Erneut steht ein Vertreter der katholischen Kirche im Zentrum schwerer Vorwürfe. "Das dunkle Geheimnis von Kloster Birnau", titelt die Bild-Zeitung am Dienstag. Die darin geschilderten Zustände sind wenig appetitlich und werden in der Bild-üblichen Mischung aus gespielter Abscheu und Schaulust ausgebreitet: Pater Michael S. soll sich mit Jugendlichen zum Boxen getroffen haben.

So reagiert das Kloster 

Die Boxkämpfe des Mönches mit den Teenagern seien nackt ausgetragen worden oder in Frauenkleidern, heißt es. Von einem "vorbestraften Mittelsmann" wurden dem Pater die Jugendlichen zugeführt, so das Blatt. Um sein Treiben zu verbergen, habe der Pater eine Wohnung in Nussdorf angemietet. Die Kinder, inzwischen 35 und 37 Jahre alt, hätten Geld erhalten.

Während den Aussagen der damaligen Teenager breiter Raum geboten wird, kommt der Pater kaum zu Wort. Die Darstellung der Betroffenen wird übernommen, die andere Seite bleibt außen vor.

Das Kloster reagierte auf die Darstellung. Dessen Sprecher Harald Schiffl weist die meisten der Vorwürfe zurück. Eine Wohnung außerhalb der Birnau sei niemals angemietet worden, sagt er auf Nachfrage dieser Zeitung. Zutreffend sei, dass "Pater Michael immer mit jungen Leuten geboxt hat", bestätigt Schiffl. Zu sexuellen Handlungen sei es nicht gekommen.

Damaliger Prior Michael mit krimineller Vorgeschichte

Der Sprecher holt aus: Es fing damit an, dass die damaligen Kinder an die Klosterpforte klingelten und bettelten. Für kirchliche Einrichtungen keine Seltenheit. Dabei gerieten sie an Pater Michael, der sie zum Boxen aufforderte.

Der damalige Prior Michael hat eine Vorgeschichte, die ebenfalls kriminell ist: Er wurde vor 20 Jahren von einer Frau erpresst.

Diese hatte ein Druckmittel in der Hand, das sie vom Hörensagen kannte und ausnutzte: 1997 hatte Pater Michael eine andere Frau im Beichtstuhl gebeten, die Bluse zu öffnen und ihm ihre Brust zu zeigen. Mehr nicht. Diese Verfehlung hatte dem Geistlichen über Monate hinweg 563.000 Mark entlockt, die er der Kirchenkasse genommen und der Erpresserin ausgehändigt hatte.

Neue Vorwürfe

Schließlich zeigte er sich selbst an. Der Seelsorger, dessen Orden das Ideal der Armut lehrt, wurde zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Er hat das Urteil angenommen und lebt inzwischen wieder im Mutterhaus in Vorarlberg.

Damit schien der Fall beigelegt. Doch nun tauchen neue Vorwürfe auf, die damals nicht auf den Tisch kamen – das angebliche Nacktboxen. Die Jugendlichen, die aus derselben Familie stammen wie die Erpresserin damals, sind an den Pater herangetreten. Man kann darüber spekulieren, ob ihnen tatsächlich an der Aufarbeitung der Vorfälle liegt.

Immer dieselbe Großfamilie

Für eher finanzielle Motive spricht, dass sie sich im Herbst 2018 nicht an Polizei oder Staatsanwalt wandten, sondern an den Mann, der mit ihnen geboxt hat. Sie kontaktieren auch nicht die Beauftragte der Erzdiözese Freiburg für Missbrauch, die alle fraglichen Fälle aufnimmt. "Keiner der Betroffenen hat sich bei der Beauftragten gemeldet", sagt Michael Hertl, Sprecher der Erzdiözese. Da Pater Michael nicht auf die neuerliche Kontaktsuche einging, wandten sich die beiden an die Bild-Zeitung.

Die Erpresser von 1999 gehören derselben "Sinti-Großfamilie" (Bild) an. Darauf weist auch das Kloster Mehrerau hin. In einer Pressemitteilung heißt es: "Es liegt der Verdacht nahe, dass der Personenkreis schon vor rund zwanzig Jahren denselben Pater um mehr als 500.000 Euro erpresst hat. Es mutet mehr als nur seltsam an , dass in dem Strafprozess damals keine der heute erhobenen Anschuldigungen vorgetragen wurde."

Kloster sieht sich verleumdet

Die Beschuldigungen (Nussdorfer Wohnung, Nacktboxen) wurde erst in diesen Tagen vorgebracht. Beim Prozess (Urteil November 2001) waren diese Details merkwürdigerweise nicht thematisiert worden.

Das wirft die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Menschen auf, die derart massive Vorwürfe vorbringen. Einer von ihnen sagte Bild: "Ich brauchte das Geld, Mein Vater war tot, meine Mutter krank. Ich hatte die Schule abgebrochen." Dem Pater zugeführt wurden sie angeblich von einem anderen Mitglied der Großfamilie namens Samuel, vorbestraft. Das mag erklären, warum der Familienverband kaum Interesse am Rechtsweg hatte.

Das Kloster will die Anwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Es sieht sich und das Mitglied verleumdet und hat den Sachverhalt aus ihrer Sicht dokumentiert und bei den Staatsanwaltschaften in Österreich und Deutschland hinterlegt. Schiffl: "Wir sind an einer restlosen Aufklärung interessiert."