Nach dem Weihnachtsmarkt-Attentat in Berlin im vergangenen Jahr mit elf Toten und 55 teils Schwerverletzten, werden auch auf den sommerlichen Festmeilen die Sicherheitsmaßnahmen hochgefahren. Was sich jahrzehntelang bewährt hat und als sicher eingestuft wurde, scheint angesichts der Ereignisse von Nizza und Berlin buchstäblich von gestern zu sein.

In Überlingen am Bodensee gingen die Gäste daher vor Kurzem beim traditionellen Gassenfest hinter eigens angeschafften Betonpollern in Deckung. Die jeweils 1,3 Tonnen schweren Steine sollen mögliche Attentäter davon abhalten, in eine unbeschwert feiernde Menschenmenge zu fahren, mit dem irren Ziel, ein Blutbad anzurichten. Kostenpunkt: 80 Euro pro Stück.

 

Eigens abgestellte Container sorgten in Allensbach unlängst ebenfalls für gelöste Stimmung bei Grillwurst und Bier. Das ergänzte Sicherheitskonzept hatten, wie es die Vorschrift verlangt, Gemeinde und Polizei so verfügt. Es galt, einen potenziellen Fanatiker daran zu hindern, im Lastwagen auf der geraden und abschüssigen Straße in die kleine Festmeile zu brettern, was zumindest theoretisch möglich wäre.

Anforderungen immer höher

Das Landesinnenministerium hat im Zuge einer Rahmenverordnung verfügt, dass die Polizeipräsidien vor Festen entsprechende Zugangssicherungen mit den Gemeinden und Veranstaltern abstimmen. Eine generelle Vorschrift, Poller zu verwenden, gebe es nicht, erklärte ein Ministeriumssprecher auf Nachfrage. Das Erstellen eines Sicherheitskonzepts ist Aufgabe des Veranstalters. Er legt das Papier der Kommune und der Polizei vor, die es unter den aktuellen Bedingungen prüfen und gegebenenfalls nachjustieren. Angesichts vergangener Terrorakte werden die Anforderungen höhergeschraubt. Niemand will sich schließlich nachsagen lassen, er habe das Thema Sicherheit unterschätzt. Daher sind die Auflagen oft anspruchsvoll. So legte der Narrenverein Markdorf an Fasnacht für die Ausrichtung des Landschaftstreffens der Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte allein 15 000 Euro für Security-Kräfte hin – von dem mittleren vierstelligen Betrag zur Erstellung eines professionellen Sicherheitskonzepts ganz zu schweigen.

Beim Konstanzer Seenachtfest in einer Woche sollen nach Angaben des Konstanzer Pressesprechers Walter Rügert an zwei Stellen massivere Sperrmaßnahmen getroffen werden. Jürgen Wünsche, Geschäftsführer der veranstaltenden Event- und Festivalmanagement GmbH spricht bereits von befüllten Containern. „In Zukunft sind optisch schönere Lösungen angestrebt.“ In der Kürze der Zeit sei jedoch keine andere Variante realisierbar. Die Container sollen laut Wünsche an der Marktstätte von der Bahnhofsstraße her kommend sowie an der Zufahrt zum Areal Klein Venedig aufgestellt werden. „Man muss auf alles reagieren. Die Leute erwarten, dass man sich kümmert“, so Wünsche, der die gute Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium Konstanz hervorhebt.

Betonblöcke bieten kaum Sicherheit

Auf Sicherheit mit Augenmaß setzen die Verantwortlichen des Reichenauer Wein- und Fischerfestes, das am heutigen Freitag auf der Insel beginnt. „Wir treffen ein vernünftiges Maß an Vorkehrungen. Man darf sich nicht verrückt machen lassen,“ meint Karl Wehrle, Hauptorganisator des alljährlich sehr gut besuchten Festes. Im Vorfeld flackerte das Gerücht auf, die Festmeile werde auch seeseitig noch mit Palisaden abgeriegelt, um jede denkbare Attentatsvariante auszuschließen. Das Thema seeseitige Sicherung sei zwar einmal angesprochen, aber sofort ad acta gelegt worden, sagt Wehrle. Festgäste würden hingegen an den Zufahrtspunkten zum Weinfest auf Betonabsperrungen treffen.

Doch die Wirkung schlichten Betons auf der Straße dürfte auf den psychologischen Faktor begrenzt bleiben. „Es ist nicht einfach damit getan, mobile Blöcke aufzustellen“, gibt Marcus Gärtner von der Dekra in Stuttgart im Gespräch mit dem SÜDKURIER zu bedenken. Das gaukele den Menschen nur Sicherheit vor.

Beim Gassenfest 2017 wurden die Poller aufgestellt, 2018 verzichtet die Stadt darauf. <em>Archiv-Bild: Dieter Leder</em>
Beim Gassenfest 2017 wurden die Poller aufgestellt, 2018 verzichtet die Stadt darauf. Archiv-Bild: Dieter Leder | Bild: Dieter Leder

Die Wirklichkeit ist ernüchternd. Der Versuchsleiter bei der Prüfgesellschaft hat im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunk auf dem Dekra-Testgelände die Aufprallwucht eines 10-Tonners, wie er auf deutschen Straßen häufig zu sehen ist, getestet. Der Lkw fuhr mit einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern auf zwei unbefestigte Betonblöcke von jeweils 2,5 Tonnen. „Die sind einfach nur davon geschleudert worden“, sagt Gärtner. Bei einem schrägen Aufprall wurden die Klötze 25 Meter weit weggestoßen, das Fahrzeug wurde nur durch eine zusätzliche Sperrung zum Stoppen gebracht.

Bei Containern könne die Schutzwirkung wegen der Größe besser sein, so Gärtner. Dies aber nur dann, wenn sie auch entsprechend befüllt sind. Der Test sei Behörden im übrigen bekannt, weiß der Prüf-Experte, der von zahlreichen besorgten Anrufen von Polizei und Rathäusern berichtet.