Das Verbrechen hat bundesweit Schlagzeilen gemacht und verstörende Bilder sind immer noch im Netz abrufbar: ein junger Mann in dunkler Kleidung und weißen Sneakers steht mit einem großen Messer fuchtelnd auf dem Ravensburger Marienplatz. Spätere Bilder zeigen drei schwerverletzte Männer. Überall Blutlachen. Seit gestern steht ein 21-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan wegen versuchten Mordes und versuchtem Totschlag vor der 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ravensburg.

Das mediale Interesse ist groß. Und immer wieder die Frage: wann kommt er? Gemeint ist jedoch nicht der junge Afghane, sondern der Ravensburger Oberbürgermeister Daniel Rapp. Der ist nach der Bluttat am 28. September 2018 zum Helden erklärt worden. Denn er habe, zufällig hinzugekommen, den Messerstecher nach seinem Amoklauf aufgefordert, das Messer abzulegen, was dieser auch tat.

Rapp wird nicht gebraucht

Doch OB Rapp tritt gar nicht als Zeuge auf. Die Staatsanwaltschaft habe ihn zwar benannt. Aber die fünfköpfige Strafkammer habe auf Rapp verzichtet. Dazu der Ravensburger Strafverteidiger Uwe Rung gegenüber dem SÜDKURIER: “Ich brauche ihn nicht als Zeuge." Rung weist noch lakonisch darauf hin, dass vor Rapp schon mindestens zwei Menschen den Afghanen zur Aufgabe überredet hätten. Könne man in den Protokollen nachlesen.

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Dann kommt der Mann, um den es geht in den überfüllten Sitzungsaal eins, mit Fuß- und Handfesseln gesichert und von stämmigen Mitarbeitern des Zentrums für Psychiatrie begleitet und immer aufmerksam beobachtet. Janagha A. trägt einen schwarzen Hoodie mit einem roten Bändchen an der Brust. Er wirkt etwas geistesabwesend. Aber als ihn der Dolmetscher in seiner Heimatsprache Paschtu anspricht, lächelt er.

Traumas und Psychosen

Dann wird das sogenannte Sicherungsverfahren eröffnet. Alexander Boger, Leiter der Ravensburger Staatsanwaltschaft, spricht von dem Messerstecher nicht als dem Angeklagten, sondern vom Beschuldigten. Mehrfach sei der Afghane in psychiatrischer Behandlung gewesen, er leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer schizophrenen Psychose und im Zustand der Schuldunfähigkeit habe er versucht, drei Menschen zu töten.

Er sei deshalb für die Allgemeinheit gefährlich. Was das bedeutet, scheint klar : Am Ende des Prozesses landet der Mann im sogenannten Maßregelvollzug einer psychiatrischen Einrichtung. Die notwendige Begründung und Erklärung soll der renommierte Sachverständige Hermann Assfalg (Ravensburg) später abgeben.

Für Mini-Stundenlohn in der Burgerbraterei

Aber da ist immer noch der Mensch, die Tat, und die Opfer. 18-jährig sei der Beschuldigte von Afghanistan in den Iran gekommen. Dort habe er sich als Autowäscher durchgeschlagen, bevor er 2016 über die Balkanroute und Österreich nach Deutschland einreiste. Ein Asylantrag wurde ebenso abgelehnt wie die Klage dagegen. Einige Zeit arbeitete er als Küchenhilfe in einer Ravensburger Burger-Braterei für fünf Euro die Stunde.

Besonders von einem Kollegen fühlte er sich missachtet und gehänselt. Er wurde krank, konnte nicht mehr schlafen und arbeiten, hörte Stimmen und landete mehrfach im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Weissenau. Ob er die dort verabreichten Medikamente genommen hat, fragt Verteidiger Rung. Antwort: "Ich habe sie weggeworfen“.

Angst vor Trump

Dann wird die Schilderung immer wirrer: von Hass auf Araber und Angst vor dem US-Präsident Trump ist die Rede. Am 28. September 2018 will er sich mit dem verhassten ehemaligen Kollegen auf dem Marienplatz schlagen.

Für 49 Euro kauft er ein großes Küchenmesser und als er an einer Bushaltestelle einen jungen Kurden sieht, holt er das Messer aus der Tüte und erklärt laut: „Ich bin Afghane“. Dann sticht er zu. Mehrmals. Das Opfer leidet noch immer unter den Folgen der Attacke. Als Zeuge sagt er: “Ich kannte den doch gar nicht“.