Seine Aussage ist zentral für diesen Prozess. Majd H. aus Syrien ist der Hauptangeklagte in der Verhandlung um die Freiburger Gruppenvergewaltigung. Elf Männer sind angeklagt. H. soll sich als erster an der jungen Frau vergangen haben.

Vor Gericht aussagen will er nicht. Stattdessen lässt er seinen Anwalt Jörg Ritzel eine knappe Erklärung verlesen. Und die hat es in sich: „Ich habe Franziska W. nicht vergewaltigt“, heißt es in der schriftlichen Aussage von Majd H.

Schriftliche Erklärung des Hauptangeklagten

Sexuellen Kontakt habe es „auf ausdrückliches Verlangen mit ihrem Einverständnis“ gegeben. „Sie war dabei voll orientiert, von dem weiterem Geschehen habe ich erst später erfahren.“ Das weitere Geschehen: Dass sich nach ihm noch mindestens zehn andere Männer an der jungen Frau vergingen.

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Doch der inzwischen 22-Jährige will „niemanden ermuntert, aufgefordert oder angestiftet“ haben, mit dem mutmaßlichen Opfer „sexuellen Kontakt aufzunehmen“, wie es in der Anklage steht. Auch habe er keine Drogen dort verkauft.

Timo P. sagt selbst vor Gericht aus

Timo P. ist der Einzige in der Verhandlung, der sich bereit erklärt hat, selbst vor Gericht auszusagen. Der 25-Jährige kennt Majd H. Er hat ihn im Hans-Bunte-Areal kennengelernt. An jenem Abend im Oktober trinkt er Bier mit seiner Freundin und einer Bekannten, sie kiffen, Timo P. schnieft noch Kokain, bevor sie sich auf den Weg in den Club macht. „Wenn man zur Hans-Bunte geht, dann nimmt man Drogen. 90 Prozent der Leute, die da hingehen, nehmen auf jeden Fall Drogen.“

In der Disco angekommen sucht er nach Majd, findet ihn nicht, ruft ihn an. Der bittet ihn nach Aussage von Timo P. um Hilfe, er solle nach draußen kommen. Majd H. sagt ihm, da sei ein Mädchen, das „voll drauf“ ist.

Die 18-Jährige liegt im Gebüsch. So weit deckt sich die Beschreibung mit der Anklage. Doch dann nimmt Timo P.'s Geschichte eine andere Wendung: Demnach soll Franziska W. gefragt haben, wer sie gerade“gefickt“ habe. Das Wort fällt immer wieder – sie habe diese „Kraftwörter“ verwendet, betont P. Und sie habe ihn gebeten, er möge dasselbe mit ihr tun.

25-Jähriger widerspricht der Anklage

Timo P. sagt, die 18-Jährige habe versucht, ihn zu küssen, ihn am Kragen gepackt: „Es gibt ja Mädchen, die auf so was stehen.“ Seine Anwältin beantragte bereits die Untersuchung auf DNA-Spuren des Bereichs seines T-Shirts. Der 25-Jährige erzählt, Franziska W. habe ihn an der Hose angefasst, im Genitalbereich.

Er wollte zunächst nicht, weil er eine Freundin hat. Doch die junge Frau wollte unbedingt, schließlich bot er ihr Oralverkehr an ihm an. Die Beschreibung die folgt, ist derb. Und stellt die 18-Jährige dar, als habe sie großes Verlangen gehabt. Danach sei sie im Gebüsch geblieben, wollte Timo P.‚s Angaben zufolge nicht mit zurück in den Club. Erst später will der 25-Jährige erfahren haben, dass er schon der Dritte war, der Sex mit der jungen Frau hatte.

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„Es wird ja immer so dargestellt, es hätte ihr jemand was ins Glas gemacht und wir wären alle wie die Monster über sie hergefallen. Aber so war es ja nicht“, bricht es dann aus Timo P. heraus. Franziska W. sei auf Ecstasy gewesen, da sei er sich sicher. „Die hatte Augen wie eine Eule“, beschreibt es Timo P.

