Zu einem verbalen Kracher kam es kurz vor der Mittagspause des sogenannten Mafia-Prozesses in der ehemaligen Siemens-Kantine. Placido Anello, 54, einer der Hauptangeklagten im sogenannten Mafia-Prozess in Konstanz, bekommt nach Ansicht seines Verteidigers Tomislav Duzel keine angemessene Mittagsverpflegung: Belegte Brote an zwei Verhandlungstagen je Woche – das sei kein Standard bei der "Versorgung mit Nahrungsmitteln", gab der Villinger Anwalt in der jüngsten Sitzung des Landgerichts zu Protokoll. Er forderte warme Kost für seinen Mandanten, und zwar pikanterweise: "Pizza mit Rucola und Parmaschinken".

Code für Rauschgiftgeschäfte

Dazu muss man wissen: Der Klassiker unter den Pizzen taucht in den abgehörten Telefongesprächen auf, wenn es – so die Staatsanwaltschaft – um den Code für einen schwunghaften Rauschgifthandel geht. Auch Rechtsanwalt Uwe Kirsch, ein weiterer von 16 noch im Saal verbliebenen Anwälten, schloss sich dem Antrag an und ließ die Kammer wissen, dass er warme Mahlzeit in Pizza-Form auch für seinen Mandanten Rosario J. verlange. Schließlich habe auch Peter Graf, Vater von Tennislegende Steffi Graf, in den 90er Jahren während der U-Haft stets ein "volles Mittagessen" bekommen, begründete er den Antrag. Im Gerichtssaal schwankte die Stimmung daraufhin zwischen Schmunzeln auf Seiten der Angeklagten und Fassungslosigkeit bei der Anklage.

Seine Gefühlslage drückte der Vorsitzende Arno Hornstein mit knappen Worten aus: "Ich muss mich zusammenreißen, ob ich so etwas ernst nehme", sagte er und klappte seine Akten zusammen. Ein Pizza-Lieferservice in die streng bewachte ehemalige Kantine wird allerdings vorerst nicht zustande kommen. Die Kammer stellte nach der Beratung fest, dass für die Verkostung der Häftlinge die Justizvollzugsanstalt zuständig sei.

Von Hähnchen und saurem Wein

Angespannt war die Stimmung bei den Angeklagten dagegen beim Abspielen der Abhör-Protokolle. Darin geht es beim ersten Hören zunächst einmal banal zu: Am Telefon unterhalten sich Angeklagte über die italienische Küche, über sizilianische Speisen und kalabresische Getränke. Einmal spricht Placido Anello am Telefon davon, dass er ein Hähnchen gekauft habe – der, der es bestellt hat, sein Abnehmer P., allerdings nicht gekommen sei.

Spannender wird es schon, wenn es um oxidierten Wein geht. In einem Telefonat zwischen den beiden ebenfalls angeklagten Giovanni S. aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis und Rosario J., der nun in der U-Haft nach Pizza-Rucola verlangt, beklagt sich S. darüber, dass eine größere Lieferung Perlwein nicht an Kunden zu bringen sei. "Der Wein ist oxidiert, man kann ihn nicht verkaufen", beklagt sich der Gastronom aus dem Schwarzwald gegenüber Rosario J., den er respektvoll mit "Sie" anredet.

Marihuana im Kilobereich

"Wir versuchen gerade, eine neue Firma zu etablieren. Ich will nicht, dass meine Firma einen schlechten Ruf bekommt." Aus Ermittlersicht geht es bei den Telefongesprächen nicht um knusprige Hähnchen und sauren Wein, sondern um die Lieferung von Marihuana im Kilobereich, das über Italien nach Deutschland geschleust wurde. Eine der Schlüsselfiguren soll der Italiener Rosario J. sein, dem Ermittler Verbindungen zum italienischen organisierten Verbrechen nachsagen.

Der Prozess wird in der kommenden Woche, jeweils Dienstag und Mittwoch fortgesetzt. Ein Urteil dürfte erst frühestens im Spätsommer fallen.

.Eine Zwischen-Bilanz zum Großverfahren gegen neun mutmaßliche Mitglieder einer Drogenbande in Konstanz: http://www.sk.de/9961271