Ausnahmezustand gestern Vormittag im Ravensburger Landgericht. Treppenaufgänge sind für Besucher unpassierbar. Vor dem Saal 1 zahlreiche uniformierte Polizisten. Und kurz nach zehn Uhr eskortieren sechs Zivilbeamte eines Stuttgarter Einsatzkommandos eine junge Frau in den Gerichtssaal. Es ist die 18-jährige Aala W., die als Opfer des versuchten sogenannten Ehrenmordes von Laupheim gegen die eigene Familie aussagen will: Vater, Mutter, der jüngste Bruder und der Ehemann. Mehr als vier Stunden dauert der Zeugenauftritt. Die Öffentlichkeit wurde zuvor auf Antrag der Anwältin der jungen Frau ausgeschlossen. Vorsitzender Veiko Böhm begründet dies damit, dass Aala W. zur Tatzeit im Februar 2018 erst 17 Jahre alt war, die Vernehmung eine schwere psychische Belastung darstelle und mögliche Aussagen schutzwürdige Interessen berührten.

Denn darum geht es in dem Prozess: Am 27. Februar soll der Bruder der schwangeren Schwester in der Wohnung in Laupheim ein Messer in die Brust gestoßen haben. Der Ehemann, ein 17 Jahre älterer Syrer, soll seine junge Frau zuvor mit einem Messer im Gesicht beide Mundwinkel aufgeschlitzt haben. Beiden wird versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Auch auf der Anklagebank die aus Libyen und und dem Libanon stammenden Eltern, die ihre Familienehre beschmutzt sahen, weil sich die junge Frau in einen anderen Mann verliebt hatte und von ihm schwanger war. Sie sollen nach der Tat zumindest Rettungskräfte verständigt haben.

Auf dem Weg in den Gerichtssaal winkte die junge Frau lächelnd zwei Freundinnen zu. Und auch im Gerichtssaal soll es bei der Begegnung mit der Familie keine großen Gefühlsausbrüche gegeben haben, bestätigte Staatsanwalt Florian Steinberg. Am Abend wurde bekannt, dass das Gericht die Haftbefehle gegen die Eltern aufhob. Ein dringender Tatverdacht wegen gefährlicher Körperverletzung habe sich nach den Aussagen des Opfers nicht ergeben. Bruder und Ehemann des Opfers sind weiterhin in Haft. Der Prozess geht am 26. Oktober weiter.