Gibt es ein Video der Tat?

Er gibt sich als Drogenkenner. Mit seiner Freundin habe er schon Sex unter Drogen gehabt, die habe sich dann auch „wilder“ benommen. Franziska W. soll laut Anklage unter K.O.-Tropfen gestanden haben. „Ich kann mir nicht vorstellen, wer ihr was ins Glas getan hat“, sagt Timo P. Erfahrung mit der Wirkung von K.O.-Tropfen hat er nicht. „Aber wer k.o. ist, kann nicht reden.“ Franziska W. habe geredet. „Wenn sie Nein gesagt hätte, hätte ich wahrscheinlich aufgehört“, so Timo P.. Er meint: „Sie hätte ja auch aufstehen und gehen können.“

Danach geht Timo P. zurück in den Club, lässt sich volllaufen. Die anderen gehen nach und nach zu der Frau, er bekommt mit, wie sie zurückkommen, darüber reden, was sie mit ihr gemacht haben. Die Frage eines Videos der Tat steht im Raum, Timo P. soll mit dem Angeklagten Jekar D. darüber gesprochen, will es aber nie gesehen haben. Es hätte seiner Meinung nach bewiesen, dass der Sex einvernehmlich war. Die Polizei konnte kein Video sicherstellen.

Seiner Freundin sagt Timo P. zunächst nichts von der Vergewaltigung. Er habe ein schlechtes Gewissen gehabt. Weil er seine Freundin, jetzige Verlobte, betrogen habe. Das beschäftigt ihn bis heute am meisten.

Die Fragen des Richters beantwortet Timo P. noch geduldig. Doch als der Staatsanwalt beginnt, ihn zu fragen, wirkt er zunehmend gereizt. Wenn es konkret wird, kann er sich nicht mehr erinnern. Er sei ja ziemlich betrunken gewesen an jenem Abend, sagt er dann. Am nächsten Morgen habe er einen Kater gehabt.

Vernehmung des mutmaßlichen Opfers

Die Opferanwältin Christiane Steiert hat am dritten Verhandlungstag den Antrag der Ausschluss der Öffentlichkeit gestellt, außerdem fordert sie eine Videobefragung ihrer Mandantin Franziska W. Doch einige der Anwälte sind dagegen.

  • Gutachten: Ein über das mutmaßliche Opfer erstelltes Gutachten beschreibt Franziska W. als Frau, die seit den Geschehnissen „unvorhersehbare Situationen“ und „große Gruppen“ meidet. Der im Gerichtssaal anwesende Gutachter verneint zwar eine posttraumatische Störung, wohl aber leide die junge Frau an chronischen Schlafstörungen, was auf einen „traumatogenen Effekt“ hinweise. Der Gutachter spricht vor Gericht auch von „alten Traumata“, die durch eine Aussage im Beisein der Angeklagten „reaktiviert“ werden könnte.
  • Antrag: Hanna Palm sowie weitere Verteidiger lehnen die Videobefragung ab. Es gehe um die Glaubwürdigkeit der Aussagen der Zeugin, die in direkter Anwesenheit besser geprüft werden könne. Sie forderte die direkte Befragung der 18-Jährigen im Gerichtssaal. Das Gutachten über die junge Frau weise nicht nach, dass die Zeugenaussage vor Gericht eine unvorhersehbare Situation sei. Auch könne fraglich sein, ob es sich um eine Gruppe handle. Im Gerichtssaal sitzen elf Angeklagte mit ebenso vielen Verteidigern. Anwesend sind über 20 Justizbeamte, ein Richter, zwei Beisitzer, zwei Schöffen, die Jugendhilfe – selbst unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Aussage von Franziska W. wird voraussichtlich am 24. Juli folgen. (mim)