Beim schriftlichen Abitur im Fach Gemeinschaftskunde hat es in diesem Jahr in Baden-Württemberg eine Panne gegeben. Die betroffenen Schüler bekommen die Chance, bereits an diesem Freitag die Prüfung noch einmal zu schreiben.

In einer Teilaufgabe sei ein Fachbegriff vorausgesetzt worden, den nach Angaben des Kultusministeriums viele Lehrer im Unterricht nicht behandelt hatten. „Die betroffenen Schüler dürfen keinen Nachteil haben“, betonte eine Sprecherin.

Warum wurde der Kernbegriff nicht im Unterricht behandelt?

Betroffen sind nach Angaben des Kultusministeriums 130 der landesweit 200 Gymnasien, die im Fach Gemeinschaftskunde eine schriftliche Prüfung anboten. Dort beklagten Schüler, dass sie von dem in der Aufgabe vorausgesetzten „Kategorienmodell“ im Unterricht nichts gehört hatten.

In einer Prüfungsaufgabe sollten sie die Bedeutung der Nato anhand dieses Modells analysieren. Pikant ist allerdings, dass der Bildungsplan dieses Schwerpunktthema als verpflichtenden Stoff vorschreibt. „Nachvollziehbar ist das nicht“, heißt es aus dem Kultusministerium. Es müsse geklärt werden, warum die Lehrer einen so zentralen Kernbegriff nicht im Unterricht behandelt hätten. „Dem gehen wir nach“, sagte die Sprecherin.

Die Chance auf Wiederholung des Abiturs in Gemeinschaftskunde haben nur die Schüler, die das Thema Friedenssicherung gewählt und den Fachbegriff im Unterricht nicht gehört hatten. Die betroffenen Lehrer mussten schriftlich versichern, dass sie den Stoff nicht behandelt hatten.

Schüler haben jetzt die Wahl

Die Schüler haben jetzt die Wahl, ob sie ohne Kenntnis der Note auf eine Wiederholung verzichten oder das Angebot der Nachprüfung nutzen. Wer das alternative Thema „Integration“ bearbeitet hat, ist aus dem Schneider.

Der Zeitplan ist extrem eng. Nachdem vor einigen Tagen die Klagen von Schülern über den nicht vermittelten Kernbegriff eingingen, wurden die Abiturienten der 130 betroffenen Schulen erst an diesem Mittwoch über die Probleme und den Ausweg informiert.

Innerhalb von 24 Stunden müssen sie entscheiden, ob sie ein zweites Mal schreiben wollen. Schon für diesen Freitag ist die Nachprüfung im Fach Gemeinschaftskunde angesetzt.

Elternvertreterin übt Kritik

Scharfe Kritik kommt von der Mannheimer Elternvertreterin Pia Moog. „Mich stört, wie das Problem den Schülern vermittelt wurde“, verweist sie auf die Kurzfristigkeit. Sie betont: „Der Fehler liegt nicht bei den Schülern. Aber die haben jetzt den Stress.“

Den zusätzlichen Druck müsse man bei der Benotung berücksichtigen. Und es müssten alle Schüler im Fach Gemeinschaftskunde die Chance bekommen, die schriftliche Prüfung zu wiederholen. Denn durch den Fehler hätte mancher das alternative Thema gewählt und sich damit eine schlechtere Note eingehandelt. Sie sieht das Regierungspräsidium als Verantwortlichen, nicht die Fachlehrer.

Eigentlich hatte die Kultusverwaltung schon aufgeatmet. In diesem Jahr waren im Südwesten die Sicherheitsvorgaben verschärft und die Abituraufgaben per Computer-Stick an die Schulen verteilt worden. Das hatte funktioniert. Das neue Verfahren war eingeführt worden, weil vor zwei Jahren an einem Stuttgarter Gymnasium eingebrochen, der Tresor aufgeflext und die Umschläge mit den Abi-Aufgaben geöffnet worden war.

Rund 380 Gymnasien in Baden-Württemberg mussten die Mathe- und Englisch-Aufgaben tauschen. Das klappte überall, außer in Sandhausen (Rhein-Neckar-Kreis). Dort bemerkten die Schüler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums hinterher, dass sie ganz andere Fragestellungen bearbeitet hatten als ihre Freunde.