebiet Friedrichshafen, Markdorf, Lindau) oder http://www.rengo.de (Liefergebiet Überlingen, Markdorf, Friedrichshafen, Pfullendorf, Engen, Stockach, Singen, Tuttlingen, Gottmadingen). Eine Übersicht verschiedener Betriebe, die die Grüne Kiste liefern, gibt es nach PLZ sortiert auch unter http://www.oekokiste.de. Sie können Ihre Postleitzahl und das Stichwort Grüne Kiste in einer Suchmaschine eingeben, dann werden Sie schnell fündig.
  • Selbermachen: Wer Lust hat, kann Ketchup und Co. auch selbst kochen, statt sie in Plastik gehüllt zu kaufen. Rezepte dazu gibt es im Internet und es schmeckt lecker! (mom)