Schon vor dem Müllwagen-Unfall mit fünf Toten in Nagold (Kreis Calw) ist der angeklagte Fahrer mit einem Müllwagen umgekippt. Der Mann verlor damals seinen Führerschein für ein Dreivierteljahr und musste eine Geldstrafe zahlen. Das Landgericht Tübingen zitierte am Donnerstag aus einem Fahreignungsregister. Demnach war der Angeklagte am 25. Mai 2010 mit einem Müllwagen zu schnell gefahren und umgekippt. Sein Beifahrer wurde damals verletzt.

Der 55 Jahre alte Müllwagenfahrer ist im aktuellen Fall wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Er soll der Staatsanwaltschaft zufolge am 11. August 2017 zu schnell in eine Kreuzung gefahren sein, wobei sein Müllwagen auf ein voll besetztes Auto kippte. Alle fünf Menschen darin starben, darunter zwei Kinder.

Gutachter bestätigt "ordentliche Fahrweise"

Am zweiten Verhandlungstag stand das Tempo des Müllwagens im Mittelpunkt. Ein Zeuge sagte aus, dass ihm bei der Fahrt durch das Nagolder Industriegebiet wenige Minuten vor dem Unfall von einem Müllwagen die Vorfahrt genommen wurde. Ein unfallanalytischer Gutachter bescheinigte dem Angeklagten aber eine ordentliche Fahrweise. „Man kann aus dem Fahrstil nicht ableiten, dass versucht wurde, Zeit zu sparen“, sagte der Experte vor Gericht.

Der Müllwagenfahrer hat laut Rekonstruktion des Gutachters wohl vier Kilometer vor dem Unfall seinen Kollegen am Steuer abgelöst und beim Fahren die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten eingehalten. Mit Hilfe eines digitalen Kontrollgeräts aus dem Müllwagen und GPS-Daten konnte der Experte die Geschwindigkeiten des Fahrzeugs und die gefahrene Strecke nachvollziehen. Warum der Müllwagen außer Kontrolle geriet und mit 51 Stundenkilometern auf die Kreuzung schoss, wo er ein Auto mit fünf Insassen unter sich begrub, blieb unklar. Technische Defekte am Fahrzeug, insbesondere an der Bremsanlage, konnte der Gutachter nicht feststellen.

Fahrer spricht von Bremsproblemen

Der Fahrer hatte zum Prozessauftakt am Mittwoch Probleme mit den Bremsen als Unfallursache beschrieben. Das Bremspedal habe sich nicht ganz durchdrücken lassen. Zur These, wonach eine Vesperdose des Kollegen unter das Bremspedal gerutscht sein könnte, sagte ein Physiker des Landeskriminalamtes: „Die Dose passt exakt unter das Pedal.“

Seine Untersuchungen konnten aber weder bestätigen noch ausschließen, dass sie dort zum Unfallzeitpunkt tatsächlich klemmte. Die Dose wurde nach dem Unfall im Fußraum entdeckt, könnte aber auch erst beim Umfallen des Lkw dort hingekommen sein.

Beifahrer liefert kaum Hinweise

Der Beifahrer trug mit der Zeugenaussage am Donnerstag kaum zur Klärung bei: Er aß nach eigenen Angaben sein Vesper im Fahrerhaus. Er habe nichts wahrgenommen. Sein Bruder hingegen erinnerte sich daran, dass der Beifahrer am Unfalltag geschildert habe, wie der Fahrer mit der Motorbremse bremsen wollte, aber nichts funktioniert habe. Das Gericht hörte auch Unfallzeugen, die das Umkippen schilderten. 

Der Fahrer arbeitete zum Zeitpunkt des Unfalls nach eigenen Angaben schon mehr als 16 Jahre lang als Müllwagenfahrer und fuhr täglich zwischen 100 und 200 Kilometer. Sein Arbeitgeber hatte beim Prozessauftakt gesagt, dass sich sein Mitarbeiter in den sechs Jahren der Anstellung keine Bußgelder eingehandelt und nur kleinere Rangierschäden verursacht habe. Das Urteil wird am 19. März erwartet. Dem Angeklagten droht eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.