Der Prozess gegen einen 46-jährigen Syrer wegen versuchten Mordes vor dem Ravensburger Landgericht hat noch nicht begonnen, da erklärt Oberstaatsanwalt Franz-Josef Diehl einer TV- Reporterin, das deutsche Strafrecht unterscheide nicht danach, aus welchem Kulturkreis ein Straftäter komme. Das könnte ein schöner Lehrsatz für die Jungen und Mädchen der 10. Klasse der Bad Schussenrieder Realschule sein, die im Saal eins das Fach Gemeinschaftskunde auf ganz reale Art erleben.

Auf der Anklagebank ein sichtlich vom Leben gebeutelter Mann, geboren im syrischen Damaskus, Hirte und Traktorfahrer in der Heimat, der nach eigenen Angaben nur fünfmal in seinem Leben Alkohol konsumiert hat und jetzt angeklagt ist, seine 38-jährige Ehefrau in einer Flüchtlingsunterkunft in Berg im Landkreis Ravensburg mit einem Küchenmesser und einem Hammer am 19. September 2018 fast zu Tode gebracht zu haben. Acht Messerstiche in Kopf, Brust, Bauch und Beine, Schädelbrüche durch Hammerschläge – ein Wunder, dass die Frau überlebt hat und gestern in dem Verfahren als Zeugin auftreten konnte.

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"Alle haben gesagt, bring sie um"

Der Angeklagte, der nicht Schreiben und Lesen kann und kein Deutsch versteht, lässt von einer Dolmetscherin übersetzen, dass er die Tat gestehe, Tötungsabsichten aber bestreite. In der Anklage ist davon die Rede, dass er sich in seiner Ehre verletzt fühlte und die Frau als Besitz betrachtete. „Hätte man mir die Kinder nicht weggenommen, wäre nichts passiert „erklärt er ungerührt und klärt dann das fünfköpfige Schwurgericht darüber auf, dass es in der Heimat für die Tötung einer ungetreuen Ehefrau nur sechs Monate Gefängnis gäbe.

Außerdem waren da noch Mutter, Schwester und Bruder in der Heimat: "Alle haben gesagt, bring sie um." Und der Bruder habe ihm am Telefon empfohlen: "Schneide Dir den Schnurrbart ab. Denn Du hast keine Ehre. Er hat Dir die Ehefrau weggenommen". 

Ehe geprägt von Schlägen und Beschimpfungen

Er – das ist ein Landsmann, der 2015 schon in Berg war, als die Frau ohne Mann aber mit den Kindern ankam und froh über jede Hilfe war. Als zwei Jahre später der Ehemann im Zuge der Familienzusammenführung über den Irak und Bulgarien nachkam, war die Frau ganz verändert und nicht mehr bereit, alles hinzunehmen wie in der Heimat.

Mit 14 Jahren verheiratet, erzählt sie gestern, gab es schon zwei Wochen nach der islamischem Eheschließung erste Schläge und Beschimpfungen – „Wir hatten auch schöne Tage, aber viel mehr schlechte," sagt die Frau und die Begleiterin muss ständig neue Taschentücher reichen.

Wann wurde die Ehe geschieden?

Der Mann auf der Anklagebank verfolgt alles äußerlich ungerührt. Erst als der Landsmann, der jetzt mit seiner Ehefrau und den vier Kindern zusammenlebt, als Zeuge in den Saal kommt, kommt Emotion auf. Aber jetzt geht es vor allem um die Frage, ob und wann die erste Ehe nach islamischem Recht geschieden wurde und von wann die neue Verbindung datiert.

Der Ravensburger Verteidiger Richard Glaubach zeigt die Fotokopie einer Urkunde, meldet Zweifel im Sinne des deutschen Rechts an und Richter Stefan Maier sagt lakonisch: "Mir scheint, wir können nicht alles hundertprozentig klären". Als sich noch der Angeklagte zu Wort meldet, hält sich seine Exfrau die Ohren zu.