Das neue Schuljahr wird es in sich haben. In erster Linie für die über 94200 Erstklässler in Baden-Württemberg, denen zumindest der Beginn ihrer Schullaufbahn noch mit dem Inhalt einer Schultüte versüßt wird. Aber auch für ihre Lehrer. Erstmals geht es an den Grundschulen zurück zu den Wurzeln. Nach Jahren voller Experimente und viel diskutierten neuen pädagogischen Ansätzen wie dem „Schreiben nach Gehör“ – steht wieder verstärkt Rechtschreibung, Lesen und Rechnen im Mittelpunkt. Neben dem Fach Deutsch wird vor allem auch der Matheunterricht gestärkt. Das ist überfällig. Zudem gibt es zusätzliche Stundenkapazitäten und Förderprogramme für diejenigen, denen der Start etwas schwerer fällt als anderen. Hier ist jeder Euro gut investiert.

Schreiben, Lesen, Rechnen

Lehrer an allen weiterführenden Schulen können ein Lied davon singen, wie sehr diese Grundlagen in der Breite fehlen. Wenn baden-württembergische Schüler in Leistungsvergleichen mit anderen Bundesländern wieder aufholen sollen, muss ganz am Beginn der Schulkarrieren angesetzt werden. Im Gegenzug wird der sogenannte Fremdsprachenunterricht in den Klassen 1 und 2 stillschweigend wieder beerdigt – und damit hoffentlich auch die ebenso ängstliche wie überzogene Befürchtung, Kinder seien für internationale Berufskarrieren verloren, nur weil sie in Klasse 1 und 2 keine englischsprachigen Lieder mehr singen.

Schon ein Ausfall ist zuviel

In sich haben wird es das Schuljahr aber auch, weil sich gerade an den Grundschulen der Lehrermangel im Vergleich zum Vorjahr noch verstärkt hat. Das macht die Startbedingungen für Schüler und für Lehrer gleichermaßen schwierig. Zu wenige Lehrer bedeutet: Größere Klassen, weniger Aufmerksamkeit für den einzelnen Schüler, weniger Freiraum für wichtige zusätzliche Schulangebote wie AGs, eine höhere Belastung für den Lehrer, damit eine höhere Krankheitsanfälligkeit und am Ende mehr Unterrichtsausfall. Wer als Schulleiter gerade mit einer Abdeckung von 100 Prozent des Regelunterrichts an den Start geht, dem kippt schon durch einen einzigen grippekranken Kollegen der Stundenplan – von einer Grippewelle im Kollegium, Schwangerschaften oder Kollegen, die ihr Recht auf monatelange Elternzeit in Anspruch nehmen, gar nicht zu reden.

Mangel noch verstärkt

Zwar konnten in Baden-Württemberg durch ein Notmaßnahmenpaket des Kultusministeriums in diesem Jahr prozentual mehr frei werdende Stellen besetzt werden als noch im vergangenen Jahr. Aber weil aus dem Schuljahr 2017/18 eine Bugwelle von unbesetzten Stellen mitschwimmt, fehlen in diesem Jahr unter dem Strich sogar noch mehr Lehrer an den Schulen – vor allem an den Grundschulen im ländlichen Raum.

Hausaufgaben nicht gemacht

Das hat mehrere Gründe. Zum einen wurden vor knapp zehn Jahren die Hausaufgaben im Kultus- und Wissenschaftsministerium nicht gemacht und zu wenig Studienplätze bereitgestellt, um die heranrollende – und absehbare – Pensionierungswelle aufzufangen. Zudem fiel durch die Verlängerung der Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen ein Absolventenjahrgang weg. All das rächt sich jetzt. Und dass die Schulanfängerzahlen höher sind als vorhergesagt, verschärft die Situation. Jeder Grundschullehrer, der jetzt fertig wird, wird dringend gebraucht.

Bedenkliche Anspruchshaltung

Umso unverständlicher ist, dass viele der Absolventen dem Schuldienst den Rücken kehren, wenn ihre persönliche Komfortzone beeinträchtigt werden könnte. Das mag sicher im Einzelfall gute Gründe haben. Dass familiär ungebundene Pädagogen, die eine hochwertige staatliche Ausbildung genossen haben und von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie in diesem Beruf auch wirklich arbeiten wollen, lieber gar nicht in den Schuldienst gehen als für einige Jahre in ländliche Regionen, zeigt eine bedenkliche Anspruchshaltung. Hier wird von manchem aus der Work-Life-Balance der Faktor Arbeit gestrichen. Aber in dieser Größenordnung kann sich der Staat eine Investition ins Leere nicht erlauben.

Gegenleistung einfordern

2300 gelernte Pädagogen wurden in diesem Jahr vom Kultusministerium persönlich mit einem Jobangebot angeschrieben, darunter 230 junge Grundschullehrer. Mit kaum zählbarem Erfolg. Die Not ist so groß, dass Hunderte älterer Kollegen, bereits seit Jahren an Schulen verankert, an Mangelstandorte zwangsversetzt werden, damit jungen Absolventen an Wunschorten Stellen angeboten werden können. Anders sind sie nicht dazu zu bringen, in ihrem gelernten Beruf zu arbeiten. Ein Unding. Es ist höchste Zeit, über eine mögliche Dienstverpflichtung im Anschluss an erfolgreich absolviertes Lehramtsstudium nachzudenken – oder alternativ eine anteilige Rückerstattung der Ausbildungskosten. Ein Lehramtsstudium ist eben kein Studium wie jedes andere.